Heidelberger Zeitung — 1865 (Juli bis Dezember)

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daß Pr'mz Wilhelm, obwohl allen Künsten libe.
raler Koketterie abhold, mit seinen politischen
Sympathicen der constitutionellen Entwickelung
angehört, und daß er diese Gesinnung zum
Wohl des LandeS schon mehrfach in entschei«
dender Stunde bewährt hat. Ueberdieß ist der
Prinz durch seine zwanglosen UmgangSformen
bei der Bevölkerung beliebt. (Schw. M.)

Karlsrrche, 22. Nov. Wie die „B. L.-Z.«
hört, ist der großh. Präsident deS Finanzmi-
nisteriumS, Hr. Staatsrath Dr. Vogelmann,
heute Vormittag zu Sr. K. H. dem Großher-
zog zum persönlichen Vortrage nach Vevey ab-
gereist.

-s- Heidelbera, 23. Nov. Am gestrigen
Tage als am 22. Nov. feierte unsere Hochschule
den GeburtStag deS Großherzogs Karl Fried-
rich und die Wiederherstellung der Universitat,
wie eS jedes Jahr üblich ist. Der derzeitige
Prorector, Hofrath Kirchhoff, hielt die Fest-
rede in dcutscher Sprache über „daS Ziel der
Naturwissenschaften." Als solcheS bezeichnete
er, nachdem cr einen Ueberblick über die Fort-
schritte der phystkalischen Wissenschaft von Ari-
stoteleS bis Galiläi und Newton und von da
bis auf unsere Tage gegeben, die Verbindung
der Naturwissenschaft mit der Mechanik, - ohne
welche eS nicht möglich sei, eine sichere Kennt-.
niß der Bewegung und des ZustandeS der Ma-
turkörper zu erlangen, namentlich, nachdem man
durch die neuesten Forschungen arlf diesem Ge-
biete erkannt habe, daß auch der bisher ange-
nommene Wärmestoff nicht alS solcher existire,
daß vielmehr d.ie Wärme nur in einer „un-
sichtbaren Bewegung" sei. Die treffliche Rede
wird dem Druck übergeben werden. Zur Chro-
nik der Hochschule übergehend erwähnt der Red-
ner namentlich den Zuwachs zweier auSge-
zeichneten Kräfte, deS Geh.-Rath KnieS und
des Prof. Otto Weber, letzterer als ordent-
licher Prvfeffor der Chirurgie und Vorstand
der chirurgischen Klinik von Bonn hierher be-
rufen, sodann die Habilitation mehrerer Privat-
docenten. AuS dem Universitätsverband ist
ausgetreten der außerordentliche Profeffor Dr.
Posselt und Dr. Bülow, welcher letztere als
Professor extr. nach Gießen berufen wurde.
Unter den AuSzeichnungen, welchc Mitgliedern
der Hochschule zu Theil wurden, sind besonderS
zu erwähnen die Ernennung der Herren Häus-
ser und Helmh oltz zu Geheimenräthen dritter
Klasse und des Hrn. Kirchh off zum Hofrath.
Orden, sowohl badische als auSländische, beson-
ders schwedische und russische, sind viele zu ver-
zeichnen. ES erhielten solche die HH. Geh. Hofr.
Lange, Geh.-Rath Bunsen, Kirchhoff, Helm-
holtz, Häusser, Bluntschli, Mittermaier, Zöpfl,
Schenkel, Erlenmeyer. Die ZahlderStudirenden
hat in diesem Semester etwaS abgenommen,
doch ist diese Abnahme nicht schr bedeutend.
Es wurden sodann die Urtheile der Facultäten
über die eingelaufenen Preisschriften mitgetheilt.
Die theologische Arbeit wurde als nicht preis-
würdig erkannt; ebenso die von dcr philoso-
phischen Facultät gegebene. Dagegen waren
drei juristische Arbeiten eingereicht worden, von
denen zweien der Preis zuerkannt wurde; die
Preisträger sind Karl Kah von hier und Max

mer drr von Dunker in der NationalvereinSver-
sammlung vorgebrachten Phrase: „Seit 200 Jah-
ren hat Preußen die Schlachten Deutscklands ge-
schlagen." — Wenn man denn doch eine Erörte-
rnng haben will, so sri wenigstenS dieseS bemerkt:
Der am längsten dauernde, die größte Anzahl von
Schlachten in sich begreifende Krieg seit 200 Iah-
ren war der fiebenjährige. War dieS ein deutscker
Krieg in dem Sinne, den Dunker andeutete? Es
war freilick ein Kampf, in welchem, wie in den
beiden ersten schlesischen Kriegen (1740—1745) zu-
nächst Deutsche gegen Deutsche standen, Deutsche
daS eigene Land verwüsteten und fich gegenseitig
hinwürgten. Aber es war kein deutscher Krieg in
jener Bedeutung, sondern ein specifisch preußiscker,
nicht zur Vertheidigung, sondern vielmehr zum
Unheil unseres VaterlandeS. Damit die Hohen-
zollern und nicht die HabSburger übcr Schlesien
herrschen könnten — varum mußte Deutschland so

werden, und darum rtef man hieben wie drüben
auch noch die Fremden hrrbet (alS Verbündeter der

Küchler. Die von der medicinischen Facultät
gestellte Preisfrage fand nnr eine Beantwor^
tung und, wie eS scheint, nach dem auSführ-
lichen anerkennenden Urtheil der Facultät, eine
gediegenc. Als Verfasser dieser letztcrn, welcher
der Preis zuerkannt wurde, ergab der verschlos-
sene Umschlag den Stud. med. Albert Otto
von hier. Zum Schlusse wurden die neuen
PreiSfragen für daS kommende Jahr mitge-
theilt und die Feier unter den wärmsten SegenS-
wünschen für Se. Königl. Hoheit den Groß-
herzog Friedrich geschloffen. Nachmittags
fand ein Festesscn im Holländer Hof statt, an
welchem sehr viele Mitglieder der Universität,
sowie großh. Beamte und hiesige Bürgcr Theil
nahmen, und wobei es an stnnigen Trinksprü-
chen nicht fehlte.

(D Konstanz, 21. Nov. Am 16. d. M.
wurden die Sitzungen deS zum erstenmal
dahier versammelten KreisrathS geschloffen.
Die Verhandlungen gingen in Ruhe und Ord-
nung ver sich und lieferten den BeweiS, daß
diese neue volkSthümliche Anstalt eine zweck-
mäßige sei, und zwar in doppelter Beziehung.
Einmal gibt sie den zeitweisen Theilnehmern
Gelegenheit, sich untereinander kennen zu ler-
nen und mit den verschiedenen Bezirken und
ihren Bedürfniffen durch gegenseitige persönliche
Mittheilungen bekaiwt zu werden; und dann
ist sie eine Schule der Bildung für die freie
Rede und für sachdienliche Begründung nützli-
cher und nothwendiger Vorschläge und Anträge.
Vor Allem aber gewährt sie durch Oeffentlich-
keit und Mündlichkeit der Verhandlungen, so
wie durch die in derselben sich kundgebenden
gegenseitigen Unterstützungen der zweckmäßigen
Anträge die Hoffnung auf geneigtere Berück-
sichtigung, alS wenn solche nur vereinzelt nnd
in schriftlichen Dar^ellungen oder in öffentli-
chen Blättern bekannt gemacht werden. Diese
volkSthümliche Einrichtung gibt auch Gelegenheit
zur Beseitigung der spießbürgerlichen Engher-
zigkeit unter den Gemeinden hinsichtlich der
gegenseitigen Beiträge zum Zwecke dcr Herstel-
lung gemeinnütziger Anstalten. Kurz, das Jn-
stitut der Kreisversammlungen istdie beste Grund-
lage der, wenn auch durch die Regierungsge-
walt beschränkten bürgerlichen Selbstverwaltung,
wie zur Erweckung und Pflege des BürgersinnS,
der in allen Dingen die Sache von der Person
trennt und daher nur das Gedeihen fortschritt-
licher Einrichtungen zum Wohl deS VolkeS
überhaupt, sowie der einzelnen Gemeinden und
Bezirke im Auge behält. Halten die Bürger
diesen Gesichtspunkt fest, so wird allmälig überall
Wahn und Finsterniß verschwinden und es
wird schwer werden, hundert Ochsen zu finden,
um eine Hekatombe opfern zu können für eine
neue Wahrheit, die dem Volke daS geistige Auge
erhellt. — Für Freunde der freicn kirch-
lichen Richtung im Kreise dieses BlatteS
diene zur Nachricht, daß der hiesige Bürger
Zogelmann ein gußeisernes Gitter um den.
Hussenstein für etwa 1100 fl. aus seinen
Mitteln angeschafft und der hiesigen S>tadt alö
Eigenthum geschenkt hat, unter der Bedingung,
daß die Stadl die Zinsen aus diesem Kapital
alljährlich an die besten Schüler der Gewerbe-

Friedrich II. bekennt in der Histoire äe mon temps !
(bekanntlich konnte er nicht deutsch schreiben): die !
von den Preußen nickt besetzten prcußischrn Pro- !

Sachsen habe fieben Mill. liefern müssen(!); durch
Verschlechterung der Münze (!) habe er sechs Mill.
gewonnen. Dazu die englischen Subfidien! — Und !
wie ging eS in den Revolutionskriegen? Der Bas-
ler Friede (1795) ist ein trauriges Denkmal, daß !
das damalige Preußen „Deutschlands Schlachten" !
nickt geschlagen, sondern zuerst den Franzosen daS !
linke Rheinufer überliefert hat. — Gewiß find wir
die Letzten, welche die großen Verdienste verkennen, !
welche vaS preußische Volk im Iahre 18l3 sick er- !
warb, unv wir seben dabei gerne von der sich auf- !
drängenden Bemerkung ab, daß eS nur naturgemäß !
war, wenn der am meisten mtßhandelte Theil der !
deutsckrn Nation sich auch am erbittertsten gegen i
seine Unterdrucker erhob. Aber man unterlasse eS, !
den damaligen wohlverdienten Ruhm auf die ganze !
Geschichte von 200 Iahrcn auszuvehnen, um damit

und höhern Bürgerschule alS Prämien zu ver-
theilen hat. Der Gemeinderath hat diesen Ver-
trag eingegangen, und es ist erfreulich, zu be-
richten, daß die erstmalige Vertheilung schon
bei der nächstcn Osterprüfung stattsinden wird.
Geber und Empfänger verdienen öffentliche
Anerkennuug für die bewiesene Aufopferung
sowohl, als für daS dadurch abgelegte Zeugniß
freiheitlicher Gesinnung; die Stadt selbst aber
ist wieder um eine Zierde reicher geworden,
zu deren Betrachtung alle Reisende, welche
hierhcr kommcn, stch an Ort und Stelle bege-
ben mögen, wohin schon so viele, seit Errichtung
deS HusscnsteinS, den schönen Spaziergang ins
„Paradies" (eine Vorstadt von Konstanz) ge-
macht haben.

X Waldshut, 22. Nov. Am 1. Octbr.
d. I., als am Jahrestage der Einführung
unserer neuen volksthümlichen Organisation
hat sich — in Erinnerung hieran, eine An-
zahl von Männern wersammelt, um in der
Erkenntniß, daß eS nunmehr am Volke selbst
liege, sich durch Strebsamkeit und lebendige
Theilnahme an öffentlichen Angelegenheiten des
Besitzes der neuen Einrichtung würdig zu
zeigen, in weiteren Kreisen auf Anregung des
öffentlichen GeisteS und LebenS hinzuwirken,
und an der allgemeinen Entwickelung und
Fortbildung nützlich mitzuarbeiten. ES wurde
beschlossen, zu diesem Behufe einen Verein für
den Bezirk der Aemter Waldshut und Jestet-
ten zu begründen, der in regelmäßigen Zusam-
menkünften die Besprechungen öffentlicher und
gemeinnütziger Jnteressen und die nähere Zu-
sammenführung der GesinnungSgenossen sich
zur Aufgabe macht. Dieser Vcrein soll nun
am 26. November in WaldShut endgültig ge-
gründet und die Satzungcn festgestellt werden.
Wir hoffen und wünschen, daß auS demselben
für unsere Gegend recht viel Ersprießliches her-
vorgchen möge, dem Landmann, inSbesondere
den OrtSvorgesetzten aus dem Lande, die nöthige
Belchrung über die brennenden Zeitfragen zu
Theil werde, damit sie sich nicht so leicht von
cincr sinstern Partei, welche jedem Fortschritt
entgegenarbeitet, bethören lasseu können.

Sruttgart, 18. Nov. Die Pensionirung
deS württembergischen BundeStagsgesandten in
Frankfurt, StaatSrath von Reinhard, von der
schon frühec mehrmals wegen seiner Gesund-
heitsverhältnisse die Rede war, ist nun auch
erfolgt.

Wiesbaden, 22.Nov. Dic zweite Kam-
mer hat in einer gestern Abend abgehaltenen
Sitzung mit 16 gegen 4 Stimmen u. A. die
Abschaffuug der Jagdrechte auf. fremdem Grund
und Boden ohue Äblösung beschlossen.

Kafsel, 13. Nov. Ein Analogon zp der
bekannten Wachenfeldffchen Angelegenheil llegt
gegenwärtig in einem andern Falle vor. Der
hiesigc Kunst- und Handelsgärtner Knauff chattc
in der Gemarkung Wahlhciden, cine halbe
Stunde vor der Stadt, ein Grundstück ange-
kauft, dasselbe bebaut und zum Blumengarten
eingerichtet. — Um nun sein Geschäft vollstän-
dig betreiben zu können, bcschloß der Eigen-
thümer einige Treib- und Vermehrungshäuser,
sowic auch ein kleineS WohnhauS anzulegen,

die Prätension der Unterordnung von ganz Deutsch-
land unter Preußen zu beschönigen.

Der neue Wein spielt den ältesten Leuten schlimme
Streiche. Am Rheine rechts und links hat schon
Mancher über ein paar Schoppen 65er ins Gras

2 Tage und 14 Stunden in einer Tour. Ein an-
derer Schwabe ging Abends spät von L. nach B.
und hörte aus einiger Entfernung dte klägliche
Bitte: „Komm' doch. mit, laß mich nicht allein
geh'n!" Er cilte zur Stelle — und fand einen des
süßen WeinS Vollen, der einen dicken Apfelbaum
umarmte und diesen so rührend ums Mitgehen
anflehte.

Unter den pürklich hübschen Druckfehlern ist ge-
wtß derjenige iu einer Zeugen-Vorlavung zu be-
trachten, wortn eS heißt: N. N. möge vorber von
seiner geistlichen Behörde sich zum „End r" (statt
zum Eide) vorbereiten lassen. Das ist eine sehr
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