Heidelberger Zeitung — 1866 (Januar bis Juni)

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Beilage zur Heidelbergcr Zeituug.

Zur Wchrfrage.

Mehrere Bürger Heidelberg's haben sich zur nachstehenden Eingabe an die beiden Kammern geeinigt:

Hohe i. (ii.) Kllmmer!

Vvr zwei Jahrcn hatten mehrere Hundert Einwvhncr von Heidelberg nnd Umgegend der hvhen Kammer eine
Petitivn nm Eirtfiihrilrlg allgcrrreirrcr Wehrpflicht und Aufhebrmg der Stellvertrctrmg dabei eingercicht.

Dic untcrzeichnktcn Staatsbürger Badcns haltcn eS für ihrc Pflicht, bezüglich diescr'für-die'Enttbicklung von
Baden und ganz Dcutschland höchst wichtigcn Angelegcnheit «iedcrholt ihre Wnüsche vorzütragen.

Dic fortdaucriidc Gcfahr, welchc der innern und äußern Freiheit unscres deutschen Vaterlandes gegenwärtig mehr
denn jc droht, gestattct »icht längcr,'die erwähnte Angelcgenheit zu verschieben.

Unser Wnnsch geht dahin, daß die hvhe Kammer dic großherzvgliche Staatsregierüng crsuche, die allgemeine
Wehrpflicht durch -in Gesetz cinznführen und zugleich dic Stellvertrctrmg daLci abzuschaffc».

Wir haltcn es nicht für nothwcndig, die Gründe für Einführung allgemeiner Wehrpflicht und Aufhcdung der
Stellvertretung weitläufig darzulegen.' Dicsc Sache tst bereits vor Zahrzehnten hinreichend erörtert wordcn, und, wie
die uuS lange vorcnthaltenen, endlich aber gewährten Schwurgerichte, ist die allgemetne Wchrxflicht als Forderung des
Volkes keiner weiteren Bcgründung mchr bedürftig. Ste ist in den Grundrechlen des deutschen Volkes klar
und bcstimmt ausgesprochcn, hatte somit bereitS gesctzliche Geltung bei uns, und was wtr wünschcn, ist nur die Wieder-
herstellung dcs tm Kriegszustaiide (wo die Gefetze schwicgcn) bescitigten Gesetzes.

Jn etncm sfreien Staatc, wo Recht und Gcsctz gilt, muß ja anerkaunter Maßen Rccht und Pfllcht für Alle
gleich sein; warum sollte es da mit der Pfltcht der Vaterlandsvcrtheidigung ander« gehalten werdeu? Niemand denkt
ja Gottlob mchr tu Badcn daran, das Heer al« willcnloses Werkzeug der Gewalt vom Volke abzulösen, um es zur
Untcrdrückung zu mtßbrauchcu. Hingegen weiß Jcdcrmann, daß b-t ehrlicher Durchführung allgemeiner
Wehrpflicht die Wehrkraft eines Landes bedeutcnd erhvht wird und zugleich auf die Dauer
die Kosteu einer solchcn Einrichtung weit geringcr sich stellcn, »ls dic gegenwärtig aufjgewcn-
dctcn Mittel. Das Beispiel der Schweiz ist hier unwiderleglich.

Rach dcm Berichte des eidgenösflschen Militärdcpartcments vvn 1862 hat die Schwetz, nur Auszug und
Reserve (bis zum 46. Zahr) gerechnet, 82,286 Mann AuSzug und 42,781 Reserve, uud der gcsammte
Aufw.and für daS Heerwesen in der Schweiz (für Bund und Kantone zusammen) beträgt
nach den neuesten Angabcn nur 2,606,606 Gulden jährlich, während Badeu für 17,660 Maun über drei
Milltoneu ausgibt, ungcrcchuet dcn ungehcuren Verlust an Arbeitskraft der ausgehobenen Mannschaft währeud
der langen Dicustzeit. Würde Baden nach dem Beispiel der Schwciz sein Heerwesen eiurichten, sv würde cs
mindestens 40,000 Mann für Auszug und 26,066 Mann für Reserve haben.

Es ltegt nicht in unscrer Absicht, wcitläufig auseinander zu fetzen, wie wir uns ini Einzelnen dic Durchführung
der Sache denkcn; zur Vermeidung von Mißverstäuduiffen ist aber gletchwohl eine kurze Darleguug nothwendtg.

Vor Ällem «erwahren wir uns dagegen, als vb wir eine Einrichtnng wünschten, wie sie in ueuestcr Zctt vorge-
schlagen worden tst, wobci mlt Nachahmung aber nicht Verbesserung des i„ Frankretch Bcstchcndcn, zwar scheinbar
allgemeinc Wehrpfltcht eingeführt, aber ctn Loskauf von diescr Pflicht gcstattet wäre.

Eiuc volksfeindltche Rcgicrung (d-ren Möglichkett nie aus den Augen zu laffen ist) crhtelte freilich in solcher
Weise schr b-deutcnde Gcldmittel, dte dadurch gcschaffeue Einrichtung wärc abcr das gerade Gegentheil einer volksthüm-
lichen Wehrverfaffung.

Wvgegcn wtr unS ferner verwahren, das ist die ctwaige Einführung der jetzigen Preußischen Hcerverfaffung.
Jst ja dvch anerkannter Maßcn dariu dcr ursprüngliche, großartige Grundgedanke der Landwehr, welcher Dcutschland
aus hartem Zoche gercttct hat, in trauriger Wctse veruustaltet und dte Laudwchr, eigentlich die Hauptsache, zu eincm
unbedeutenden Anhängsel herabgedrückt.
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