Heidelberger Zeitung — 1866 (Januar bis Juni)

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Utidelbkrgcr Ztitung.

KreisveMllüigungsblatt für üeu Kreis Hcidelberg unü amtliches Äerküuüiguligsblatt fiir dfe Auits- mid Aints-
Gerichtsdezirkr Heidelbcrg unü Wicsloch und ücn Auitsgerichtsbezirl Skclkargemünd.


Sonntag, 6 Mai


* Politische Umfchau.

Heidelberg, 5. Mai.

* Dic gegenrvärtigen drrhenden Zustände
sind gar^z dazu angkthan, den Mittel- und
Kleinstaaten ihre bedcnkliche und gesährliche
Lage recht grcü. vor Augen zu führen. M'nn
ste überhaupt nicht gewillt sind, bei dem ersten
aufstzeigenden Kriegsgemitter sich Oesterreich
oder Preußen zn Füßen zu wcrfen, und wenn
ste noch eine gemisse Selbstständigkeit behaup-
ten und ihre nicht unbedeutenden Mittel in die
Wagschaale werfen mollen, so wäre jctzt der
Augenblick für sie gekommen, mit Hintansetzung
aller kleiulichen Eifersüchteleien solcheS auszu-
führen, sich so schnell wie möglich — wenig-
stens militärisch — zu orgaiüsircn und mit
ihrer nicht zu unterschätzendcn Macht efne Stel-
lung zu behaupteu, daß sie, je nachdem sie sich
Oefterreich oder Preußen zuwenden, den Frie-
den in Deutschland zu dictiren im Stande sind.
Mit ihnen pürde der Kern des deutschen Vol-
kes gehen, wenn sie mit deni Aufgebote ihrer
sämmtlichen militärischen Kräfte auf die Seite
der Freihcit und des Nechtes sich stellcn würden
— denn nur dann und bei schnellem thatkräf-
tigen Handeln wäre es möglich, einen deutschen
Bruderkrieg in die engsten Grenzcn zu bannen,
wenn nicht zu verhindern, und gleichzeitig einen
rauberijchen Einfall lüsterner Nachbarn auf
deutsche Provinzcn abzuwehren.

Die „Kölnische Zeitung" und nach ihr die
„Badische LdSzH." enthielten vor einigen Tagen
eine bis jetzt von uns unberücksichtigte Mit-
theilung, nach dcr „pon allen dcutschen Mini-
stern Hw. v. Edelsheim dor einzige gewesen
sei'n soll, welcher in Folge der österreichischen
Botschaft vom 16. März das badische Contin-
gent Oesterreich so gut wie zur Versügung
stcllen wollle, daß er aber im Ministcrrath
übcrstimmt worden sei." Die „Karlsr. Ztg."
bemerkt in ihrer heutigen Nummer darübcr:
„Es verstehl sich von sclbst, daß der Jnhalt
der Correspondenz durchaus dem Neich dcr Er-
stndung angehört. Der „Bad. Ldsztg." konnte
dieö kaum unbckannt sein. Uin so weniger
läßt es sich irgcndwie entschnldigen, daß sie
mit ausgesuchter Vorliebe stetö auf Kosten eines
Ministcrs unsercs StaatS derartigen Mitthei-
lungen ihre Spaltcn öffnet, und sie gar, wie
hier geschehen, durch den Druck besonders aus-
zeichnet. Wir wiffcn nicht, 'welchen Zweck sie

dabei verfolgt, und welchcn Werth es nach
ihrer Tendeuz hat, den Miuisterrath als uneinig
iu den allerwichtigstcu TageSfragen darzustellen.
Damit kann sie Niemanden cineu Dienst er-
weisen, weder dem Land, noch irgend einer Pcr-
son, sei eS im Ministerrath oder außerhalb
deffelben."

Heute wird auf den Antrag Sachsens eiue
außerordentliche Bundeötagösitzung stattfindeu.
Der Zweck dieser Sitzung dürftc wohl aus
dem lctzten Notenwechfel zwischen Berlin und
Dresdeu motivirt werd.cn.

Das „DreSdener Journal" stellt die Be-
hauptung in Abrede, daß Sachsen Oesterreich
-zu Nüslungen angespornl habe, indem eö cr-
klärt, daß die NüstungSfrage zwischen Drcsden
und Wien nicht erörtert sei.

' Nach einem Telegramm der Wieuer „Presse"
lehnt Preußen alle Verhandlungen in Betreff
eincS DefinitivumS in der Herzogthümersrage
auf Grundlage der bekannten öfterreichischen
Propositionen ab. — Die „N. fr. Pr." läßt
sich aus Paris telegraphiren, man bringe die
dvrt erwartcte Aukunft Lord Gladstone's mit
dem Congreßprojccte in Zusammenhyng.

Die Wiener „Abendpoft" vom 3. stellt die
Meldungen hiesiger Morgenblätter in Abrcde,
daß Frhr. v. Werther bereits eine ablchnende
Nückäußerung Preußens a.us die Depesche des
Grasen Mensdorff vom 26. April in Betrcff
dcr dcfinitiven Löjung der Herzogthümerfrage
zur Kenntniß deS Wiener CabinetS gebracht
habe.

Aus Wien wird telcgraphisch gemeldct,
der Kaiser habe 40 neue BrigadierS ernaunt.
England soll feine Vermittelung angeboten
haben.

Die „Kreuzztg." sagt: Heute am 3., Nach-
mittags 3 Uhr, hat im Mmisterium des Aeu-
ßcrn eine Conseilsitzung im Beiscin deS KönigS
und des Kronprinzcn stattgcfunden. Gcstern
ist keine Conseilsitzung abgehalten worden, und
sind die Nachrichten vou eiuer bereits vcschlos-
senen Mobilmachung jedenfalls verfrüht. Die
bevorstehende Erweiterung der preußischen Nü-
stungen halten wir auch heute noch für wahr-
scheinlich.

Der preußische „Staatöanzeiger" vom 3. d.
erklärt: Die österreichijche Depesche vom L6.
April, betreffend die Negelung der Herzogthü-
mcrangelegenhcit, ist noch njcht beanlwortet.
Preußen hält am Wiener Frieden und an dem

Gasteiner Vertrage fest. Wie Oestcrreich die be-
abstchtigte Entscheidung dcS BundcS damit ver-
ciuigt, ist nicht abzusehen. Preußen ist nicht
gesonnen, den gemeinsam erkämpften und durch
Vcrträge erworbencn Besitz von einer anderen
Eutscheidung, als seiner eigenen Entschließung
abhängig zu machen.

Die gestrige „Jndependance" thcilt dcn Wort-
laut der preußischen Sommation nach Dres-
den, sowie die darauf crfolgte Antwvrt deS
sächsischen Cabinets mit und resumirt den Ju-
halt der letzleren wic folgt: „DaS Actenstück
zeichnet sich vor Allem durch die Festigkeit auS,
mit der Sachsen die preußischen Ausführungen
zurückweist, und durch die Geschicklichkeit, mit
der Herr v. Beust die Frage, aus dcr die preu-
ßische Depcsche eine nur die Höfe von Berliu
und Dresden berührende Angelegenheit machen
will, auf daS Gebiet dcr Bundespolitik zurück-
führt, indem cr sich hinter das iu Deutschland
geltende öffentliche Necht stellt."

Es verlauten Gerüchte von einer Aufstellung
zweier franz. ObservationScorps bei Lyon und
Lille, sowie von Berufung des Marschalls
Mac Mahon nach Paris.

Der „Tcmps" bringt die Nachricht, daß der
englische Schatzkanzler Hr. Gladstone am Frei-
tag in Paris eintrcffen wird. Diese unerwar--
tete Ankunft inmitten der Parlamentssession
wird in Paris natürlich für ein sehr bedeuten-
deS Ereigniß gehalten.

Die „Gazzetta di Milano" fagt, daß dcr
Aufruf sämmtlichcr Klassen ein Effektiv von
400,000 Mann liefert. Alle Klasfen müssen
bis zum 9. Mai in den Hauptorten ihrer Ar-
rondissements gesammelt sein.

Die „Patrie" läßt sich vom adriatischen
Meere melden, daß eine Commission, deren
Vorsitz ein von Wien gesandter Genie-General
führt, bie Forts der Laguneu besichtigt. Diese
Forts, welche am Lido, bei Malamocco und
bei Chioggia sich bcfinden, bildcn mit denen
von San Michele und von Santa-Elena die
VertheidigungSwerke Vcnedigs von der Mecr-
seite. Die Commission soll sich sehr günstig
über die Situation dieser Wcrke ausgesprochen
haben.

D e u t s ch l .r n d.

Karlsruhe, 3. Mai. 34. öffentl. Sitzung
der 2. Kammer. (Schluß). § 14 lautet nach
dem Kommissionsantrag: „Die Uebertretung Z

(Eine gute Lection.) Es ist eine sthr alte
Erf^rung, dciß die Fürstinnen^des GesangeS und

besitzen. Namentlich stehen die Geschivister Patti in
dieser Hinsicht in einem nicht cbcn beneivcnswerthen
Rufe. Um so picanter ist dcr folgende FaU sowohl
durch^die im höchsten^Grade^ naive Unb^scheiben^eit

Dame eingrladen, in dem Salon eineS vornehmen
Hauses bei Gelegenheit rtner Abendgesellschaft einige
Anen vorzutragen, und erntcte an jenem Abenv
k'uen ungcbeuren Beisall. Am folgenden Morgen
"vtelt dte Sängerin von Seiten des GastgeberS
^tul mit einem Paar prachtvoller Brtllant-
ohrringe zugrschickt, deren Werth slch auf min-
dens sechs bis achttausend Franken belief. DieS
Geschenk gefikl wobl recht gut, allein fie beging die
große Ungeschicklichkeit, dem splendidrn Geber ein
DanksagnngSbillet zu fchreiben, welches mit einem
kleinen Postlcriptum cndigte, worin sie erwahnte,
der geehrte Herr habe vergrssen, ihr die Summe
von so und so viel tausrnd Franken zu überscnden,
den gewöhnlichrn Preis, wenn fie in etner Gesell-
schafr singe. Man kann fich drnken, was für etn
Geficht der Mann machte, als er dicsen Brirf
rmpfing, während er der Meinung war, die Patti

Er wußte jedoch die llnbescheidenheit der Säiigestn
in drr klugsten Weise zu bestrafen; er ging zu skinem
Juwelier und kaufte ein Paar andere Ohrringe
zum Preise von etwa fünfunksiebenzig bis einhun-
drrt Tbaler, fügte die von der Sangerin bean-
spruchte Gelcsumme dinzu und übergab Alles zu-
sammen seinem Secretär, der sich zn der Dame
verfüqte und folgende Ansprache an ste richtete:
„Mein Herr erbielt heute früh Ihr gerhrtes Schret-
brn, fand Ihre Reclamation vollständig gerecht uud
sendet mich nun, sein Vergcffen wieder gut zu machen
und Sie um Entschulbigung zu bitten. Hier über-
gebe^jch I^»en das Gcld^und nn^kleinrS Gr^ienk,

trachten. Aber ich habe gestern leidni eür bedauer-
ltches Versehen begangen! Die Diamantohrringe,
welche ich Jhnen üvergab, waren nicht für Sie be-
stimmt; es war ein Irrlhnm von mir, ick sollte
sie^zu einer andern Dame tragen. Wollten Sie die
Güte haben, mir dieselben znrückzugebcn und mir
das Mißverständniß zu verzeihen?" Die Sängerin
begriff ^u spat ihren Fehler. Sehr verlrgen übergab
sie dein Secretär die schönen Brtllanten, denen fie
seufzcnd nachblickte __

* Literarisches.

Die Deutsche Roman-Zeitung (Verlag von
Otto Ianke in Berlin) fährt im ueuen Quar-

gann mit dem Roman „Der Wildpfarrer", von
Otto Müller, dem geistvollen Dichtcr sehr vieler
bekannter und gediegener Romane. Jhm schließt
sich an: „Des Rab^i Vermächtmß", großer Ro-

Erscheinungen auf dem Gebiet der nruen Roman-
Literatur. „Liebe und Leidenfchaft", Roman
von Graf Ulrichv. Baudissin, — „Hogarth^^,
Roman von A. L. Brackvogel, dem Dickter des
Narziß, Frwdemann Ba^ rc., sowie große Ro-

gramm enthalten, ein BeweiS für daS anerkennrmgs-
werthe Streben der Verlagshandlung, der drutschen
Nation in billigster und bequemster Weile die Werke
ihrer Lieblings-Dichter zu übcrmitteln. Der überauS
wohlfeile Preis von 1 Thlr. für den Quartal-Band
von 12 Hesten, die nahe an 1000 gedruckte große
Seiten enthalten, mackt die Anschaffung eer Ro-
man-Zeitung Iedermann möglich. Der Umstanb,
daß dafür auch die Postämter die Roman-Zettung
besorgrn, erleicktert die Anschaffung auch in Yrn
klxinsten Städten und auf dem Lande.
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