Heidelberger Zeitung — 1865 (Juli bis Dezember)

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Vtidtllitrgrr Zeilung

Krcisverküiidigungsblatt für den Krcis Hcidclbcrg und aintliches Verlünüigungsblatt für die A>nt§- und Aints-
Gcrichtsbczirke Hcidelbcrg nnd Wicsloch und dcn Amtsgerichtsbezirk Neckargeuiünd.

N» 2NL- Sonntag. I«. December


* Politifche Umscbau.

* Die für Frankreich schon seit Beendigung
deS amerikanischen BürgerkriegS vorauszusehende
Vcrlegenheit trilt immer näher. Amerika will
die Franzosen wo möglich noch vor dem Zu-
sammentreten des uächsten CongresseS aus Mcxiko
hinaus habcn, — daran wird in Paris Nie-
mand mehr zweifeln, obwohl die dortigen Re«
gicrungSorgane die officielle Mission deS Ge-
neralS Shofield noch immer in Abrede stellen.
Geschieht vor dcm Congresse nichts, so wird die
Sachlage um so schwieriger, und stellt sich dann
in folgender schneidender Alternative dar: Ent-
weder sofortige, vollständige Näumung Mexikos
von allen fremden Truppen, oder Jntervention
der Vereinigten Staaten zur Vertreibung der-
sclben. Z» gleicher Zeit bedeutet die Ernen-
nung Logan's zum Gesandtcn in Mexiko, nach
Angabe der amcrikanischen Presse, eine ncue
Ankündigung au Vraximilian, daß sein Kaiser-
thum nie anerkannt werden wird. Logan ist
ein schr eifriger Anhänger dcr Monroedoctrin
und hat schon vielfach die bloße Anwcsenheit
Maximilians inMexiko eine „brennendeSchmach"
für Amerika genannt. Er hat öffentlich die
Jntcrvcntion Napoleons III. in Mexiko eine
„infame Schandthat" genannt, welche cin in-
tegrirender Theil der südstaatlichen Rebellion sei,
die nicht als becndet betrachtct werden könnte,
so lange die srcmden Gewalthaber den Boden
der Nepublik Mexiko „bcschmutzten"! Zchn
Tage nach dieser Rcde wurde Logan zum Ge-
sandten in Mexiko, d. h. bei Juarez crnannt.
Zu glcicher Zeit haben Johnson und Seward
in osficiellen Kundgebungen wicderholt ausgc-
sprochen, daß vor Allem die Fremden in Mexiko
bescitigt sein müßtcn, und daß daun das mexi-
kauische Volk sich zu entscheiden habe, ob es
Marimilian behalten wolle. Dicses Letztere
wird mit Nccht als eine innerc Angelegcnheit
Mexikos betrachtet, welche die Union nichts
. angehe.

Die Mitglieder der HandelSkammer zu Eger
haben aus Anlaß der von ihrem Abgeordneten,
dcm früheren Finanzminister v. Plener, bei der
Abstimmüng über dcn Herbst'schcn Autrag be-
wicsencn anti'dcntschen Haltung ein Mißtraucns-
votum an denselbcn bcschlossen.

Die Landtage in binz, Troppau und Klagen-
furt haben Adreffen gegen das Septemberpatent
angenommen.

Die Vcrsetzung deS Oberstaatsanwalts Waser
in daS Colleg des OberlaudcSgerichtS macht
Aussehcn. ÄZaser ist Mitglied des steierischen
Landtags und sprach am 2. d. zu Gunsten deS
Kaiserseld'schcn AntragS, die Aufrechterhaltung
der Februarverfassung betresfend. Dcr Vor-
gang beweist, daß die Negieruny nicht gesonnen
ist, sich von den Bkamtcn Opposition machen
zu lasscn.

Der „Moniteur" veröffentlicht heute das Pro-
mulgationsdecret eineS Vertrages, der sich auf
eine Zolleinmuüg, sowie auf anderwcitige nach-
barliche Verhältnisse zwischen Frankreich und
Monaco bezieht. Es bleibt nach diesem Ver-
trage von der Selbstständigkeit des Fürsten-
lhums nur noch wenig übrig.

Die englische Negierung hat cinc gerichtliche
Untersuchung 'bezüglich' der Vorfällc aus Ja-
maika angeordnet.

Jn Dublin sind dic gesangenen Fenier nächt-
licherweile in ein fcstere^ Gcfängniß geschafst
worden. Der Secretär des Kronadvocatcn von
Tipperary ist unter der Anklage deS Fenianis-
muö verhastet worden.

Jn der ganzen Schwciz herrscht große Ent-
rüstung darüber, wie der Berliner „Kladdera-
datjch" den Nyniker-Handel dazu benutzt, um
über die Schweiz in der bclcidigendsten Weise
hcrzusallen. Die Angriffc clltspringen vor Allem
einer auffallenden Ünkcnntniß im Gcbietc deS
schweizcrischcn Staatsrcchts; dann aber ist eS
doch arg, was eine 'kängst gerichtete Partei in
Uri gesündigt und wogegen sich«dic öfsentliche
Meinuug der Schweiz mit aller Energie auf-
lehntc, der ganzen Eidgcnosscnschast auf Nech-
nung zu sctzcn. UebrigenS ist man hier der
Meinung, die Herren deS „Kladderadatsch"
hätten genug vor der eigenen Thür zu kchren.

Der „Nazione" zufolge enthält der Entwurf
des italicn. Kirchengejetzes nachstchende Punkte:
Die Kirchengüter werdcn verkauft; der ErlöS
wird in Nenten umgcwandclt; die Erzbischöfe,
Bischöfe, Canonici und Pfarrer erhalten festen
Gehalt; die Zahl der Collegien, Diöcesen und
Pfarreien wird vermindert; die Pfarreien zcr-
fallen iu mehrere Klassen; die letzte Pfarrklasse
soll nicht unter 800 Lire Gchalt beziehen; die
äußercn Kirchenangelegcnheiten werden durch
Commissioneu verwaltet, zu denen sür eine
Ncihe von Jahren die Negierung die geeigneten
Personen ernennt, später werden solche durch
die Mitgliedcr der Gemeinde erwählr.

Deutschland.

-f* * Karlsruhe, 8. Dec. Bcide Kammern
halten morgen ihre lctztcn Sitzungen vor den
Feiertagen, und werden dann anf einige Zeit
vertagt. Jhr Wiederzusammentritt ist noch
nicht fest bestimmt, wird aber vor Mitte Ja-
nuar 1866 kaum erfolgen können, da die Re-
gierung die wichtigern und umfassendcren Ge-
setzesvorlagen noch nicht vollständig zum Ab-
schluß gebracht hat.

Jn dcr Physiognomie der zweiten Kammer
ist eine bedeutsame Aenderung vorgegangen,
indem eine nicht unbcdeutcnde Anzahl von Mit-
gliedern, darunter mehrere der hervorragendsten,
sich enger aneinander geschlossen haben, um
auf dem Boden derProclamation vom7. April
1860 und der darin ausgesprochencn Grund-
sätze eine naturgemäße Fortentwickclung unserer
öffentlichen Zustände anzustreben. Man kann
diese Fraction nicht eine Oppositionsparter
nennen, da sie der gegenwärtigen Verwaltung,
die mit jener Proclamation in's Leben gctreten,
in keiner Weise grundsätzlich entgegentritt; vicl-
mehr will sie das Ministerium Lamey eiuerseitS
gegen die büreaukratische und klerikale Gegner-
schaft ernstlich und ehrlich unterstützcn, ander-
seitS aber auch daS Errungcne nicht bloß cr-
halten,'sondern auch überall, wo es daS Jn-
teresse und Bedürfniß deS LandeS fordert, wei-
1er entwickeln. Diese FortschrittSpartei wird,
so hoffen -wir, daS ctwaS erlahmte Leben der
zweiten Kammer neu erweckcn, und dadurch
das etwaS schwankend gcwordene Vertrauen
deS LandcS zu seinen Verlretern wieder her-
stellen und stärkcn.

Die ersten Anzeichen von dieser neuen Par-
teistcllung in dcr Kammer gaben sich bei den
Wahlen für die Vorstanvschaft der Kammex
kund. Dic alte Majorität ist gelöst; bei der
die Parteirichtung in dcr Kammer stets bezeich-
nenden Wahl dcS zweiten Vicepräsiventen er-
hiclt der Abgeordnete Eckhard, der als derRe-g
präsentant dcr Fortschrillspartei galt, 27, der
Candidat der alten Majorität nur 20 Stim-
mcn. Wir wissen zwar nicht, ob sich dieS
Stimmenverhältniß befeftigen und auch daün
erhalten wird, wenn einmal praktische Fragen
zur Entscheidung kommcu. Jmmerhin aber
dürfte die FortschrittSpartei eine nach Zahl
und Besähigung ansehnliche und einflußrciche
Stellung in der erneuren zweiten Kammer
unserer Stände einnehmen.

Rebell-Hochverräther, nach den Andern rin groß-
herziger Menschenfreund, zu scinem Tode am Gal-
gen gekommen ist, einen ber Hauptpunkte bildrn.
Ietzt liegt ein von Gorvon herrührendes Schrift-
stück vor, ein Brief, dcn er, ven Tod vor Augen,
an seine Gattin gerichtet hat; ob er auf ein Schuld-
bewußtskin hindcutet, möge jever Leser des hier
folgrnden Auszuges sclbst beurtheilen. Am Samstag
hatte Gordon vor Gerickt gestandrn; am Montag-
Msrgrn früb, eine Stunde vor Vollzug, wird ihm
das Todcsurtheil erst verkündigt. In diescr kurzen
Frist ist der Brirf geschricben worden. „Mein theures
Weib! Genrral Nclson hat soeben die Güte gehabt,
Mich in Kenntniß zu sctzrn, daß das Kriegsgericht
am Sonnabend mich zum Tode des Hängens ver-
urtheilt hat und daß daS Urthcil binnrn cinrr
Stunde vollzogen werden soll, so daß ich aus dieser
Wclt des Schmerzcs und der Sünde scheide. Jch


daß ich so vor Gericht gestellt und bescitigt werden
soll, da ich dock kein Rebell bin. Jch glaubtr, Se.

zender Sprache gegen mich gebracht werden könnte;
abrr in metner Mackt stand es nicht. Mag der
Herr ihm gnädig sein! ... Da der General eben

sich über meinen Tod nicht schämen. Nun, meine
Theuerste, der Hrrr möge dich schützen und segnen.
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