Heidelberger Zeitung — 1866 (Januar bis Juni)

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zwar im wohlerwogenen öffentlichen Zntereffe
felbst auS leicht begreiflichen Gründen. England,
die Vereiniglen Staaten gewahren z. B. für
solche Kreise öffentlicher Diener die HLchsten
Pensioncn. Andere Staaten bieten verhättniß-
maßig sehr hohe Besoldungen und Gehalte, da-
mit ver betreffende Beamte auS dem ersparten
Ueberschusse seine. Zukunft felbst sicher ftellen
kann.

Wic wohl wir nun deu RechtSanspruch des
öffentlichcn Dicners anf cine angemessenc Pen-
fton im Altcr im Jntereffe des Staates selbst
unb aus allcn BilligkeitSgründen gerne ancr-
kenncn nnd eine Aenderung diejeS Verhältnisscs
für eine Gefährdung des Staatswohlcs hielten,
so können wir doch die Agitation nicht unbe-
dingt billigen, welchc gegenwärtig in gewissen
Blättern. deren Liberalismuö überhaupt einer
Schraube gleicht, getrieben wird, um dcn Ab-
zug des Füustels bei cintretenden Pensioniruw-
gen wegzubringen. Seit de m Zahre 1833 wird
bckannllich bei Berechnungen der Pensionirun-
gen dcr fnnfle Theil der wirklichcn Besoldung
von vornherein in Abzug gebracht. Das ba-
dische Pensionsgesetz ruht im Allqemcinen auf
billigen Grundlagen für die Beamten und den
fteuerzahlenden Bentel der Bürger. Dic Mehr-
zahl der Pensionsgchalte sind der Art, daß der
Betreffcude bei einiger Einschränkung sorgenfrei
leben kann. Nur bei den niedern Dienerklassen,
wo die Pension selbstverstänblich sich sehr nie-
dcr stellt, halten wir dic Einrechnung des Fünf-
tels für eine Härte; es solltc bei allen Pen-
fionen, die sich niedriger alS 1000 fl. stellen,
weggelassen werden. Dagegen hätten wir aber
auch nichts zu erinnern, wenn keine höhern
Pensionen als höchstenS zu 2000 fl. gesetzlich
in Zukunst gestattet werden wollten. Diese
Symmc wäre noch zureichend für ein anstän-
diges Leben, und snr Weitcres hat der Staat
zn sorgen keine Verpflichtung.

)( Heidetberg, ö. Febr. Der bekannte
französijche Schriflitcller Rogcard, der sich
durch seine satyrischen Schriftcn auf den Bo-
napartismus und dessen System in ganz Eu-
ropa eiueu Nameu erworbcn hat, hat dieser Tage
unserc Stadt wieder verlaffen. Er war hier
einige Zeit auf Besuch bei seinen hier domici-
lirenden Landsleutcn anwcscnd, und hat sich
als eiuen schr gebildcten, kenntnißreichen Mann
erwiesen. Er bcgab sich von hier nach Frank-
furt, wo er vorerst seinen Aufenthalt nehmen
wird.

jj Aus dem Schulkreise Heidelberg-
Mosbach, 30. Zan. Die meisten bestchen-
den Lehrer-Confcrenzen sahen sich, wie dic bad.
Schulzeitung seit einigcr Zeit in jeder Nummer
berichtet, veranlaßt, dem abgetretencn Dircctor
des großh. Oberschulralhs, Herrn Geh. Rath
Knies, ihren Dank und ihre Anerkennung
für sein der Schule gewidmetes Wirken auszu-
sprechen, indem sie sich ausdyzicklich zu dem
Schritte deS LftNdeS-Lehrer'AusschusseS beken-
nen, nach welchcm dersclbe diese Pflicht durch
eine Abordnung seiuer Zeit bereits persönlich
ersüllt hat. Sie gcben sich dabci 5er Hoffnung
hin, daß kieser verehrtc Mann scinc Thcilnahme
für dic Sache dcr Schule und Lehrer durch

dem Rcchte des DichterS, die vor AUrm fordern
dürfen, Laß der Schauspielcr seinr Rolle auswendig >
lrrnt, währeud die Grtadelten das gaqze Stück
offrnbar als rine Bagatclle behandelten, die keiner
ernsteren Anstrengung werth war. Ein Prophet gilt
bekanntlich Nichts jn seinem Vatcrlande. Wenn !
trotz allrdrm das Lustspiel srhr entschieden gefiel !
und am Schluß drr Verfasser, wie auch Frau
Steinccke und Hr. Albinus zweimal stürmisch her-
vorgerufen wurden, so beweist daS um fo mehr,
daß die Arbeit eine wirklich gute war und selhst
durch einr durchaus mangelhafte Besetzung vier
wichtiger Rolle» nicht ruinirt werden konnte. Lcider
zwingrn unS unsere im Intrresse der Rrchte, die
jeder Tyeaterdichter dem Mime'n gegenüber hat,
ctwas aussiihrlich gewesenen Erörterungen dic bei-
den anderÄ Stücke nur fiüchtig zu erwähnen. DaS
Lustspicl von Benedir „Eiu geheimnißvollre Brirf"
tst schaal, geistloS, und hrillirt nur durch gänzliche
Abwesenheit eines geistvollen Dialogs, wurde aber
von sämmtlichen Betheiligten sehr gut gespielt.
„S'Lorle" ist amüsant, namentlich die Figur deS j
Fretherrn von Stritzow außerordentlich wtrksam. j
Die Sprache empfiehlt fich durch zahlreich witzige

j fcrnere kräftige Vcrtretuug derjenigen Gründ-
satze bethätigen werde, nach deneu er da« Wohl
dcr Schule während scines amtlichen Wirkcns
als OberschulrathS Director so ernstlich erstrcbt
hat. Welchen Anklaug dieseS Slreben im Leh-
rerstand gefunden und welchc unauSlöschlichen
Gefühle dasselbe hintcrlafsen hat, beweisen aber-
mals die Bcschlüsse zahlreicher Confereuzcn.

<5 AuS Baden. Die sociale Gesetz.
gcbung in unserem Großherzogthum ist seit
Erlaffung des Gewerbe- und FreizügigkcitS-
gesetzcs in einigen Stillstand gerathen. Sie
wird aber jcdenfallS wieder in Gang kommen,
wenn im Laufe der nächsten Kammersitzung
die Frage über die küuflige Verwaltung der
corifesstonellen weltlrchen Stiftungen angeregt,
unb damit den Gemeinden ein stärkerer Ein-
fluß auf dieses Stistungsvermögen zugewendet
wixd. Dicse Fragc ist nämlich großentheils
socialer Natur. Denn sie häugt mit der Tren-
nung der Einwohner- und Bürgergemeinde,
und der hiedurch bedingten Frage der Armen-
unterstützung wcsenllich zusammen. Daß von
Seiteu der Regieruug hierüher eine Vorlage
an die Kammer gemacht werden soll, davon
verlautet bis jetzt nichts. Es mird diese Frage
aber dann jedenfAllS von Sciten der Kammer
selbst in Anregung gebracht werden.

Darmstadr, 5. Febr. Der FinanzauS-
schuß der zweiten Kammcr hat allc Ansorde-
rungen sür die neuen Bezirksstrafgerichte so
lange abgclchnt, bis das Minislcrium die städti-
schcn Rechtc bei der Eiusühruug der Strafpro-
zeßordnuug gewahrt habe. Auch die Aufbeffe-
ruug der Beamtengehalle blicb vorerst ausge-
setzl.

Neckar Steinach, 1. Febr. Hier sind,
uach der ^Hessischen Landeszeitung", noch keiue
Laduugeu ber Casino Angeklaglen eingelangt
und kaun daher vou einer Sitzung am 7. Fe-
bruar uicht die Rede sein. Ueberhaupl. sagt
geuauntes Blatl, muß im Jntcreffe der Ver-
theidigung eine jo umfangreiche und gegen so
viele Angekiagte gerichlcte Untersuchung mit
Fuß hohen Aclen. wozu das Gericht sich vielc
Monate Zeit nahm, nicht ohne einen mchr-
wöchigen Zwischenraum anberauml werden.
Ohne diescs können die Angeklagten ihrc Ver-
thcidiger nicht ruhig ernennen und instruiren,
diese die Acten nicht persynlich einsthen u. dgl.
Wir hoffen daher, daß umsomehr dcn Ange-
klagten die Verhandlungszeit mindestens vier
Wochen vorher bekannt gemacht wird, als viele
derselben ofl wochenlang als Schiffer aus Nei-
sen abwesend sind. Schließlich ist Alles begie-
rig, waS anS der Anklage gegen Freiherrn von
Dorth geworden ist, da dieser erwiescnermaßen
geschoffen und sogar ein jetzt Angeklagter ein
Schrot iu den Arm crhalteu hat.

Frankfurt, 3. Febr. Eine auf gestern
Abend hier ausgeschriebene Versammlung zum
Zwecke einer Sammluug für Warburg wurde
nach der „Frkf. P.-Z " polizeilich untersagt.
(Der arme alte Warvurg in Mainz ist, nach-
dem er wegen sciner Broschüre „Schwester
Adolphc" lange eingesperrt gewescn, aufs Neue
vechaftet worden, weil er eine mit jener Ge-
fängnißstrafe zugleich auSgesprochene Geldstrafe

Wendungen. Von den Darstrllern verdienen Frl.
Adrian und Hr. Freimüller, dem wir nur mehr
Frinheit gewünscdt hätten, Anerkeunung.

Coburg, 3. Febr^ Heute Nachmittng sah män
lange Aüge Lcidtragender allrr Stände nach dem
nahen Pfarrdorf NeuseS wallfadren, wo um 2 Uhr
Friedrich Rückert brerdigt wnrde. Die Feier war
eine würdige, erhebende. Dem reich mit Kränzen
geschmückten Sarge folgten Rückert's Söhne. Am
Grabe sang der hiefige Sängerkranz „den Sämann"
von Genast. Dann folgte die geist- und schwung-
volle Grabrede des Generalsuperintendenten Meier,
welcher die Grabstätte deS unsterdlichen Dichters
als Heiligthum der deutschen Nation der Obsorge
ber Gemeinde Neuses empfahl, den großen Todten
namentlich als deutschen Patrioten verherrlichte und
mit einer begeisterten Apostrophe auf die von Rückert
nicht erlebte deutsche Einbeit schloß. Hierauf legk«
einer der Dorsteher des hiesigen SängerkranzeS im
„Namen und Auftrag deS veutschen SängerbundeS"
cinen Lorbeerkranz auf den Sarg nieder. Gleichrs
geschüh von etner Deputation des „freien deutschen
Hochstifts", indem drr Borstand besselben, Dr. Vol-

j vou 800 fl. nicht zahlen kann und nun diese
800 fl. mit Gefängniß, jeden Tag 1 fl.^ ab-
sitzen soll.)

KaUel, ö. Febr., MittagS. Die Stände-
versammlung wurde heute im landesherrlichen
Auftrag bis zum 1. MLrz vertagt. Jn sciner
Schlußansprache sagte der Präsident Nebelthau:
Von all den Hoffnungen, mit welchen wir ein
vollcs Jahr lang hingehalttn worden, wage ich
nur noch die eine auszusprechen: daß die Mi-
nister nicht etwa mit dem Landtage spielen
möchten.

Jena, 1. Febr. Jn der UnlersuchungS-
sache gegen den Dr. med. Weiße aus Fran-
kenhausen wegen versuchten PrinzenraubeS und
Erpreffung fand hcute vor dem Oberappella-
lionsgericht eine öffentliche Sitzung statt. Un-
ser höchster Gerichtshof erkannte, den Anträgen
der Staatsanwaltschaft entsprechcnd, daß das
angefochtene Erkenntniß deS Schwurgerichtsho-
fes zu vernichten und die Sache zur nochma-
ligcn Verhandlnng vor ein neues Schwurges
richt zu vcrwcisen sei.

Berlin, 4. Febr. Der Obertribunalrath
Seckendorf, Neferent in >der Anklagesache gegen
Twesten und beauftragt, die Gründe zu der
Anklage zu formuliren, wics die Acten mit der
Bemerkung zurück, daß er außer Stande sei,
den Spruch zu- motiviren.

F r a n k r e i ch.

Pariü, 1. Febr. Unter den diplomatischen
Docnmenteu bezüglich Mexico's verdient noch
die Deprsche des Herrn Dronyn de Lhuys an
den französischen Gesandtcn in -Washington
vom 9. Januar eine ganz besondere Erwähnung.
Es heißt u. A. darin: Die französische Erpe-
dition habe nickts Feindseliges gegen die Zn-
stitutionen des Volkes der neuen Welt enthal-
ten, geschweige denn gegen dicjenigen der Ver-
einigten Staaten. Jhr einziger Zweck sei ge-
wesen, zu einer berechtigten Genugthuung zu
gelangen, indem Frankreich, nachdem alle an-'
deren Mittel crschöpft waren, zu Zwangsmaß-
regeln habe seine Zuflucht nehmen müsien.
Dic französische Atmee habe kciueswegs in den
Falten ihres Banners monarchische Traditionen
auf den mexicanischen Boden tragen wollen.
UebrigenS habe der Kaiser selbst in einem
nach der Einnahmc von Puebta an den Ober-
befehlshaber der Expeditionsarmee gerichteten
,Schreiben seine Absichten dargclegt, indem er
deutlich auSgesprochen habe, es sei durchaus
nicht die Absicht seincr Regierung, den Mexi-
canern eine Regicrung gegen ihren Willen auf-
zudrängen. Das mexicanische Volk habe sich
ausgesproch^n und Kaiser Maximilian sei durch
den Willen deS VolkS gerufen worden. Da die
französische Regierung weder ein au-schließlicheS
Jntereffe noch eine ehrgeizige Absicht' verfolge,
so fei ihr aufrichtigster Wunsch, den Augenblick
sich nähern zu sehen, wo sie mit Sicherheit für
ihre LandSlcute und mit Anstand für sich selbst
den Rest dcr französischen Truppen zurückbe-
rufen köüne. Die Depesche schließl folgender-
maßcn: Zm Vertrauen auf den Geist der
Billigkeit. der das Cabinet von Washington be-
seelt, erwarten wir von ihm die Versicherung,

ger von Frankfurt, und Professor Zimmermanu
von Gießen zugleich in cntsprechenden Reden Rückert's
Bedeutung tn der deutschrn Literatur bervorhoben.

Rostock, 1. Febr. Giner telegraphischen Drpesche
der „Rostocker Zritung" zufolge ist gestern in Bützow
daS llrtheil dritter und letzter Jnstanz in der Un-
tersuckung gegen die Wittwe Kannengiesser aus
Ludwigslust und deren Sohn, Kaufmann Aleran-
der Kannengiesser, wegen compkottmäßiger Ermor-
dung des Dr. Bothe, publictrt wordrn. ^Das Ur-
thetl l«utet auf Freisprechung von der Jnstanz.
Beide wurden ssfort aus dem Gefängnisse ent-
lassen. (Vergl. Nr. 26.)

-j- Das untrüglichste Kennzeichen schlechter Regie-
rungen ist das Auswandern des Arbei^erstandeS.
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