Heidelberger Zeitung — 1865 (Juli bis Dezember)

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bürgermeister von Wien entdeckt und sich dann
nach Ober St. Veith bcgeben. Der Bürger-
meister versammelte.hierauf mehrere Gezneinde-
räthe und Kreunde Slubenrauchs und in die-
sem Kreise wurde die fehsende Summe auch
alSbald gedeckt. Die Sä^e war jedoch sehr
bald stadtkundig geworden, und als heute Mor-
gen der Sohn Stubenrauch's nach Ober St.
Ve.ith kam, um seine Eltern zu besuchen, fand
er dieselben beide todt, durch Cyankali vergistet.
Stubenrauch hatte ein jährliches Einkommen
von 8—10,000 fl., war aber seiner Familie
gegenüber, wie man zu sagen pflegt—schwach,
d. h. es wurdc im Hause eben mchr ausgege-
ben, als eingenommen. Welches Aufsehen die-
ser Selbftmord macht, läßt sich leicht ermessen,
wenn man die gläuzendc amtliche Stellung
Stubenrauch's in's Auge faßt. Folgender
kurze Abriß seiner Carrierc mag dies beweisen:

1852 wurde er zum Professor dcs östcrreichi-
schen Handels- und Wechselrcchtes ernannt.

1853 Präses der ftaatsrechllichen administrati-
ven Staatsprüfungs-Commission, Mitglied oer
judicalen Staatsprüfungs - Commission, t 856
Präses - Stellvertreter dcr rechtshistorischen
Staatsprüfuugs - Commission; 1858 Präses-
Stellvertreter der staatöwisscnschaftlicheu L>taats-
prüfungs-Commission; in den Jahren ^1851
und 1857 Dekan des Professoren-Collegiums,
im December 1858 berusen, an der Wiener
Handcls-Akadcmie Vorträge über Handels-,
Wechscl- und Scerecht, im Jahre 1859 übet
HandelK- und Gewerbs-Gesetzknude zu halten,

1854 in die Vertheidigerliste bei dem Wiener
Landcsgerichte aufgenommen, erhielt 1857 das
Ritterkreuz des Franz-Joseph-Ordens, war
1857 Mitglicd der VorbereitungsCommission
für den statistischen Congreß in Wien und
wurde 1860 Mitglied dcs Verwaltuugsrathes
der Hypotheken-Versicherungsgesellschaft „Vin-
dobona" und Mitglied des Gründungscomites
der „Austria" (wechselseitiger Verein für Kran- ^
ken-Unterstützung und Lebens-Versicherung),
wurde am 15. April 1848 Bürger von Wien,
im Juli und October 1848 Mitglied dcs Ge-
meindeausschusses, 1850 Gemeinderath, Vice-
PräseS der Commission des Gemerbevereins für
die Ausarbeitung eines GenossenschaftS-Statu-
tes und d'er Commission für Erhebung der Ar-
beiterverhältnisse (1860). Professor Stuben-
rauch war zuglcich Mitglied des Centralaus-
schusses der landwirthschaftlichen Gesellschast in
Wien, Veranstalter der Ausstellung von HauS-
haltungsgcgenständen, führte 1840 bis 1849
die Redaction der Zeitschrist für österreichische
Rechtsgelehrsamkcit, übernahm 1850 dic Re-
daction der „Allgemeinen österreichischen Ge-
richts-Zeitung", gründete im Jahre 1856 die
Zeitschrift für tnnere Verwaltung, uud war
irn ersten Semester des Jahres 1848 Mitre-
dacteur der „Wiener Zeitung". Außer vielen
Aussätzen in juridischen und politischen Zeit-
schristen erstreckt sich seine schriftsteÜerische Thä-
tigkeil auf Hcrausgabe vieler Fachwcrke.

Wien, 1. Septbr. Feldmarschall-Lieute-
nant von ^iblenz ist nunmehr definitiv zum
Gouverneur in Holstein crnannl und wird die
höchste Militär- und Civil-Autorität in sich
vereinigen. Die Holsteinischc Regicrung wird
ihren Sitz in Kiel haben. — Die österreichi-
sche Regierung hat Nachrichten von Bewegun-
gen in Serbien, Bosnien und anderen Donau-
gegenden, welche in Betreff der orientalischcn
Angelegenheiten leicht einen ernften Charakter
annehmen könnten. Sie widmct den dortigen
Vorgängen eine ganz besondere Aufmerksamkeit.

BZien, 1. Sept. Eine erschüttcrnde Un-
glücksbotschaft versetzte heute unsere wiffenschaft-
lichen Kreise in große Aufregung. Der in
weitesten Kreisen bekanntc Profeffor Stuben-
rauch und seine Gattin haben sich heutc Nacht
vergiftet. (Man sagt, cin Kaffendeficit von
28,000 fl., dessen sich St. in seiner Eigen schaft
eines Direktors dcs Wiener Sparvereins schul-
dig gemacht, sci die letzte Ursache der Kata-
strophr). Die Vcrgiftung erfvlgte mittclst
Cyankalk.

Graz, 31. Aug. Die „Grazer Tagespost"
veröffentlicht einen Erlaß des Justizministers
an die Oberstaatsanwaltschaften über bie Be-
handlung der Presse; denselbtn wird anfgetra-
gen, Alles sorgfältig zu vermciden, was den
Vervacht tendenziöscr Verfolgung erregen könnte.

Eine freie Kritik öffentlicher Zustände sei be-
rechtigt, sie lenke das Augenmerk der Regie-
rung auf die Wünsche der Bevölkerung. Die
Erzeugnisse der Pressc seien leidenschaftslos und
sm constitutiouellen Geiste zu beurtheilen.

Triest, 3. Sept. Ueberlandpost. Bombay,
8. Aug. Der Radschah von Bhuthan hat den
Engländern Friedensvorschläge gemacht. Die
erneute Amnahme des Kriegcs ist unwahr-
scheinlich. Die englischen Truppen siud von
Krankheitcn stark heimgesucht. Ueber die Ab-
tretung der französischen Besitzungen in Jn-
dien an Eugland werdcn neuerdiugs Verhand-
lungen gepflogen.

Frankreich.

Paris, 1. Septbr. Jn Marseille starben
am 31. August 37 Personen an der Cholera.
Dieselbe ist dort im Zunehmen begriffen. Der
Gemeinderath hat eine erste Summe von 5000 Fc.
votirt, um die für die Heilung dcr Armen,
die von dieser Krankheit befallen werden, noth-
wendigen Arzneimittel beschaffen zu können.
Jn Lyon ist bis jetzt die Cholera noch nicht
ansgebrochen.' Jn Paris herrscht noch immer
die Cholerine. Die Cholera selbst hat sich noch
nicht gezeigt.

G g r a ki! d.

Portsmouth, 31. Aug. Bei dcm gestern
Abend stattgchabten Bankotte brachte der Her-
zog von Somerset einen Toaft auf den Kaiser
Napoleon aus. Er versichcrte, es würden große
Vortheile aus der innigen Freundschaft zwischen
den Marinen Frankreichs und Englands, welche
mehr und mehr besreundet würden, sich erge-
ben. Hr. v. Chasseloup-Laubat erwiderte, daß
dicse Zusammenkünfte eine Bürgschaft für die
Dauer der vorzüglichen Beziehungen zwischen
den beiden Ländern seien.

Z L a ! r e :

Florenz, 2. Sept. Ein königl. Decret
suspendirt den Obcrften Tamajo, auf Antrag
deS Kriegsministers, seines Ranges, wcil er
als Deputirter dem Proteste gegen das Rund-
schreibcn des Ministcrs beigetreten.

Florenz, 3. Sept. Natoli, der Mini-
ster des Jnnern, wird auch die Leitung des
Unterrichtsministeriums beibehalten. — Die
„Jtalie" veröffentlicht einen Brief aus Corfu,
der Oesterreich beschuldigt, es mache Umtriebe
zur Annexion der jonischen Jnseln.

P o L f u g a l

Lifsabon, 1. Sept. Das neue Cabiuel ist
folgendermaßen zusammengesetzt: Vicomte Ca-
ftro, Ministerpräsident und Auswärtiges; Ro-
driguez Sampaio, Jnneres; Paquilo de Sei-
nas, Justiz; Fontes, Finanzcn; Graf Torres-
Novas. Krieg; Tavares de Almeida, Marine;
Serpa Pimentel, Lffentliche Arbeiten.

Neuestc Rachrichten.

München, 4. SePt. Herr v. Beuit hat
seine Badckur abgekürzt. Er wird heute Abend
hier eintreffen, um die Conferenzen mit Herrn
v. d. Pfordten sortzusetzen. Der sächsische
Bundestagsgesandte ist bercits zu diesem Zweck
hier eingetroffen.

Paris, 4. Sept. Der „Moniteur" bringt
ein kaiserliches Decret, wclches die Berathungen
des Generalraths im Seine- und Marne-De-
partement aufhebt, weil cr die Gränzen seiner
Befugnisse überschritten habc. Es spricht den
Wunsch aus, daß ein Gesetz den Genevalräthen
das Recht geben möge, über streitige Depar-
tementswahlen zu entscheiden; dieß Einschreiten
der Regierung solle bloß dann angerufen wer-
den, wann es nicht rathsam sei, den General-
räthen die Wahl ihrcr Vorstandsmitglieder zu
überlassen.

* Heidelberg, 5. Sept. Bei der gestern
dahier stattgehabten Wahlmännerwahl der Kreis-
abgeordneten hat, wie vorauszusehen, die
liberale Partei einen glänzenden Sieg über die
Feinde der Verfassung und der Entwicklung
eines gcsunden Staatslebens davon getragen.
Dennoch wagte es die clericale Partei mit eincm
Wahlvorschlag hervorzutreten und denselben
wahrscheinlich in Ermangelung geeigneter Per-
sönlichkeiten für sämmtliche 8 Wahldistricte gel-
ten ;u lassen. Die Kenntniß des Gesetzes hat
fich dabei in hervorragender Weise bei den Röm-

lingen bewährt, indem sie zwei Namen auf ihre
Liste setzten, welche gar nicht wahlberechtigt sind
und zugleich die naive Ansicht hegten, die.Stim-
men ihrer Candidaten, unter welchen zu allge-
ckeinem Erstauuen dcr Apoftel Lindqu mit dem
Lorbeerkranze fehlte, mürden zusammengezählt.
— Ein wie klägllches Fiasco die Partei des
Rückschritts und der Vcrdummung hicr ge-
macht, geht aus folgender Zusammenstellung
hervor:

Jm 1. District waren stimmberecbtigt 282,
abgestimmt haben 175; hievon erhielt die
liberale Partci als höchste Zahl 141 und als
niederste 138Stimmen, während den Ultramon-
tanen nur 28 Stimmen zufielen und die ge-
ringste Zahl 7 betrug.

Jm 2. Wahldistrict—Wahlberechtigte 217;
Abstimmendc 132; liberale Partei 129—125
Stimmen; ultramontane Partei 4 Stimmen
als höchste, 2 Stimmen als niederste Zahl.

Jm 3. Wahldistrict: Wahlberechtigte 383,
Abstimmende 286. Die Liberalen stegtcn mit
261 Slimmen (niederste Zahl 257). Die Ul-
tramontanen erhielten 21 Stimmen als höchste.
16 «ls niederfte Zahl.

Jm 4. Wahldistrict: 218 Wahlberechtigte,
166 Abstimmcnde; liberale Par'tei 149 Stim-
men, nicderste Zahl 147; ultramontane 15
Stimmen höchste, 3 Stimmen niederste Zahl.

Jm 5. Wahldistrict: 338 Wahlberechtigte,
233 Abstimmende; liberale Partei 207 Stim-
men. niederste Zahl 192; nltramontane 22
Stimmen, niederste Zahl 19 Stimmen.

Jm 6.' Wahldistrict: 319.. Wahlbcrechtigte,
223 Abstimmende; liberale Partei 203 Stim-
men, niederste Zahl 200; ultramontane 18
Stimmen, niederste Zahl 15.

Jm 7. Wahldistrict: Wahlberechtigte 334,
Abstimmende 240; Liberale 228 Stimmen,
niederste Zahl 225, Ultramontane 12 Stim-
men, niederste 3.

Jm 8. Wahldistrict Wahlbcrechtigte 369, Ab-
stimmende 252; liberale Partei 220, niederste
216, ultramontane 29. nieoerste Zahl 1.

* Heidelberg, 5. Sept. Jm Begriffe,
unser Blatt zur Presse zu geben, erhalten rpir
noch Nachrichten über die Wahlresultatc aus
verschiedenen Gemeinven unserer Umgegend:
darnach hat die Verfaffungspartei glänzend ge-
siegt in Mauer, Hilsbach, Wimmersbach, Klein-
gemüud, Meckesheim, Mückenloch, Sandhausen,
Nußloch, Rohrbach, Handschuhshcim und — mit
AuSnahmc des höher am Himmel gelegencn
Dilsberg — auch noch in den andern Gemein-
den unsercs Bezirks.

* KarlSruhe, 4. Sept. Die Betheiligung
an den Kreiswahlcn war cine äußerst lebhafte.
Von den 4200 Wahlbercchtigten wählten viel
mehr als zwei Drittel dersclbcn. Wahlresultat
noch vicht bekannt.

Z Neckargemünd, 5. Sept. Jch beeile
mich, Jhnen das Result'at der gestrigen Wahl-
schlacht mitzutheilen. Die liberale Partei hat
dahier eiue eminente Majorität über die Fin-
sterlinge erhalten. Die höchste Stimmenzahl
der erstern war 243 — dic niederste 226 —
während die Anhängcr Roms und die Ver-
ehrer eines Pfaffcnregiments nur 73 Stimmen
auf ihren Candidaten vereinigen konnten. Die
niederste Zahl war sogar nur 58.

* Eppirigen, 4. Septbr. Bei der hcute
dahier stattgehabten Wahlmännerwahl der Kreis-
Abgeordneten hat in beiven Distrikten die ul-
tramontane Partei cine vollständige Niederlage
erlitten.

* Gppingen, 4. Sept., Abends'. Auch in
den Amtsgemeinden unseres Bezirks fiel dcr
Wahlsteg überall zu Gunsten der liberalen
Partci aus.

** Neckarbischofsheim, 5 Sept Bci
der gestrigen Wahl hat die libcralc Partei voll-
ständig gesiegt.

tz Weinheim, 5. Sept. Jn der Altstadt
hat die Liste der Fortschrittspartei eine bedeu-
teude Majotität erhalten. Die Wahlen aus
der Stadt sind in diesem Augenblick noch nicht
bekannt.

* SinSbeim, 5. Sept. Nach heute ein-
getroffenen Mittheilungen stnd im ganzen Amts-
bezirke die Wahlen in liberalcm Sinne auSge-
fallen.

Die Betheiligung war eine sehr rege, und
wurden auch von ultramontaner Seite ganze
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