Heidelberger Zeitung — 1865 (Juli bis Dezember)

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Utidelbrrger Ztilmig.

Kreisverkündigungsblatt fiir den Kreis Heiüelberg unü amtliches Berkündigungsblatt für üic Amts- nnd Amts-
Gerichtsbezirke Heidelbcrg und Wicsloch mid dm Amtsgerichtsbezirk Neckargemünd.

M 227


Mittwoch, 27 September


* Politifche Umschau.

Die zur Zeit in Kassel anwesenden Land-
tagsabgeordneten — 10 an der Zahl — haben
nach lcbhafter Verhandlnng einstimmig be-
schlossen, sich an dem dcutschen Abgeordneten-
tag nicht zu betheiligen und die Gründe dieses
Entschlusses in einem an die übrigcn kurhessi-
schen Abgeordneten zu richtenden und zu ver-
öffentlichenden Schreiben darzulegen.

Ueber die Stimmung welche die Verfassungssus-
pension in den österr. Provinzen hervorgerufen
hat, schreibt ein Correspondent der Breslauer
Zeitung: Jn Pesth herrscht natürlich Zubel.
Jn Böhmen nnd Mähren ist die Meinung ge-
theilt; die Czechen sind natürlich entzückt, die
Deutschen verblüfft — allein zur Stunde be-
haupten noch die letzteren ihr Uebergcwicht,
namcntlich in Mahren. Sie müffen sich eben
rühren, weil ihnen sonst das Feuer auf den
Nägeln brennt; nnd ungarische Halbdeutsche,
die nichts Eiligeres zu thuu haben, als den
Magyaren die Prügelbank herzurichten, über
die sie der gnädige Herr Stuhlrichter nun bald
wieder ziehen laffen wird, sind unsere mähri-
schen und böhmischen Dcutschen Gott sei Dank
nicht. Jn Salzburg bemächtigte sich bei der
Ankunft des Manifestes eine solche Düsterhcit
der Gemüther, daß das dort eben stattsindende
VolkSfest nebst obligater Ausstellung augen-
blicklich suspendirt werden sollte und dcm Statt-
halter Grafen Taaffe nur mit Mühe gelang,
dic Sache beizulegen. Jn Steiermark, wo die
Autonomisten prädominiren, verwahren sich
doch selbst diejenigen unter ihnen, die am wei-
testen gehen, entschieden gegen den Tieg dcs
Föderalismus in dcn Erblanden. Jn Galizien
werden die Ruthencn, die jetzt wohl auf den
Schutz Oefterreichs gegen die Polen verzichten
müssen, sich jedenfalls mehr und mehr dem
Panslavismus zuncigen — während die Polen
sich jeder Wandlung freuen, wie der unheilbare
Kranke, der sich, um Erleichterung zu finden,
in seinem Bette fiebernd von ciner Seite auf
die andere wälzt, um sich nur zu bald zu über-
zeugen, daß sich doch nichts für ihn gebessert
hat.

Welche Aufnahme das österr. Manifest in
der Geld- und Börsenwelt findct, dafür liefern
die seit gestern um 3 pCt. gewichenen Kurse
mehrerer Staatspapiere den besten Beleg. Die
Kunde, daß die Anleihe nun doch zum Ab-

Der Marterpferch zu Andersonville.
(Fortsetzung.)

Der Pferch zu Andersonville, wohin die Kricgs-
gefangenen gebracht wurden, als zu Anfang dcs

trick'schen^R^azzias den Rebellen die MögliciMt

kahl gerodeten Waldgrundstück von 16 —17 Acres
oder ungefahr 24 Morgen Areal, welches mit einer
l2 Fuß hohen Pfablwand umschloffen war, auf
deren Kranze fortwährend Schildwachen mit scharf-
geladenen Gewehrcn patrouillirten. Ein 20 Fuß
breiter Rand innerhalb des Pfcrchs war durch
Holzpftöcke, die in ziemlich weiten Entfernungen

Rand durfte kein Gefangener herübertreten, obne

dergestreckt zu werden. Iede Schildwache, die sol-
«ergestalt einen „Yankee" todtschoß, erhielt zum
Lohn vier Wochen Urlaub. Oft kam der Fall vor,
daß eine Sckilbwache, um diesen Urlaub zu erhal-
»n, den ersten beslen Gefangenen, der sich in der
Räbe jener abgepflöckten Linie befand, niederschoß.
Mltten durch den Pferch floß ein kleiner trägcr
^ach mit sumpfigem Ufer, ber den Kefangenen
rhr Trink- und Waschwasser liefern und zugleich
nn seinem untern Ende als — Eloake bienen mußte.

schluß gedieheu sei worauf mau sich wahr-
schcinlich berufeu wird, um zu beweisen, daß
der Credit Oestercichs nicht von der Verfassung
abhänge, vermochte das Sinken der Kurse nicht
aufzuhalten.

Zn Agram hat die Nachricht von dem
kaiscrl. Manifest eine große Erregung hervor-
gebracht. Die nationale Partei. welche sich mit
Wien verständigen und Pesth umgehen will,
bereitet die Absendung einec Deputation nach
Wien vor.

Die französtschen Urtheile über den öster-
reichischen Slaalsstreich lauten alle verwerfend.
Der Temps bringt denselben mit dem Gasteiner
Vcrtrag in den engsren Zusammenhang und
sagt unter Anderem: Zur selben Zeit, da
Oesterreich die Frucht vicrjähriger Anstrengungen,
seinen Rang einer europäischen Großmacht und
seinen Einfluß in Deutschland wieder zu er-
ringen verliert, verliert es auch den Titel einer
liberalen Macht und sogar die lezte Spur
der Repräsentativinstitutionen; es ist bismarki-
sirt nach Jnnen, wie nach Außen.

Dev dänische Neichstag ist durch einen offe-
nen Brief des Königs auf den 2. October ein-
berusen.

Wahlberichte.

** ÄuA dem Kreis Heidelberg 26.

Sept. Jn dem 2. Wahlbezirk des Bezirksamts
Heidelberg Schönau wurde als Kreisabgeord-
neter gewählt: Bezirksrath Hartmann von
Hciligkreuzsteinach (Ersatzmann: Bürgermeister
Simon von Schönau); in dem 5. Wahlbezirk
Ne'ckargemünd: Bezirksrath Menzer von
Neckargemünd (Ersatzmann: Altbürgermeister
Zeps in Mauer); in dem 4. Wahlbezirk Lei-
men: Bezirksrath Mampel von Kirchheim
(Ersatzmann: Bürgermeister Sickmüller in
Nußloch). Jn dem Wahlbezirk Sinsheim:
Bczirksförster Laurop von Sinsheim (Er-
satzmann: Apotheker Kreidelvon Eichtersheim);
in Waibftadt: Gemeinderath Streng von
Daisbach (Ersatzmann: Bürgermeister Doll
von Eschelbronn); sämmtlich liberal.

Zn dem 2. Wahldistrikt Wiesloch ist ge-
wählt: Jak. Lindau von Heidelberg.

** Wieblingen, 25. Septbr. Zch beeile
mich, Zhnen das Resultat der Wahl der Kreis-
abgeordneten mitzutheilen welche heute hier
unter der Leitung des Wahlcommissärs Herrn

^ ei^er ^kit, im^ Auguft^v. J.^ über ^30,0^0 ^

ten^die Zelte nicht mehr für ein ZchDtel der Kran- !
ken aus und das Stroh ward Mist. Von Arzncien, !
von körperlicher Pflege irgend einer.Art war keine
Rede; die amtlicken Rapporte der Hospitalärzte !
sind voll von Klagen, daß fie auch Nichts, gar !
Nichts für die Kranken thun können, da es an >
nichts weniger, als AUem gebreche. Der einzige !
Gewinn, den die Kranken dadurch hatten, daß fie ^
ins „Spital" gebracht wurden, war der, daß fie i
rafcher zu Tode gehungert, also rascher von ihren !

Oberbürgermeister Krausmann von Heidel
berg stattfand.

Aus derselben ging einstimmig zum Kreis-
abgeordneten des 3. Wahlbezirks hervor Par-
ticulier Herr Wilhelm Helmreich von hier.
Regierungsfreundlich, von entschicdenem Cha-
rakter, weit ausreichenden Kennlniffen und rei-
cher Erfahruug, ist der Gewählte ganz geeignet
zu diesem neuen so wichtigen Amte. Aus seiner
Vergangenheit hinsichtlich seiner Lebensstellung
will ich nur Einiges berühren. Einige Mal
erhob ihn das Vertrauen der Gemeinden des
Landbezirks Heidelberg auf eine der ehrenhaf-
testen Stellen des Landes, nämlich. auf die eines
Landtagsabgeordneten. Lange Zahre hindurch
war er als Mitglied des landw. Vereins thätig;
viele Jahre fungirte derselbe mit anerkannter
Umsicht, und zwar mitunter in trüber Zeit als
Bürgermeifter sciner Gemeinde. Und mit so
auf diesem Lebenswege erworbcnen Kenntnissen
und Erfahrungen, die dem Erkornen in seinem
neuen Wirkungskreise zur Seite stehen, wird
er auch im Collegium desselben seinen Platz
ausfüllen und sich der Wohlfahrt des Ganzen,
wie des Einzelnen mit solchem Jntereffe hin-
geben, als er es in seiner Gemeinde thut und
daher bei ihr schon ein allgemeines Vertrauen
besitzt. — Als Ersatzmann wurde Hr. Müller-
meifter Fritz Hübsch von Handschuhsheim ge-
wählt.

)( Adelsheim, 25. Sept. Bei der heu-
tigen Kreisabgeordnetenwahl im Bezirk Adels-
heim haben sowohl im ersten Wahlbezirk dahier,
als im zweiten Wahlbezirk Osterburken die Li-
beralen den Sieg davon getragen. Jn Adels-
heim wurde als Kreisabgeordneter erwählt der
evang. Hr. Pfarrer Spath und als Stellver-
treter Hr. BezirksrathRall dahicr undzu Oster-
burken mit 18 gcgen 16 oder 17 Stimmen,
welche letztere auf einen Clericalen sielen, Oeko-
nom Stein von Kudach und als Stellvertrcter
Oekonom Würth von Osterburken.

-ffj- Bruchsal, 25. Sept. Bei der heutigen
Krcisabgeordnetenwahl wurden gewählt: in der
Stadt Bruchsal Bezirksrath S ch m i d 1, Ersatz-
mann Bezirksrath W e b e r dahier, beide liberal;
in Langenbrücken (nebst Odenheim, Oestringen.
Stettfeld und Zeutern) kathol. Pfarrer G roß-
mann von Oeftringen, Ersatzmann Wilhelm
Geißmann von Langenbrücken. beide ultra-
klerikal; in Ubstadt (nebst Heidclsheim, Helms-
heim, Ober- und Unteröwisheim, Ncuenbürg)

! die dicht zusammengedrängte Menge von ^Skeletten
i hättc eröffnet wcrden können. Von einem Versuch
I zu gewaltsamer Befreiung konnte also kcine Rede
, sein, sclbst wenn die Hungerfolter den Gefangenen
! phyfische und moralische Kraft dazu gelassen hätte.
l Die Wenigen , die der Marterhölle entkamen, ver-

-wenn e^ihnen m^öglich gewesen war, einige Hände
! voll Papiergeld den Geiergriffen der Büttel zu ent-
? ziehen. __ (Forts.f.)

(Postbureau Biel 29. August.) Ein Rei-
! sender am Schalter: „Sind Briefe für mich da?"

! — Postbeamter: ,,Sind fie posle i-eslsnte?" —

! — Reisender: „Nem ich bin Katholik."
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