Heidelberger Zeitung — 1865 (Juli bis Dezember)

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KrcisveMiidigungsblatt sür den Kreis Heidelderg und aintliches Aerkündigungsblatt siir die Amts- und Aintg-
Gerichtsbezirke Heidelberg und Wiesloch nnd Sen Amtsgerichtsbezirk Neckargemünü.

N? 2««


Samstag, 2«. August

* Politische Nmschau.

Am 24. d. ist der Kronprinz von Preußen
mrt seiner Gemahlin zur Königin von England
nach Coburg gcreist.

Die Candidatur dcs Großherzogs von Ülden-
burg hat offenbar in Salzburg entfchiedenes
Fiasco gemacht. Seine rasche Abreisc nach
Berlin und Eutin bcweist wohl, daß er sich
unbehaglich in Salzburg gefühlt, daß seine An-
sprüche bei dcm ösierreichischen Cabinet taube
Ohren gefunden haben.

Jn Kopenhagen faßt man die neueste Wen-
dung der Herzogthümerfrage ganz so auf, wie
in Deutschland auch: als das Ende der augu-
stenburgischen Hoffnungen, als den Anfang
der preußischen Annexion. Die amtliche „Ber-
lingskc Tidende" vom 20. August sagt wenig-
stens: „Mit dem Abschluffe der Gasteiner Ver-
einbarung beginnt in der inneren Geschichte der
. Herzogthümer ein ncuer Abschnitt, welcher sich
für die schleswig-hvlsteinische Partei nicht be-
sonders vortheilhaft gestalten dürfte. Man
kann im Gegentheil eher sagen, daß jetzt die
Axt an die Wurzel gelegt werden soll. Aus
Allem, was bi'slang verlautet, geht wenigstens
hervor, daß Oesterreich in der Weise den be-
stimmten Forderungen Preußens Vorschub ge-
leistet hat, daß das sogenannte Condominium
unter Beseitigung des in augustenburgischer
Richtung sowohl im Beamtenstande als auch
in, den politischen Vereinen vorherrschenden
pafsivcn Widerstandes fortgeführt werden soll.

Der interimistische Leiter des Schweriner
Iustizministeriums, Herr v. Scheve, -ist in
weiteren Kreisen nicht bekannt, in seiner Um-
gebung gilt er für einen gewiegten Beamten,
und was seine politische Gesinnung anbelangt,
so halt man ihn für ebenso reactionär, wie es
scin Vorgänger, Herr v. Schrötter selber war.

Jn Mexiko scheinen die Kaiserlichen einc
Kriegführung zu beginnen, welche auch ihre
Gegner zu Grausamkeiten führt. Franzbsische
Blätter berichten von einem wie gewöhnlich
als siegreich geschilderten Gefechte in Nord-
Mexiko. Darin heißt es denn: Die Escorte'
des Convois wurde mehrfach sehr heftig ange-
griffen, aber es gelang ihr schließlich doch, die
Bande Cortina's zu zersprengen. Der Verluft
desselben betrug über 100 Mann. „Alle Ban-
diten, die uns in die Hände fielen, wurden so-
fort erschossen." Die Kaiserlichen zählten bei

diesem Kampfe nur 5 bis b leicht Verwundcte;
Niemand ward getödtet. Lieutenant Silvon
von der kaiserlichen Armee, der das Unglück
hatte, von seinen Waffenbrüdern getrennt zu
werdett, ist in die Hände der Fenche gesallcn,
und ohne Erbarmei? getödtet worden (eine sehr
natürliche Folge des eigenen Verfahrens!)

Deutschland

Karlsruhe, 23. Aug. Se. Königl. Hoh.
der Großherzog haben mit hychster Ent-
schließung vom 18. d. M. gnädigft geruht, dem
Profeffor Wiedemann in Braunschweig, unter
Verleihung dcs Titels Hofrath, die an der Poly-
technischen Schule dahwr erledigte Lehrsteüe der
Physik zu übertragen.

Kartsruhe, 23. Aug. Am letzten Sonn-
tag wurde von den Kanzeln ein Hirtcnbrief
des Erzbischofs verlesen, in welchem neben den
verschiedenen Kraftäußerungen über die Glau-
benslosigkeit dic Katholiken des Landes aufge-
fordert werden, sich an den Wahlen für die
Kreisversammlungen und die Kammern zu be-
theiligen. Eine gleiche Aufforderung jst an
den Klerus gerichtet. Ueber die sonsügen Be-
strebungen des Klerus berichtet die „A. A. Z,",
daß am 9. Aug. etwa 200 Geistliche eine freie
Conferenz abgehalten haben, in welcher eine
Neihe von Resolutionen gefaßt worden sei.
Dieselben seien insofern charakteristisch, als sie
einen neuen Pründestreit eröffnercn, die Schul-
frage im Siyne der Unterrichtsfreiheit gelost
wiffen wolltev, ein freies politisches Programm
für die sogenannten Klerikalen (Antonomisten)
ankündigten und den Antrag an den Erzbischof
enthalten: „Zunächst für die Rechte der ka-
tholischen Kirche und Religionsgenossen dcn
Schutz deS deutschen Bundes anzurufen." Be-
merkt wird hierzu, lctzterer Schritt stehe auch
in nächster Aussicht; die Vorbcreitung dazu
habe Zeit erfordert, und erwarten die Bitt-
steller zum Wenigsten, daß sich durch den An-
trag beim Bunde die Gelegenheit zu freund-
nachbarlichen Vermittlungen ergeben würde.

x Bom Neckar, 20. Aug. Frankreich
hat von Algier bisher kaum einen andern
Nutzen von Bedeutung gezogen als den, daß
diese Kolonie das Ausbildungshecr für die Ar-
mee des Muttcrlandes war. Das wird auch
der gegenwärtige Kaiser nicht ändern können,
trotz aller in Algerien vor 2 Monaten abge-

haltenen Feftlichkeiten und Reden, trotz seiner
neuern eingehenden Denkjchrift und trotz der
neuen Creditgesellschaft, wclche mit einem Fond
von 100,000 Francs ausgerüstet werden soll.
Sie wird die Häfen zu verbcssern', Eisenbahnen
zu bauen, Kanäle anzulegcn und Städte zu
gründen vcrsuchen, aber sie wird die Franzosen
nicht zu Kvlonisten machen, die Attdere nicht
zu civilifiren vermögen. Es ist deshalb nicht
unmöglich, ja es scheint sehr wahrscheinlich,
daß diese Gesellschaft auf den alten französi-
schen, wiedcrholt gescheiterten Plan zurückge-
wiesen wird, deutsche Auswanderer nach Alge-
rien zu locken, um sie für das französische
Staatsintereffe auszubeutcn. Gegen eine solche
Spekulation. ist es Pflicht der deutschenPreffe,
bei Zeiten energisch aufzutreten. „Schlecht leben
undhartarbeiten" ist in der RegeldasLooseines
jeden Kolonisten, und er kann dafür in beff'ern
Auswandcrungsländern als Algier nur Ersatz
finden in der individuellen Freiheit und in der
besseren Zukunft, welchc den nächften Genera-
tionen in Aussicht steht. — Jn Algerien ist
abcr an Erriugung ciner solchen individyellen
Freiheit nicht zu denken. Die feindselige Stel-
lung der Franzüsen gegen die durch die Colo-
nisation nothwendig beeinträchtigten Eingebvr-
nen läßt dies ebensoweyig zu. wie die Eigen-
thümlichkeit französischer Herrschaft überhaupt.
Ebenso gering sind die Ausstchten auf dic Zu-
kunft, aus gleichen Gründen und weil Algicr
stets von allen politischen Umwälzungcn in
Frankreich zu leiden haben wird.

Aus Daden. Die Sichtung der Polizei-
verordnungen, welche binnen zwei Jahren von
der Verkündigung des Polizeistrafgesetzbuchs an
vollendet sejn muß, ninnnt ihren lebhaften Fort-
gang. Ein großes Verdicnst um diesen schwie-
rigen Gegenstand hat sich insbesondere Mjni-
sterialrath Burger erworben, deffen langjährige
Erfahrung inmitten des fast unentwirrbgren
Netzes veralteter Bcstimmungen sich glänzend
erproben konnte. (S. M.)

Frankfurt, 23. Aug. Der preußischcn
Regierung wurde mehrfach der Vorwurf ge-
macht, daß ste aus politischen Gründen das
Zustandekommen eines Handelsvertrages zwi-
schen dem Zollverein und der Schweiz hinter-
trieben habe. Darauf wird der „N. A. Z."
geschrieben, was Preußen vcranlaßt habe, seine
Genehmiguu'g zu fraglichem Vertrage nicht zu
geben, seien Tarifbestimmungen und gewiffe

nismus wirkt? Jch sür mcinen Theil btn sest über-
zeugt, daß der Schnupstabak durchaus ohne nach-
theilige Folgen gcnoffen werden kann, ja für manche
Zlaturen gewiß sehr zuträgltch ist."

„Na, was Seine letzte Bemerkung bctrifft,"
meinte der König lächelnd, indem er behaglich eine
ungeheure Prise nahm, „stimme ich Jhm nicht bei
und wollte Er mir damit wohl auch nur eine Lon-
cesfion machen. Gift bleibt Gift. Aber was Seinen
Vorschlag betrifft, so will ick demselben gern meine
Genchmigung ertheilen, und mag Er selbst die ge-
hörigen Maßregeln trrffen, um ben Versuch zum
Besten der Sanitatskunde auszuführen."

(Schluß folgt.)

Etn gsnz eigenthümlicher Proceß ist in PariS
im Anzuge, der jetzt die Neugier namentlich allrr
derjenigen erregt, die ihr Leben lang über Erfin-
dungen und Ausflüchte gegen ihre Glaubiger nach-
finnen, und der Gläubtger, die ihre Köpfe an-
strengen müffen, wie fie den Schlichen, Pfiffr»

Die Tabaksprobe.

Nach einer Anekdote auS dem Leheu des „allen Fritz".

Als Friedrich der Große eines Tages in Beglei-
tung seincs Adjntanten im Park von SanSsouct
.lustwandelte, bemerkte er einen alten Invaliden,
der eifrig damit beschäftigt we.r, einzelne Kügelchen
von bereits gekautem Tabak auf ber breiten Krempe
seines Hutes in der Sonne trocknen zu laffcn.

„Was macht Er da?" fragte der große König
den alten Soldaten, dcr in straff militärischer
Haltung salutirte.

„Haltens zu Gnaden, Majrstät! ich trockne meine

„Wozu das, Alter?"

„Ich verkaufe fie um ken halben Preis an rinen
Kameraden, der gern Pfetfe raucht, und so ist,
uns Beiden geholfen."

Friedrich wandre fich kopffchüttclnd zu seinem

„Wenn man doch", bemerkte er, pfeilschnell seine
große goldene Dose zwischen den Kingern drehend, j
„dem Volke diesc Unfitte abgewöhnen könnte. Den !

dcn Tod herbeiführen." „Wie lange kaut Er schon?"

! fragte er den Invaliden.

Ein unmerkliches Lächeln war über daS Geficht
! des Letztercn geglitten, als der König jene Be-
merkung mackte.

? „Mit meinem sechszehnten Iahre, als ick in die ^
^lrmce trat, fing ich an, Ew. Majestät. Irtzt bin
§ ich fiebenzig — macht netto vterundfünfzig Iahre,"
war die Antwort.

„War Er oft krank?" fragte der König ein wenig !
piquirt.

„Nur einmal, Majestät, als mir in der Schlacht
bei Liegnitz eine gottverd — Kugel das rcchte Bein

eine halbe Stiege, will sagen zehn Iährchen fort-
zukauen, halten's zu Gnaden, Majestät!"

„Gerade kein Beweis für meinc. Behauptung,"
brummte der König und schritt nachdenklich weiter.

„Wie wär'S, bcmerkte nach einer Pause der
Adjutant, „wenn Ew. Majestät einmal mit einigen
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