Heidelberger Zeitung — 1865 (Juli bis Dezember)

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Hkidklbergtr Ikitlmg.

KreisvcrküudigMgsblatt ftir tzen Kreis Hcidelberg unü amtliches Berkündiguugsblatt füc die Amts- und Amts-
GerichtSbczirkc Heidelbcrg unü Wicsloch Md dcn Auitsgerichtsbezirk Ncckargcmünü.


Dienstag, IS December


* Potitifche Umschau.

Wie der „Altonaer Merkur" erfährt, haben
die Mittclftaaten, namentlich Sachsen und Han-
nover, in Berlin angefragt, wann die im Ar-
tikel 2 und 3 des Gasteincr VertragS in Aus-
sicht gestellten BundeSantrage wegen einer deut-
schen Flotte mit Kiel als BundcShafen gewär-
tigt werden könntcn, worauf Bescheid dahin
erfolgte, dieß mnsse dem großmächtlichen Er-
messcn anhcimgestcllt bleiben.

Nach dcr Versicherung dcs „Mem. Dipl."
scicn am 14. die Verhandlungen über eincn
österreichisch.französischen Handelsvertrag eröff-
net worden.

Wie der „TempS" vcrsichert, hat König Leo-
pold von Belgien die Königin Victoria und
den Kaiser Mapolcon zu seincn Testamentsvoll-
streckern ernannt. (Wird neuestens wider-
sprochen.)

Der Londoner „Observer" bemcrkt. die West-
mächte hätten Betreffs deS fpanifch-chilenischen
ConflicteS zwar nicht ein SchiedSgericht ange-
boten; nachdem aber der Admiral Pareja daS
Bombardement unterlaffen hätte, sei einc Ver-
mittlurrg deS FriedenS zu hoffen.

Die neuesten Londoncr Blätter beurtheilen
die Botschaft deS Präsidenten der Vereinigten
Staatcn als allseitig gemäßigt und friedever-
heißend. — Graf Ruffell ist von seiner Unpäß-
lichkeit vollkommen heDgestellt.

Die skandalösen Auftritte, welche sich wäh-
rend der Predigt deS Msgr. Ghilardi im Dom
in Mailand ereignetcn, wurden vom Präfekten
sofort nach Florenz gemeldet, und so eben ist
ein Telegramm eingetroffen, wonach der Präfett
aufgefordcrt wird, Msgr. Ghilardi zu bedeuten,
daß er unverzüglich seiue Predigten einzustellen
habe, und daß, wenn er dem ministeriellen Be-
fehl nicht Folge leiste, er mit Gewalt nach sci-
ner Diöcesc zurückzubringen sei. Hcute Abend
verläßt der Fanatiker Mailand.

Deutschl», nd.

Karlsruhe, 13. Dec. Unter dem Titel
„Dic neue Acra in Baden" ist ein Büchlein
erschienen — man denke von wem? Von einem
Prinzen, von C. Pr. zu I. (Jsenburg ?) Seine
Durchlaucht meinen, der Bund solle sich ein-
mischen und der Bund habe um so mehr An-
laß dazu, alS sonst die Garanten des westfäli-
schen FriedenS, Frankreich und Schweden, Ver-

Prästdent Jvhnfon.

Wenn irgend ein Mann der Politik Recht hat,
von angestrengter Arbeit zu ^redeip, so tft es der

nicht nur daS höchste, sondrrn auch das mühcvollste
Amt in der großrn Revublik. Eine amrrikanische
i^orrespondenz in^drr Times gibt folge^de ^cki^-

Briefen erwartet. Seinen Secrrtärrn dictirt er
Antwortrn auf die vielfachrn AnstrllutttzS- und
Beförderungsgesuchr, auf bie Amnestiebittschriften,
deren durchschnittlich 200^tätzttch einlaufen, ^iuf die

cirten Güter,^Parboniuch>.r schreiten ungeduldig
vor der Thüre des Bureaus auf und ab, und
Kraucn verlangen mit unbrschreiblicher Unverschämt-
heit sofortigen Zutritt. Der Präfident muß seine
Arbeit liegen laffcn; die Besucher treten eincr nach
dem andern ein. Irrthümer über Jrrthümer, Ver-
lrgenheiten «ber Verlegenheiten kommen vor, und
wenn um 2 oder gar um 3 Uhr noch keine Ab-
nahme der Gäste zu verspüren ist, so läßt der Prä-

anlassung nehmen könnten, ein Wörtlein darein
zu reden! Nach dem gothaischen Kalender für
1866 gibt eS einen Prinzen Karl von Asen-
burg, geb. 1838, wclcher 1861 zum katholischen
Bekenntniß übergctreten ist; er ist vermählt mit
einer Prinzcfsin von ToScana und hat daher
für seine Person jedenfalls das Recht, mit der
Entwickelung der Dinge nicht allein in Baden,
sondern in ganz Europa so unzufrieden wie
nur irgcnd möglich zu sein. (Bad. LdSztg.)

-j- Heidelberg, 16. Decbr. Wir habcn
nunmehr genaue Kcnntuiß von dcr sogen. alt-
katholischrn Versammlung crlangt, welchc der
„Pfälzcrbote" in vollständig unwahrer Weise
besprochen hat. Es steht fest: 1) Hr. Dr. B.
war während der ganzcn Zeit abwesend, hat
also nicht Theil genommen. 2) Es war eine
Versammlung bereitS bcschloffen, Hr. AmtS-
richter B. von einem hiesigen Altkatholiken
brieflich ersucht, zur Versammlung zu kommen,
und erft als die Ankündigung in den Blättern
bereitt erfolgt war, entschied man sich dahin, die
Versammlung aufzuschiebcn. Darum ergingen
keine weiteren öffentlichen Einladungen. 3) ES
waren nur 3 Abdrücke dcr genannten Schrift
vorhanden, für hiesige Männer bestimmt. 4)
Die zwei Bauern, welche alS „Altkatholiken"
kamen (von I. Lindau geschickt waren?), haben
auS den Verhandlungen geschlossen, daß wirk-
liche Katholikenfrennde beisammen waren, sie
haben Hrn. B. ersucht, ihrcn Besuch anzuneh-
men, weil sie noch mehr zu hören wünschten.
5) Der Pf. B. gesteht felber, daß diese An-
hänger Lindaus ihm Vorwürfe gemacht, daß cr
nicht auch gekommen. Wir lernen nun daraus:
daß Lindaus Anhänger nicht aus Ucberzeugung,
sondern auS Blindheit ihm nachfolgen, sonst
hätten sie merken müfsen, daß Gegner der
Ultramontanen versammelt sind; ferner lernen
wir, daß selbst die erprobtesten Jünger deS
UltramontanismuS leicht aus dcffen Klauen zu
ziehcn sind, wenn sic nur die rechte Bele'hrung
finden; daß von jenen Altkatholrken nichtS Un-
katholischeS geäußert wurdc, sonst hätten die
Landleute nicht eine Ueberzeugung, sondern
Mißtrauen erlangt. Und d a wagt eS der Pf.
B. von perfiden Schelmenstreichen, Unterwühlen
der Religion zu reden? Daß der Pf. B. die
Schwächen seiner Partei so aufdcckt, und seine
Feder in den giftigen Angstschweiß, den der
altkathol. Verein ihm auStrieb, stecken mürde —
wir hielten ihn für geschcidter. Nur recht fort-

fidcnt, naäidrm er ein Paar Secretäre als Verstär-
kung zu fich grrufen. bie Thüre für Alle öffnen; die
Menge drängt fich hinrin, wie ins Theater, und
Einrr nach dem Andern wird böflich, aber kurz be-
schie^en. Die ^Sectetare^zcic^cn die^ Bcantwor-

ten Anstrengung mit^ tiefem Seufzrr aufathbmend,
begibt fich Hr. Iohnson um 4 Uhr zu Tische. Rach
aufgehobener Tafel erscheint er wiedrrum in seinem

ficht und Abfertigung der unzähligen Schriftstücke
auf scinem Pultc fortzusetzen. Bis 11 Uhr vcr-

aut von untergeordnetrn Beamten erledigt^werden
könnte. Die Lage deS Südcns unb dic Kinanzvcr-

gelogcn, fortverläumdet, Gischt und Galle unter
euere Leser gespritzt. Der Düppelbohrcr der
Zeit wird euch das Handwerk legen, Schöner
könnte nicht bewiesen werden, daß dcr altkath.
Vercin den UltramontaniSmus zu Boden schla-
gen kann, als das naive Geständniß des Pf.
B., daß sogar Lindau-ianer von ihm „ange-
steckt" wurden. — (Die Aufnahme vorstchender
Erklärung, obgleich sie gegen eine Auslassung
dcS Pf. Boten gerichtct, wollten wir nicht bc-
anstanden, damit in die lügnerische Darstrllung
gedachten BlatteS dic gehörige Klarheit komme.
Wir haben schon früher erklärt, daß wir eine
Polemik mit einem Blatte vermeiden, welcheS
eine Partei repräsentirt, die sich nicht scheut, in
öffentlichen Versammlungen die Jntervention
deS AuslandeS anzurufen, und tagtäglich die
gröbsten Verdächtigungen crhebt gegey Alles,
waS eine gesunde, freie Entwicklung im Geiste
unscrer Zeit fördcrt. Eine Partei, die sich nicht
entblödet, fortwährend daS Volk aufzuwiegeln,
und unter dem Deckmantel „die Religion ist
in Gefahr", die Leidcnschaften der bethörten
Maffen in der frivolsten Weise aufzustacheln,
die fanatisirte Menge zum thätlichen Wider-
stande gegen die gesetzlichen Anordnungen reizt,
und ihre Gegner jeweils auf die unwürdigste
Weise verdachtigt, und dieselben in der Sprache
deS gewöhnlichcn Pöbels beschimpft— mit einer
solchen Clique müssen wir eS verschmähen, fer-
ner in einen Federkampf einzutreten. D. Red.
d. Heidelb. Ztg.)

Darmstadt, 14. Dec. Oeffentliche Blät-
ter enthaltcn den Wortlaut der vom Ausschuß
der zweiten Kammer cinstimmig vorgeschlage-
nen Adreffe. Wir theilen von diesem Schrift-
stück, welcheS einem umfangreichcn Beschwerde-
buch des Landes und Sündenregister der Re-
gierung gleichkommt, zunächst den Schluß mit:
„Königliche Hoheit! Die Bedrängnisse auf re-
ligiösem, die Zurückhaltung der Entwicklung
auf politischem, die Hemmungen auf volkswirth-
schaftlichem Gebiete weroen nicht nur von der
zweiten Kammer der Stände, soudern von dem
überwiegend großen Theile der Bevölkerung
empfunden; sie geben Zengniß von einem tief-
gehenden Gegensatz zwischen den Ansichten und
Bestrebungen der RLthe E. K. H. unv den
Ansichten und Bcstrebungen der zweiten Kam-
mer. Die treu gehorstimsten Abgeordneten zur
zweiten Kammer sind sich bewußt, getreu ihrem
Eide, so wie Pflicht und Ehre gebieten, den


(Zur Thierseetenkunde.) Ein Seitenstück
zum Hunde, der die Hühner srinrS Herrn im Stalle
zählt: Ein Hrrr hatte die Gewohnheit, deS Nachts
im Bette zu lesen, wobri er öfter einschltef, im
Traum daS Licht umstieß und dadurch in Gefahr
kam, im Bette zu verbrennen. Dieser Herr hatte
einen sehr intelligenten Hund „Schnautzer", wclchcn

ihn der Schlaf überfallen hatte. Schnautz verrtchtete
seine« wichtigen Dienst aufs pünktlichste: sobald
der Hrrr eingrschlafen war, setzte der treue Hund
mit einem Sprung auf den Nachttisch — und blieS
das brrnnende Licht aus. — Ein anderes Stückchen,
bcsonders für Naturforscher und Iäger! Im Spät-
jahrr, wrnn die Wicsen der Thäler unter Waffer
stehrn, fliegt der Tschuhu von seinem hohen Kelsrn-
nrste herab, streicht über die bewäfferten Wirsen
wrg, und wenn ein MLuSlcin wrgen deS einge-

Wird^cs vom Hrrrn Tschuhu am Kragen grpackt
und inS Felsennest grschleppt. Dort amputirt ihm
der gelehrte Vogel mit seinem scharfen Schnabel
alle Füßchen, so daß daS arme MäuSlein nie mehr
au- dem Kelsenneste flüchten kann. Dte so gefange-
nen Mause füttert der Tschuhu den ganzen Winter
hindurch mit Haselnüffen und verspeist immer nur
die fettesten Mäuse nach Bedürfniß.
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