Heidelberger Zeitung — 1866 (Januar bis Juni)

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Hr. Eckhard, nachdem er deu Zweck der Ver-
sammlung in bcredtcn Worten auSeinanderge-
setzt und die vom AuSschuß entworfeuen Re-
solukioneu vorgclesen, gäb Hrn. A. Gögg das
Wort. Hr. Gögg, sich vor Allen berechtigt
haltend, daS Wort zu ergreifen, indem er schon
vor 2*/, Jahren in demselben Saale erklärt
hat, daß Preußen und Oesterreich mit AuS-
schluß des übrigen Deutschlands bci der Er-
oberung Schleswig-Holsteins nur selbstsüchtige
Zwccke verfolgen und Unheil über Deutschland
bringcu wcrdeu. gab, um dcn heutigen Stand-
punkt klar zu machen, zuerst einen geschicht-
tichen Rückblick. Er wieS nach, daß schon vom
Jabr 1815, vom Wiener Congreß au, Oester-
reich und Preußeu stcts Hand in Hand gingen,
wenn eö sich um Niederhaltuug der eigeutlichen
deutschen Jntercssen, wenn es sich um Unter-
drückinig dcr freiheitlichen und civilisatorischen
Entwickelung der deutschen Klein- und Mittel-
staaten handelte, daß aber ein Bruch zwischen
Oesterreich und Preußcu stets auszubrechen
drohte, sobald eine diescr zwei deutscheu Groß-
mächte sich auf Kosten der andern vergrößern
oder mächtigcr machen wolltc. Vor Allem
war cs Preußen, das immcr eiferjüchtig auf
Oesterreich gewcjen. Vor 2*/, Jahren zog es
Oesterreich zur Eroberuug vvn SchleSwig-
Holsteiu herbei, um daS Ausland von der Ein-
mischung fern zu halten, allein mil dem Hin-
tergedankcn, nach vollbrachtcr That das geld-
armc Ocsterreich abzusinden und die Bcute für
sich zu behaltcn. Durch den Handel von
Lauenburg ist Preußen immer kühncr gewor-
den uud will hcute nicht uur SchleSwig-Hol-
stein, srndern durch seinen neuesten Autrag
am Bunde die militärische Oberherrschaft über
ganz Nord- und Mitteldeutschland bis zur
Mainlinie, d. h. einc Theilung Dcutschlands
zur Machtcrhöhuug des Hauses Hohenzollern.
Hcrr Gögg protcstirte unter stürmischem Bei-
falle gegen einc solche selbstsüchtige Politik,
gegcn einen solchen Vcrrath am dcutschen Va-
terlande und schloß seine Rede mit der.Er-
wartung, daß Deutschland sich endlich.erman-
nen und durch Einberufung eiucS wirklichen,
nicht Schein-Parlamentes, unterstützt durch die
ganze Kraft der Nation. resp. durch Einfüh-
rung dcr allgcmeinen Wehrpflicht, die Sonvcr-
gelüste der Großmächte zu Schanden machen
und seine geschichtliche Bestimmuug in Bälde
erreichen werde.

Auf Hrn. Gögg folgte Hr. v. Feder,
welcher in klarer Auscinandersetzung die be-
reits gcstern mitgetheiltcn, vom Ausschusse vor-
geschlagenen Rcsolutionen begründcte:

Nach Hrn. v. Fcder ergriff der Hr. Ab-
geordnete Kiefer daS Wort, um, wie er sclbst
sagte, dic Rede des Hcrrn Gögg durch Nach-
weise aus der neueren Geschichte zu ergänzen.
Mit begeisternden Worten verlangte Hr. Kie--
fer inSbesondere größere Opferwilligkeit. der
Bürger, wie früher, wenn der Moment eintre-
ten wird, daS Parlament und die Centralge-
walt zu unterstützen. Nach Hrn. Kiefer be-
antragte Hr. Venedey, der ersten Resolution
Folgendes beizufügcn: er verlaugt von den
deutschen Regierungen, gegen den, wclchcr den
Brutzerkrieg beginnt, sich zu erklärcu und den-
selben mit allen ihnen zu Gebote stehenoen
Mitteli^ im Bunde mit dem Angegriffenen zu
bekämpfen. Nachdem Herr Kiefer, von
der Ansicht ausgehend, daß die Klein- und
Mittelstaaten freie Hand behalten müssen, Hrn.
V enedey's Amendement bekämpft hat, wurde
dieseS bei der Abstimmung verworfen und oben
angeführte Resolutionen deS AuSschusses ein-
stimmig angenommen. Hr. Profeffor Wundt
von H e i de lberg gab hierauf in einer längeren
meisterhaften Rede, welche allgemeinen Beifall
fand, und bei allen Anwesenden einen großen
Eindruck hinterließ. dem Gedanken Ausdruck,
daß die Annahme des vierten Satzes der Er-
klärung durchaus keine Billigung des vom
Grafen Bismarck gebotenen Neformplanes sei,
daß die deutsche Nation seit den Tagen des
crsten Parlaments den Glauben und die Hoff-
nung an ein solchcS festgehalten habe, und daß
man nicht wegen des preußischen Antrags,
sondern trotz deffelben die Forderung eines
deutschen Ncichstags beschließeu müsse Der
Redner gcißelte fchließlich in scharfen Worten
das Unehrliche des Bismarckischen Vorgehcns.

Hr. Eckhard dankt hierauf für die würdige,
crnste Verhaltung der Versammlung und führte
solchcs Verhaltcn als Protest an gegen die gc-
meinen Jnsinuationen der im eigenen Lande
hausendcn sog. schwarzeu Bismarckianer, welchc
zum Voraus im ^F-reiburgcr Boten" die VolkS-
vcrsammlung zu begcifern suchten.

Frankfurt, 15. April. Die auf heute
Mittag angekündigte Volksversammlung
zog eine Theilnehmerzahl, die man auf etwa
zweitausend Personen oeranschlagen konnte, in
die Räunie des Saalbaues. Oberappellations-
gerichtsrath Kugl er eröffnete die Versammlung,
warauf Schöff Souchay zur Begründung der
vorgeschlagenen Resolutionen überging, denen
er eine allgemeine Schilderung der jetzigen Lage
Schleswig-Holsteins und eine historische Ent-
röickelung der schleswig-holsteinschen Frage vor-
ausschickte. Nachdem er auf die Bedrohung
des deutschen Gebiets am Rhein und in Tyrol
aufmerksam gemacht, geht er zu dem von Bis-
marck gemachten Reform-Vorschlage nber, den
er, als ein Mittel, das Bismarck zur Errei-
chung seiner Zwecke benützen will, nicht em-
pfehlen kann.

Hierauf spricht Advokat Dr. Reinganmn l.
Redner bezieht sich zunächst in sehr ironischer
Weise auf den Lauenburgischen Handel und
bezeichnet das Treiben Oesterreichs und Preußens
als den gemeinsten niederträchtigsten Länder-
schacher, einen Schacher wie er selbst auf dem
Frankfurter Pferdemarkt nicht vorkomme.

Schleswig-Holstein als selbstständiges Grenz-
land ist nach ihm eine Bürgschaft für den
Frieden Europas, da ein kleiner Staat dem
Ausland gegenüber nie als eine Drohung er-
scheine. Auf die Vergewaltigung Schleswig-
Holsteins übergehend, verliest er die Resolu-
tion IH.: die darin gebrauchte Phrase „mit
den äußersten Mitteln gerechter Noth-
wehr" erklärt er nicht definiren zu können,
da ihre Deutung von deu Umständen abhänge.
Die Unverantwortlichkeit der Könige gilt nach
ihm nur bis zu den Tagen der Krisen. Der
von HLufigen Beifallsbezeugungen unterbrochene,
häusig sehr satyrische Vortrag schloß mit einem
Hoch auf Deutschland, dem der Redner die
Worte „Nieder mit seinen Unterdrückern!" hin-
zusetzte. Hieranf wurden die folgenden Reso-
lutionen zur Abstimmung gebracht und ein-
stimmig angenommen:

1) Wir erklären das seithelige eigenmächtige Verfügen

jenigen Regierung, sür welche der Volkswille ent-
scheidet, die Herzogthümer selbstständig konstituirt
werden.

eines deutschen Parlamentes, ilm die dringender
als je nothwendige Bundesreform zur Einigung
und fteiheitlichen Entwickelung des Vaterlandes zu
beschließen. Aber Vorschläge einer Regierung. welche
die Rechte des eigenen Volkes und seiner Abgeord-
neten tagtäglich mißachtet, können die Verwirklichung
der Rechle der deutschen Nation nicht zum Ziele
haben. (M. Anz.)

Berlin, 15. April. Eine heutige sehr zahl-
reich besuchte VolkSversainiulung in der Ton-
halle nahm einstimmig folgende Nesolutionen
an: Eiu Krieg zwischen den deutschen Groß-
mächten wäre ciu nationalcs Unglück; nur ein
freisinniges preußisches Ministerium würde für
die BundeSreforin allgemeines Vertrauen sinden;
den Schleswig-Holsteincrn sei ein Selbstbestim-
mungsrecht zu wahren, dcnn letztere sei allein
die sittliche und rechtliche Grundlage jeder
Staatsform.

Frankreich.

PariS, 15. April. Jm heutigen „Consti-
tutionuel" unterwirft Limayrac die gegenwär-
tige Lage eincr ruhigen und besonuenen Prü-
fung, insbesoudere soweit dieselbe Frankreich
betrifft. Er sagt: ES werde zu Nichts führcn,
wenu man leugnen wollte, daß Europa eine
Krisis befürchlet. Nun, jcder bevorsteheude Krieg
kann das Land iu Mitleidenschaft ziehen durch
allgcmeine Gefahren oder durch besondere. Die
allgemeinen Gefahren berühren auch die Völker,
welche nicht selber an dem. Kampfe Theil neh-
men und dies würde die Lage FrankreichS ge-
gcnüber eiuem Brande sciu, der sich etwa zwi«
schcn Oestcrreich und Preußen jetzt entzünden
sollte. Die Wirkungen eineS Krieges in Europa
machen sich heut zu Tage lebhafter fühlbar,
alS in früheren Zeiten, felbst denjenigen Völ-
kern, welche außerhalb des eigentlichen KampfeS
stehen. Es hängt also nicht vou der Regierung
des Kaisers ab, Frankreich von scinem Antheile
au den allgemeinen Wirkungen eiues KriegeS
in Deutschland frei zu halten Wie berechtigt
auch der Einfluß seiu mag, den die gegenwärtige
Negierung gewonnen hat, so hat fie doch nicht
die Mittel, um einen Krieg zu jeder Zeit und
an jedem Orte zu verhindern. Es ist Niemand
in der Welt im Stande, alle Leidenschaften zu
uutcrdrücken, jedem Ehrgeiz Zügel auzulegen,
alle Schwierigkeiten zu lösen. Die kaiserliche
Regierung hatte mit der Herzogthümerfrage
NichtS weiter zu thun, als ihren gulen Rath
zu gebeu, uud sie hat nicht ermangelt, inner-
halb dieser Grenzeu zu interveniren. Sie hat
dies mit lcbhaftem Jnteresse und mit Ausrich-
tigkeit gethan und hat allc Mittcl einer fried-
lichen Lösung anempfohlen. Um ihrer Stimme
mehr Gewicht zu verleihen, hat sich die Regie-
rung in dieser Frage stets die streugste Neu-
tralität bewahrt. Auf diesem Staudpunkte steht
sie noch heute. Sie hat weder für uoch gegen
Oesterreich oder Preußen Partei ergriffen. Sie
sprach zu diescn Mächten nur im Namen der
Ordnung und Ruhe Europas, der Nationali-
täten und der allgeuieinen Jntereffen. wenn ste

gierung gab in keiner Hinsicht irgend ivelche
Ermuthiguug zu kriegcrischen Gedankcn. Jn
ihrer Haltung, in ihrer Sprache hat kein Um-
stand Oesterreich oder Preußen zu meinen be-
rechtigt, daß fie den Beginn der Feindseligkci-
tcn mit anderen Gefühleu ansehcn würde, als
dicjcnigen waren, welche sie auf der Conferenz
zu London und sonst überall an den Tag ge-
legt hat, seit die Frage der Herzogthümer sich
erhoben hat, unb welche sich in dem lcbhaften
Wuusche resumiren lassen, daß der Friede Eu-
ropas durch diese Frage nichk geftört werden
möge. So hat die kaiserliche Regierung im Jn-
teresse des Friedeus gehandelt und Alles gethan,
um den Krieg zu verhindern und Frankreich,
wenn der Krieg uuvermeidlich sein sollte, die-
jenige Stcllung zu sichern, welche es außerhalb
des Kampfes läßt. Jn einem Worte, wenn der
Krieg ausbrechen sollte, so würde Frankreich
unter den allgemeineu Wirkungen eines Krie-
ges zu leiden haben, aber es würde nicht den
besonderen Gefahren ausgesetzt sein, wclche den-
jenigen MLchtcn bevorstehen, welche genöthigt
sind, daran Theil zu nehmen. Diese einfachen
Betrachtungen genügen, um die Uebertreibung
in der Panik der beiden letzten Tage würdigen
zu lassen.

Jst denn übrigens dieser Krieg so durchauS
gewiß? Wenn gewiffe Symptome ihn als be-
vorstehend erscheinen laffen, so scheinen ihm
doch andere nicht weniger bedeutsame entgegen-
zustehen. Bezeugt dies nicht bei beiden Parteien
das Gefühl der entsetzlichen Verantwortlichkeit,
welche denjenigen treffen würde, welcher angriffc?
Man denke doch an die vielfältigen Bemühun-
gen der kleinereii Staaten, um den Zusammen-
stoß zu verhindern und dic Manifestationeki zu
Gunsten des Friedens, welche von zahlreichen
Versammlungen in Deutschland ausgehen! Man
muß nicht vergeffen die Schritte der europäi-
schen Großmächte, um den Frieden zu erhalten,
die, wenn auch neutral, doch nicht gleichgiltig
sind. Die Lage der Dinge ist also nicht ver-
zweifelt; jedenfalls ist sie für Frankreich nicht
gerade der Art, um die Befürchtungen der letz-
ten Tage zu rechtfcrtigen. Es ist eines großen
Volkes nicht würdig, so sehr beftürzt zu sein
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