Heidelberger Zeitung — 1866 (Januar bis Juni)

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KreisvcrküudigMgsblatt sür deii Kreis Heidelberg und aintliches Berkündigungsblatt sür dic Amts- und Amts-
Gerichtsbczirke Heidelbcrg und Mcsloch und dcn Aoitsgerichtsbezirk Neckargemünd.



Samstag, S4 Februgr

18««.

' Politische Nmscha«.

* Jn der preußischen und preußisch-gesinn-
ten Presse sieht es in dcn letzten Tagen wieder
sehr kriegerisch aus. Man knupst an die Reisen
der Gesandten NnßlandS und Preußens zu
Paris (v. Budberg und v. Goltz) nach Peters-
burg. und nach Berlin allerlei seltsame Con-
juncturen, wozu noch vie Aeußerungen des
italienischen Ministerpräsidenten gegen Oester-
reich in einer der letzten Kammersitzungen zu
Florenz kommen. An andern Orten sieht man
übrigens die Lage der Dmge mehr mi! nüch-
ternen Blicken an, nnd hat die Ueberzeugung
gewonnen, däß die Entscheidung, anstatt mit
dem Schwertc erzielt zu werden, einstweilen noch
auf sich beruhen dürfte. Der preußische Pre-
mier möchte zwar des innern Düppels wegen
die Anfmcrksamkeit des VolkeS auf die aus-
wärtige Politik richten, allcin zu einem Nesul-
tate zu gelangen, ist ja so lange nicht möglich,
als- Regierung und Volk in einem. so ernsten
Kampfe sich bcfinden. Hr. v. Bismarck wird
sich vaher wohl hüten, es zu einem Kriege mit
Oesterreich kommen zu lassen, dieß wäre ent-
weder seln Untergang oder es würdc ganz Eu-
ropa ans den Fugen bringen und das Drama
dürfte wahrlich nicht zu Gunsten bismarck'scher
Plane schließen. — Die Neise des Hrn. v. Bud-
berg näch Petersburg wird theils mit angeb-
lich bevorstehenden Vcränderungen in der rus-
sischen Negierung, thcils mit gewissen Eventua-
litäten in den Donanfürstenthümern in Ver-
binc-ung gebracht. Möge abcr auch keine dieser
beiden Altcrnativen zutreffcn^so ist doch kaum
anzunehmen, daß Sympathicn mit den preu-
Hischcn Wünschen in der schleswig-holstcin'schen
Sache am Petersburger Hofe vorhanden sind.
Eine Lösung dieser Fragc in preußischem Sinne
liegt so wcnig im russischen Jnreresse, daß
wahrlich nicht einmal anzunehmen ist, die rus-
sische Regierung werde auch nur die Spesen
einer Reise ihres Gesandten nach der Heimath
hiefür aufwenden. Geradezu Unsinniges leistct
aber jene Conjunctnralpolitik, welche bereits
Coalitionen europäischer Staaten gegen einan-
der in's Feld führt, in denen Frankreich und
Jtalien fich seindlich gegenüberstehen sollen; es
ist diescs um so unwahrscheinlicher, als die ita-
lienische Negierung fort und fort Beweise ihrer
Hingebung an die Politik des Tuileriencabi-
ncts gibt.

Ein kaiserlicheS Decret verordnet die Her-
stellung einer allgemeinen Weltausstellung in
Wien für daö Jahr 1870.

Die Nachricht, daß auf diplomatischem Wcge
die Auslieferung des RedacteurS May verlangt
worden sei, bestätigt sich. Der Statthalter,
Frhr. v. Gablenz, hat dnrch die LandcSregie-
rung vom Altonaer Magisirat schleunigst Be-
richt gefordert über die Aufnahme Mays in
den Altonaer Bürgerverband und darübcr, ob
bei derselben den gesetzlichen Bcstimmnngen voll-
ständig genügt worden sei.

Nach einer Mittheilung im „Hamb. Corresp."
aus Kiel herrscht bei der Statthalterschaft
großer Unwillc über die Adelsadrcffe, von deren
Erlaß der Statthalter vorher abgerathen habe;
am Tage nach Veröffentlichung der Adresse durch
den preußischen Staatsanzeiger habe Herzog
Friedrich bei dcm Statthalter dinirt. Einigen
schleSwig'schen Beamten soll, derselben Mitthci-
lung zufolge, die Zumuthung gestellt sein, sich
zu verpstichten, den nunmehr offen dargelegten
großprcußischen Intentionen in Bezug auf die
Herzogthümer Vorschub zu leisten.

Die Bank von Frankreich hat den Discont
von 41/2 auf 4 pCt. herabgesetzt.

General Prim stellt es in eincr öffentlichen
Erklärung auS Lissabon in Abrede, daß cr
eine Jberische Uniou habe herstellen wollen.
Seine Absicht sci einzig und aüein gewesen,
Spanien von der auf demselben lastenden Jm-
moralität zn befreien r-

Jn'den römischen Staaten soll sich, wie ver-
sichert wird, cine Bewegung zur Organisirung
einer Stenerverweigerung vorbereiten. Jn Tu-
rin dagcgen bildet sich eine patriotische Associa-
tion für Zahlung der StaatSschulden.

Nach Depeschen der Correspondenz Havas
hatte in BrownSville der Oberst Brown den
General Weitzel im Commando ersctzt. Die
Unionsbehörden nahmen die Entwaffnung dcr
Einwohner von Brownsville und Umgegend
vor. — Oberst Neid, Adjutant Crawford's, ist
wegcn Mitschuld an den Ereignissen von Bag-
dad verhaftet worden. Kapitän Sinclair, ein
Ofsicier deS Juarez, wurde wcgen Verletzung
der Neutralitäl gleichfalls verhaftet. Die Be-
hörden von ClarkSville haben vier Kanonen
mit Beschlag belcgt, welche die Juaristen in
Bagdad weggenommen hatten. Ein französi-
sches Kriegsschiff war an ber Mündung des
Nio-Grande augekommen; man erwartete da-

sclbft 2000 Mann Franzosen. — Ein Adjutant
des Kaisers Maximilian ist in MatamoroS an-
gekommen. Die sll bve ernannte Dundescom-
mission hat dem General Crawford und den
Bundessoldaten, welche den Zug nach Bagdao
mitgemacht haben, einen VerweiS ertheilt.

D e utsch l u'n d.

Karlsruhe, 22. Febr. Durch höchsteu Dkfeist

wird Portepeefähurich Anheuser im 2. Dragonerregl-
ment Markgraf Marimilran zum 4. Jnfantcrieregiment
Prinz Wilhelm versetzt; ebenso treten im großh. Armee-

I. I n f a n l e r i e.

Harrxkmann 2. Classe Straub im (1.) Lcibgrena-
dierregiment riickt in die 1. Claffe sciner Charge vor;

Versetzung zum 2. Füsilicrbataillon, zum Hauptmann
2. Classe befördert; Oberlieutenant Sckmidt vom 2.
Füsilierbaiaillon zum 4. Jnf.-Rcgim. versctzt; Lieute-
nanl Gockel im 1. Fnsilicrbataillon zum Oberlieute-

II. Artillerie.

Hauptmann 1. Clgsfe v. Theobald im FcsiungS-
artillerie - Bataillo'n erhäll den Charakter alS Major;

Regimenk wird zum FestungSartillcrrebataiUon versetzt;
Hauptmann 2. Claff'e Rochlitz im Feldartill.-N-gim.
rü^l iir^bi1.lasse^scirrer <LHar^e^v ^

L ^ Karlsrühe, 22. Febr^ Wie bckannt,
haben hier vor Einberufung des Landtags Con-
ferenzen über daS den Ständcn vorzulegende
Schulgesetz stattgefundeu, zu denen Vertrcter
der bciden christlichen Kirchenbehörden bcigezo-
gen worden waren. Es galt, die Ansichten nnd
Wünsche jener Behörden bezüglich dcs Neligions-
unterrichtes in ver Volksschule, über die durch
das neue Gesetz zu regclnde Stellung des Leh-
rerS als Meßndr und Organisten u. s. w. zu
hören, und womöglich eine Verständigung in
diesen Punkten mit dcn kirchlichen Behörden zu
erzielen, ehe der Gesetzentwurs dcn Ständen
sclbst vorgelegt würde. Diese Verständigung
war auch, wie verlautete, erzi»lt worden; die
Vertrcter der Kirchenbehörden hatteu im We-
sentlichen zugestimmt, nnd hattcn das über die
gepflogenen Verhandlungen aufgenommcne Pro-
tokoll unterzeichnet.

Leider müsien wir jetzt vernchmen, daß die
erzbischöflichc Curie zu Freiburg ihren Com-
Miffär, den Convictsdirektor Kübel, desavouirt

-j-* Ernst Morrtz Arndt.

Vortrag von Herrn Airchenrath Dr. Schenket.

(Fortsetzung.)

In düser crsien Schrift g-gen Napoleon flammt
ein gewaltigcr Zorn, oft braust es durch die Wortc
wke cin Sturmwind, und Keulenschläge fallen va-
zwischen. Die Sprache ist wuchtig, machtig, aber
wir wcrdcn Napoleon doch etwas anderS beurthei-
len, schon darum, weil wir die Schreckniffe nicht
mehr miterleben, die er über unscr Vaterland ge-
bracht, und die Knechtschaft und das Elenb. Wir
werden milder urtheilen, weid wir oie'Samen sciner
guten Thatcn, wären sie auch wider sernen Willrn
von ihm ausgestreut, jetzt ernten; wir werdcn mil-
der urtheilen, weil die große weltgesckichtlichc Sühne
vor unS liegt: hat er doch gebüßt, furchtbqr ge-
büßt.

in dcr Arndt'schkN Schrift ntchts. Zwci Gedänken
darin erscheinen sehr beherzigenswerth. Er richtet
fich einmal an die Völkcr, namentltch an unser
deutsches Volk; er ruft unS zü: Bleibt euch treu,
schweift nicht aus eurer Bahn, aber haltet fest an

eurer Bestimmung und grrnzt euch in dieser ab.
Und dcm mächtigen Corsen ruft er zu: Nimm dich
in Acbt! Wie groß Einer ist, eS gibt cinen Größe-

ein Sehrr. Was damals noch Wenige ahnten und
Keiner aussprach,-das hat der junge Adjunct zu
Gretfswalde 1803 hinausgerufen in die Welt. Abcr
die Worte, dic er hinauSgeworfen wie Funken,
sind erloschen, er ist noch ein unbekannter Mann.
Wieder kam der W-mderdämon über ihn: rr reist
nach Schwedcn; bleibt in Stockholm und weiß selbst
nickr, was er will.

Jm Herbst 1804 kommt cr zurück. Napoleon
hattc sich im Mai d. I. *die Kaiserkrone aufgcsctzt:
die letztcn Restc der Frciheit wcrden nach einander
zertretcn, die sogenannte Volksvertretung, dcr Se-
nat, ber gesctzgebende Körper find willfährige Jn-
strumentc dcs Mackthabers gcworden; fie kennen
nur ein G-setz, sich zu beugen, sich zu krümmcn
vor dem Willcn des Allmäcktigen. Aber der Glo-
rienschrin umschwcbt ihn; noch hat er eigcntlich
Böses nicht gethan. Im September macht er seineu

erfubren, daß Armeeorganisationen dem deutschen
Volk nicht aufhelfen, daß es nock etwas Anderes
gcben muß, alS Regimrnter und Kanonen — das
Alleß hat Arndt mit blutendem Herzcn mit ange-
schen. Liest man daS Buch, das cr um dicse Zeit
schrieb, so fühlt man etwas mit von dem bren-
ncnden Schmerz, von dem kochenden Blut in scinen
Adern.

Arudt saß im Sommer 1806 (nach dem unglück-
lichen Frieden abcr vor den Schlachten bei Iena und
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