Heidelberger Zeitung — 1866 (Januar bis Juni)

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Utidklbkrgrr Zeilung.

KreisveMudigungsdlatt fiir den Kreis Heidelberg und auitliches Berkündiguugsdlatt fiir die Amts^ unü Amts-
Gerichtsbezirkc Hcidelbcrg und Wiesloch und dcn Auitsgerichtsbezirk Ncckargciniiud.

Nk 112


Dienstag, 13 Mai


* Politische Umscbau.

Heidelberg, 14. Mai.

* Die Ereignisse drängen sich immer mehr.
Zwei besonders solgcnschwere in den letzten
Tagen waren: die Abstimmung am Bun-
deslage übcr den sächsischen Antrag und die
Auflösung des preußischen Abgeordnetenhauses.
Fassen wir für jctzt das Erstere in's Auge.
Eine Majorität von 10 gegen 5 Stimmen ent-
schied gegen Preußen. Aus österreichisch-säch-
fischer Scite standen die Mittclstaaten, selbst
Hannovcr, uud die bcdeutendern der kleinen
Regierungen. Trotz dicses für Preußen so un-
günstigen Verhältnisscs beharrte der preußische
Gesandte auf seincn frühern Erkiärungen. Er
hatte sogar die Kühnheit, zu fordern, der Bund
möge veranlassen, daß die Preußen angeblich
bedrohenden österreichisch - sächsischen Rüstungen
rückgängig gemacht werden, widrigenfalls Prcu-
ßen bei den sich ergebenden Consequenzen nur
seine L>icherheit und europäische Machtstellung
im Augc haben würdc. Dies ist ein offener
Fehdebrief au den Bund, dessen Majoritäts-
beschlüsse verworfen werden. Preußen sagt sich
vom Bunde loö, um vereint mit auswärtigen
Mächten (wie im 7jährigen Krieg) Vaterlands-
verrath zu spinnen, und die Schrecken des
Kriegs über Deutschland heraufzubeschwören.
Ein Trost ist hiebei: Die Situation in Deutsch-
land ist klar geworden. Preußen darf hier —
wie selbft die einzigen unabhängigen preußischen
Organe (die Berliner Volkszeitung und die
Rheinische Zeitung) zugeben, nunmehr auf kei-
nen Frennd mehr zählen.

Das „Dresdner Jyunal" erklärt das Zei-
tungsgerücht, man befürchte in Dresden Auf-
läufe gegen die besitzenden Klassen, als jeder
Begründung entbehrend.

Das „Memorial diplomatique" behauptet:
die französischc Regierung sei nicht entschlossen,
im Kriegsfall ihre Armee in Rom zu lafsen;

— Preußen habe Bayern die bestimmte Zu-
sicherung gegeben, Sachsen nicht anzugreifen;

— eine rumänische Deputation befinde sich in
Paris, von wo sie nächstens nach Düsseldorf
gehen werde, um dem Prinzen von Hohen-
zollern die rumänische Krone anzubieten.

Die „Wieuer Ztg." vom 12. publicirt im
amtlichen Theile einen Erlaß des Finanzmini-
steriums vom 10. Mai, durch welchen die Aus-
fuhr von Waffen, Waffenbestandtheilen und
Munitionsobjecten jeder Art über die Gränzen

Pfingstsestlichcs öeitgedicht.

O Fest dcr grünen Maien,

Das Heil der Welt verheißt,

Geuß' über alle Laien
Aus deinen heil'gen Geist!

Zu jedem guten Werke
Gtb ihnen Kraft und Stärke,

Und ihre Losung sei,

Trotz wtldem Krtegsgeschrei:

Süd oder Nord,

Kluch jedem Brudermord!

Dem Meister sei allein vertraut,
Der Deutschland ohne Blut erbaut!

O Fest ver schönen Pfingsten,

Laß uns der Freude weihn!

Dem Höchsten, wie Geringsten,
Senk' Muth tn's Herz hinein,

Daß Jeder, Gott zu loben,

Sick mäcktig fühlt erhoben
Und steht in der Gefahr
Am Vaterlandsaltar:

Süd oder Nord,

Fluch jedem Brudermord!

gegen Jtalien, die Schweiz, den Zollverein und
die See verboten wird.

Limayrac constatirt im „Constitutionnel" wie-
derholt, daß Frankreich Preußen, Italien und
Oesterreich fortwährend Rathschläge zur Mäßi-
gung gegeben habe.. Die Regierung des Kai-
sers wünsche die Erhaltung des Friedens unter
Bedingungen, welche den Nationalinteressen und
der Nationalehre volle Befriedigung gewähren.
Einen andereu Beweggrund und einen anderen
Zweck habe der Kaiser nikbt, und es sei nicht
gestattet, diescm Kriegsprojccte zu unterschieben,
die er in Wirklichkeit bedauerr und mißbilligt.

Die „Kreuzztg." erklärt die Gerüchtc von der
'Abtretung des Saarbrückcr Kohlenbcckens für
„durchaus unbegründet."

Der „Jndep. belge" wird von Petersburg,
11. d. telegraphirt: Gerüchten zufolge, deren
Genanigkeit noch nicht verbürgt werden kann,
hätte die russische Rcgierung ihrcn Vertreter in
Berlin beauftragt, Hrn. v. Bismarck zu wtffen
zu thun, daß, wenn Preußen die Jnitiative zu
einem Angriffe gegen Oefterreich ergreife, Ruß-
land sich genöthigt sehen würde, Partei für diese
lctztere Macht zu nehmen. (Die Nachricht wird
ueuestens widersprochen.) — Nach einer an-
deren etwas mysteriös klingenden Mittheilung
desselben Blattes aus Wien sollen zwischen
Oesterreich und Frankreich Unterhandlungeu
angeknüpft sein, deren Resultat die politische
Situation vollständig verändern könnte. Man
sprach von einer Uebereinkunft, welchc Oester-
reich von der Last befreien würde, im Norden
und im Süden Krieg zu führen. Es handelt
sich, wenn der „Star" recht unterrichtet ist, um
Untcrhandlungen wegen Abtretung Venetiens
an Jtalien. Gerüchtwcise circulirte diese Nach-
richt auch gestern an der Frankfurter Börse und
wurde, weil gewünscht, vielfach geglaubt.

Der Times-Correspondent schreibt aus Ber-
lin: Der Krieg wird hier als das größte Un-
glück betrachtet. Es gibt wenig Länder, in wel-
chen die Civilisation hoher steht, wo größere
materielle Jnteressen auf dem Spiele stehen als
in Preußen; dabei ist die geographische Lage
ungünstig und ein Krieg mit Oesterreich dem
deutschen Nationalgefühl widerstrebend. Die
Geldverluste sind jetzl schon ungehener. Die Jn-
dustrie ist blühend, allein der erworbene Wohl-
stand noch zu neu, um schwere Schläge ertra-
gen zu können, dazu kommt, daß der bisher
leichte Gelderwerb vicle Leute in den Städten

Dem Meister sei alletn vertraut,

Der Deutscbland ohne Blut erbaut!

O Fest der höchsten Ltebe
Des besseren Geschlechts,

Laß grünen alle Triebe
Am Baum des MenschenrechtS!

O send' die weiße Taube,

Dann fiegt dein Friedensglaube
Und schirmt der Freiheit Gut,

Drum fasset Alle Muth:

Süd »der Nord,

Fluch jedem Brudermord!

Dem Meister sei allein vertraut,

Der Deutschland ohne Blut erbaut!

Leipztg, 1866. Müller von der Werra.

H Wiesloch, 7. Mai. Gef^rn gab der hiefige
Sängerverein ein gelungenes Concert. Die ein-
geübten Lieder für den Cbor wurden präciS vor-
getragen und gaben zu erkennen, daß sowohl die
Sänger, als auch der Dirigent den größten Fleiß
an dcn Tag legten, um ben Verein tn gesanglicher
Beziehnng zu heben. Die zwiscken die Cböre ein-
gestreuten Clavier- und Violinltücke, die Solopar-
tien und Duette für Gesang fanden den ungetheil-
testen Beifall der zahlreichen Zuhörcr. BesonderS

veranlaßt hat, über ihre Mittel zu leben. Nimmt
man alles dieseS zusammen. so kann man bc-
rechnen, wie schwer solchc Thatsachen ins Ge-
wicht fallen.

Dem „Schw.M." wird aus Wien geschriebeu:
Das 6. Armeecorps, das unter den Befehlen des
F.-M.-L. Frhrn. v. Ramming, eines unserer
bestcn Gencrale, steht, hat Ordre erhalten, in
Eilmärschcn nach Böhmen zu rnckcn. Die Fe-
stungen in Böhmen sind jetzt vollständig armirt,
und in Theresienstadt allein bcfinden sich 900
Kanonen.

Au der Spitze der Berl. Volksztg. vom 4. d.
steht folgendes Gelöbniß: „Noch ist dasSchwert
nicht gezückt! Noch geben wir uns der Hoff-
nung hin, daß man vor der letzten Consequenz
unheilvoller Wege zurückweichen werde! Aber
wir sind nicht in der Lage, das Verderbniß
abzuwenden. Wir befinden uns in dem letzten
Stadium einer Politik, die, wie sie gegen die'
Volksstimme bisher geleitet, auch vielleicht gegen
die Volksstimme einen blutigen Ausgang schafft.
Und weil dem so ist, sind wir von dem Be-
wußtsein niedergedrückt, daß, wenn der schwerste
Augenblick kommt, in welchem der Würfel rollt,
wir genöthigt sein werden, unferem Weheruf
über das Unheil ein Schweigen aufzuerlegen.
Für diese Zeit, da alle Mahnung zu spät und
ein schweigsames Tragen die schwerste der Pflich-
ten ift, für diese Zeit gilt heute unser ernstes
Gelöbniß. Wir vernehmen schon jetzt, da das
Schwert noch in der Scheide ruht, einige Stim-
men des Fanatismus im Namen DeutschlandZ
gegen Deutschland toben. Wir wissen, es sind
Lügenftimmen; aber die Erfahrung lehrt uns,
wie unter der erregten Leidenschaft des Krieges
die Sprache des Fanatismus leicht Eingang
findet unter der Fahne desPatriotismus. Darum
lautet jetzt noch in ruhiger Stunde unser Ge-
lübde dahin: Was die Zeit auch bringt, wie
zwingend auch die Pflicht des Schweigens sich
uns aufdrängen wird, wir werden nie vergessen,
daß der Krieg ein unheilvoller, ein deutscher,
ein Bruderkrieg ist. Wir werden dem größeren
Unheil des palriotischen Fanatismus nie das
Wort leihen, nie eine Stätte in diesen Blättern
gewähren! Dieß unser Gelöbniß für kommende
Zeiten! und dieß dem Herzen jedes unserer
.Leser nahe legend, schließen wir mit dem Einen .
Spruch. Möge uns und den wahren Freunden
des Vaterlandes die Zeit der Prüfung schnell
vorübergehen!"

und bestiminte Auftreten der jugendlichrn Sänge-
rin, ibre edle Haltung, ihre gutgesckulte, klang-
reiche Stimme, die sie in mehreren Liedern hkren
lirß, riffen das Publikum zum größten Applaus
hin. — Dem Loncerte r^hte fick ein Tanzkränzchen

* Literarisches.

Heidelberg. ll. Mai. Es ist dahier in Com-
misfion ber Wintcr'schen Buchhandliing die erste
wisscnsckaftliche Abhandlung über die Eichenrinden-
erztehung unter dem Titel: „Die Hackwaldwirth-
schaft", von Dr. Strobecker, erschienen. Der
nähere Inbalt ber Schrift, welche von großer na-
tionalökonomischer Wichtigkeit ist, bezieht sick auf
die Beschreibung, mehr noch auf die Erklärung der
Hackwaldwirthschaft, welche rine Anzabl wicktiger
Hypothes^n (über Rindenbildung ber Eicken, Ent-
^him g der Eichengerbsäure.Edie pbytoche m^i sch e

flüffe auf die Eicheiirindenwaldwtrlbschaft enthält.
Dic Schrift ist für Eameralisten, Forstwirthe und
wiffenschaftliche Landwirthe von Wichtigkett.
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