Heidelberger Zeitung — 1866 (Januar bis Juni)

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UtidelberM Zeilung.

Kreisverkülidigllngsblatt für üen Kreis Heidelberg unü amtliches VerkünüigungSblatt für üie Amts^ und Amtß-
Gerichtsbezirle Heidelbcrg nnd Wicsloch unü dcn Amtsgerichtsbczirk Sicckargemünd.

Nl S«


Donnerstag, 19 April


18«6.

* Politische Umfchau.

Heidelberg, 18. April.

Der preuß. „StaatSanzeiger" vom 16. April
ist crmächtigt zu erklären, daß eine angeblich
friedlichere Depesche Ocsterrcichs, vom 9. April,
an Preußen nicht existire und die daran gc-
knüpten Combinationen und Behauptungen
unterlagslos seien. Die österreichische Note
vom 7. April wurde gestern durch eine preu-
ßische Depesche beantwortet.

Die „Norddeutsche Allgemeine Zeitung" be-
zeichnet die Behauptung in der österrcichischen
Depesche vom 7. April, daß Graf Bismarck
bei seiner Untcrredung mit dem Grasen Ka-
rolyi fein eigeneS „Nein" für werthlos und
nichtig erklärt habe, als eine Unwahrheit.

Nach einer Mittheilung der „Weser-Ztg."
auS Berlin unterstützt die Majorität der Bun-
dcsregierungeu den Vorschlag, das preußische
Parlamentsproject einer Commission (welcher?)
zu überwcisen. — Die Verhandlungen über
den bayerischen Vermittelungsvorschlag dauern
(nach derselben Mittheilung) noch sort, trotz
eincr Erwiderung Preußens, welche etwaige
Zweifel über seine Festhaltung am Gasteiner
Vertrag beseitigt.

Cine am 15. April in Mülheim a. Nh.
stattgehabte Volksversammlung erklärt: 1) daß
ein Krieg zwischen Preußen und Oesterreich
zur Lösung der Schleswig-Holstein-Frage unter
den gegenwärtigen Umständon ein großeS Un-
glück und verderbenbringend für ganz Deutsch-
land sein würde, und 2) die Bcrufung eines
deutschen Parlaments, daS aus freien, unbe-
schränkten VolkSwahlen hervorgeht, ist ein
dringendes Bedürfniß, um dic Rechte und
Freiheiten DeutschlandS zu sichern, seine mate-
rielle und geistige Entwickelung zu fördern und
unheilvollen Conflicten vorzubeugen; aber nur
eine Rcgierung. welche die verfassungsmäßigen
Rechte achtet, ist stark genug, die große natio-
nale Reform durchzuführen."

Daö „Dresdener Journal" v. 17. meldet in
einem Telegramme aus Warschau, daß in Folge
des Attentats auf den Kaiser von Rußland der
Statthalter von Pölen, Graf Bcrg, an gleichem
Tage Vormittags nach Petersburg abgereist ist.

Auch das „Dresdner I." enthält gegenüber
der „Norddeutschen Allg. Zeitung." folgende
Mittheilung: Nur Nußland hat die Zurück-
ziehung der österreichischen Note vom 7. d. be-

(Signale auf den engliscken Eisenbah-
nen.) Endlich kommen auch engltsche Eisenbahn-
Dtrectoren zu der Einficht, daß es nothwendig sei,

don nach Dover und zurück. Die Verbindung, welche
auSschlirßlich elektrisH ist, besteht in einem einzigen
Drayte, und es wurden bei diescr Gelegenheit Bat-
terien von zwölf Zellen gebraucbt. Jede Abtheilung
der Personenwagen ist mit einem Griff versehen,
der, angezogen, eine Glocke in dem Schaffnerwagen
läutet. Um unnützem Gebrauche von Seiten der
Reisenden vorzubeugen, ist der Griff mit Papier
pdrr GlaS hedcckt, die erst zerbrochen werden müs-
sen, bevor ein Signal gegeben werden kann. Die
Signale zwischen Schaffnern werden durch Töne
auf der Glocke in dem Waggon etties jedrn wieder-
derholt, und drr Zugführer kann mit Hilfe rineS
SemaphorfignalS vorn an der Maschine die Sig-
nale gleichfallS wiederholrn, indem er die Anzahl

fürwortet. Eine daS Berliner Cabinet zur
Beantwortung der Note drängende Drohung
Oesterreichs existirt nicht. Die Negierung von
Bayern hat wiederholt Vermittelungsdepeschen
nach Wien und Berlin gerichtet und von
Oesterreich die Erklärung seiner aufrichtigen
Absicht zu entwaffncn erhalten. Preußen aber
hat dic gcwünschte Erklärung versagt. Uebrigens
läßt^die Antwort PreußenS auf die letzte öster-
reichische Note, obwohl sachlich ablehnend, einen
Weg offen, welcher noch eine Wendung zum
Frieden hoffeu läßt, indem der Schlußpassus
die Jnitiativc zur Herstellung.deS 8tatu8 czuo
Oesterrcich zuweist.

Das „DreSdener Journal" enthält eine Mel-
dung anS Berlin, nach welcher am Sonntag
*die preußische Erwidcrung auf die österrcichische
Note vom 7. d. abgegangen wäre und in dcr
Sache ablehnend laute.

Nach dem „Fr. I." wurde für Rechnung
der preußischen Regierung mit einem Ham-
burger Hause die Lieferung von 60,900 Ctr.
Blei contrahirt. Auch Rußland hat bedeu-
tenderc Quantitäten Blei gekauft, darunter
10,000 Ctr., welche bis spätestenö den 28. d.
M. nach Warschau zu liefern sind.

Nachrichten aus Vera-Cruz vom 22.
März zufolge hat sich General Ogazon krast
der Verfassung von 1857 zum Präsidenten der
Republik Mexico proclamirt.

Die alliirtc Armee ist am 14. MLrz über
1>en Parana gegangen.

Deurfchltind.

Knrlsruhe, 16. April. (Achte öffentliche
Sitzung der I. Kammer.) Vorsitz: S. G. H.
der Prinz Wilhelm. Am Ministertische:
Staatsminister Dr. Stabel und Geh. Nath
Dr. Junghanns. Nach geschäftlichen Mit-
theilungen, Anzeigen von eingegangenen Bitt-
gesuchen, von druckfertigen Berichten über Murgs
thalbahn, Budgets rc. zeigt Bertheau NamenS
der Petitionscommission an, daß der Bericht
über die Bitte der Stadt Neckarbischofsheim,
Wicderverleihung eincs Amtssitzcs betr., zur
Kenntniß der Mitglieder der Kammer im Ar-
chivariat aufliege und daß der Bericht, betr. die
Aufhebung des §94 dcS ForstgesetzeS, gedruckt
werde. — Bluntschli bringt die Verhandlung
der 2. Kammer, das deutsche Parlament betr.,
zur Sprache und wünscht, daß diese Frage in
der 1. Kammer nicht stillschweigend und theil-

der Töne der Glocke durch seine Pfrtfe wiedergibt.
Während der Fahrt wurde ein Waggon losgelöst,
der sofort die Abtrennung signalifirte. Der ganze
Versuch wird als burchauS gelungen betrachtet.

Ueber Victor Hugo'S LebenSweise auf der Jnsel
Gerafey theilt die „N. A. Z." einige DetatlS mit,
welche durch ihre einfacke Natürltchkeit einen selt-
samen Contrast zu den oft barocken Phantafie-
gemälden deS Dichters bilden. Victor Hugo steht
im Sommer wie im Winter mit TageSanbruch
auf, zündet setn Feuer selbst an, und bereitrt fich
seinen schwarzen Kaffee. Dann fttzt er sich an die
Arbeit, liest und schreibt biS 11 Uhr; in dieser
Zeit darf ihn Niemand stören. Punkt 11 Uhr geht
er, bas Wetter mag sein, wie rS will, in eine an
sein Arbettszimmer stoßende Halle, wo er Waschun-
gen mit Waffer vornimmt. Dann frühstückt er,
Plaudert mtt der Familte, liest Iournale unv
Briefe; baS Frühstück ftlbst währt dadurch wohl
l'/r Stunde; dann macht er write Spazirrgänge
durch die Znsel und ruht oft an seinen Lieblings-
punkten. Victor Hugo tst kein Gourmand, sein
Tisch ist einfach und rr ist mit AUem zufrieden,

nahmsloS gelaffen, sondern womöglich in nach-
ster Sitzung besprochen werde. — StaatSmini-
ster Dr. Stabel: ES müsse doch die Sache
an eine gewisse Form gebunden sein und er
kenne keine anbere, als diejenige der Anfrage
an die Regierung. — Bluntschli: Diesen
Weg werde ich also einschlagen. Die Tagesord-
nung führt zur Berathung deS Berichts deS
Prälaten Holtzmann über die Einsührung
der Einzelhast in Weiberstrafanstalten. Letzte-
rer bemerkt:

DieHauptfrage sei,ob die Erfahrung lehre, daß
die Frauen die Einzelhaft auShalten können.
Solche Erfahrungen seien gemacht worden, na-
mentlich von Aerzten und Geistlichen der An-
stalten. Die Einen sagen: die Erfahrungen
seien hinreichend, die Andcrn: sie seien nicht
hinreichend. Es stehe nun fest, Erfahrungen
müssen gemacht und dazu Gelegenheit gcgcben
werden und der Staat sei verpflichtet, selbst
Erfahrungen zu machen. Aber diese Erfahrun-
gen seien unter gewissen VorsichtSmaßregeln zu
machen.

Staatsminister Stabel: Die Gerechtigkeit
forvere, daß den Frauen die gleiche Wohlthat
zu Theil werde, welche die Männer bcreits be-
sitzen; es frage sich nun aber, ob daS für Frauen
auch wirklich eine Wohlthat sei und nicht viel-
mehr eine Erschwerung. Man habe von aus-
wärts Erfahrungen gcsammelt; ganz sicher könne
man aber noch nicht entscheiden, doch sei so viel
gewiß, daß unter gcwissen VorsichtSmaßregeln
der Versuch gewagt werden könne, und deshalb
habe die Regierung geglaubt, daß dic Zeit ge-
kommen sei, den von der Kammer gewünfchten
GesetzeSentwurf vorzulcgen.

Auf Anfrage dcS Frhrn. v. Andlaw erwi-
dert Geh.Math Junghanns: Die l.Kammer
habe auf vorigcm Landtage den Antrag gestellt,
sclbstständige Versuche zu machen. Die Regie-
rung sei damit einverstanden gewesen und wollte
bei denjenigcn Frauen, welche es wünschen soll-
ten, Einzelhaft einlreten lassen. Die 2. Kammer
aber wollte damit noch zuwarten. Er verliest
Berichte aus den kgl. bayerischen Strafanstal-
ten Kaiserslautern und St. Georgen, welche
aussprechen, daß bei ihnen sich die Einzelhaft
der Franen vollkommen bewährt habe. — Auf
Artaria' s Anfrage erklärt Geh. Rath Iung -
hanns weiter: Die Männer scien anf ihren
einzelnen Spaziergängen von jcder Gemeinschaft
auSgeschloffen. Ob man dies bei Frauen auch

waS ihm servirt wird. Er hat kräftigen Appetit,
ist abcr mäßig und nücbtern, und Niemand wird
je von ihm den geringsten Erceß gesehen haben.
Frühzeitig geht er zur Ruhe und selten trifft ihn
die zehnte Stunde noch außerhalb des Bettes. Auf
einem Tiscke neben demftlben befinden fich Federn,
Tinte und Papier, unv oft, wenn er auS dem
Schlafe erwacht, wirft er die Gedanken, die ihm
durch den Getst fahren, aufS Papier. Mancbmal
nimmt er sich sogar nicht die Zeit, Licht anzuzün-
den, so daß wahre Hieroglyphen entstehen, die nur
er entziffern kann. Dte erste Jdee zu dem jetzt er-
schienenrn Roman: ll.es 1'ravsillers äe Is mer,
entstand in seinem Geiste im Jahre 1859, alS er
die Insel Sark, GuernSey gegenüber, besuchte;
wte er aber ftine Pläne lange durcharbeitet, so hat
er auch erst im Jahre 1864 begonnen, den Roman
niederzuschreiben, der übrigenS herzlich schlecht ist.

Baden, 5. April. 'Gestern fand vor dem
Bischof von Straßhurg die Dermäblung des über
50 Iahre alten HerzogS von Off»na, Befitzer un-
zähliger Titel und einer Rente von 2 Millionen,
mit der jungen und schönen Prinzesfin Salm tn
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