Heidelberger Zeitung — 1866 (Juli bis Dezember)

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Ueidtllmglr Zeitulig.

M'ISS. D-nnerstag, ». August 18««.

-j-j- Gin friedlicher Sieg.

Der. Nachhall deS Schlachtendonners in
Deutschland hat in etwaS den Jubel übertönt,
der gegen Ende des vorigen Monats die An-
knnft der ersten Depesche von jenseitS des
Oceans begrüßte. Frcilich nicht gcwaltige
Schlachten, nicht der Sturz von Dynastien,
sondern dcr Fortschritt der Wissenschaften be-
zcichnet den Fortschritt der Menschheit; bcwun-
derungöwürdiger immerhin ist die eine elec-
trische Batterie, die den Funkcn von einer
Küste zur andern scndet, als die vielen Tau-
sende von Mordgeschosscn, die den Donner
überhallen. (Nicht im Toben dcS Sturmes,
sondern in leisem Wehen enthüllte sich schon
der Herr dem Moscs.) Es gibt keinen atlan-
tischcn Occan mehr — dieS ist ein stolzes Wort,
welches die Völker hcute auSsprechen können.
Nach lOjahriger Zeit unausgesetzter Denk-
arbeit unv willig gebrachter Opser ist die tele-
graphische Vcrbinoung zwischen Europa und
Amcrika gcsichert; weit der Donne voran (die
Electricität ist bekanntlich schnellcr als daS Licht)
senden wir unsere Briefe mit Blitzen hinüber
und herüber, wir spotten deS unermeßlichen
Naumes, in den sich hinauszuwagen vor 400
Iahren noch als ein fast unmögliches Wagestück
erschien. Wahrlich, die Begeisterung, mit wel-
cher jenes Werk in 2knerika und England be-
grüßt wurde, mit wclchcr man die schaffende
Thätigkeit des Denkers, den sriedlichen Wett-
kampf der Jndustriellen hoch über die Thaten
deS Feldherrn und deö Erobercrs stellt — ist
für den Denkenden leicht zu begreifen! Ver-
gessen wir bci allkm dem aber das Eine nicht:
Die gewaltige Anstrengung der Gesellschaft,
aus welcher das große Wcrk hervorging, war
nur möglich in einem mächtigcn, geordneten
und sreicn Staate. Wo noch um die Grund-
lage des Staatcs gerungen wird, da reift die
Phantasie des Künstlers, dcr schaffende Eifer
der wirthschaftlichen Kräfte die schönsten Früchte
nicht, da treten die Gedankcn des Forschcrs
nicht unmittelbar in's praktische Lebcn ein. So
hatte auch England, wo die Grundsätze des
Selfgovernments, die staatliche Ordnung und
poljtische Frciheit jctzt in größtmöglichem Maße
walten, schwere Kämpfe zu bestehen, ehe die
Grundlagen des politischcn Lebens so fest ge-
stellt wurden, daß die edelsten VolkSkräfte
wirthschastlichen Aufgaben stch widmen konntcn.
Während nun England der Früchte seiner
kräftigen ManneSthätigkeit sich erfreut, macht
Deutschland noch eine schwere politische Krauk-
heit durch. Mache man sich' darüber keine Täu-

schung! Diese schweren politischen Kämpfe sind
erforderlich, um anch uus' zu cinem politisch
reiferen Volkc zu machen, um auch uns zu be-
fähigen, durch so gcwaltige wirthschaftliche Lei-
stungen zu den Fortschritten der Menfchheit
beizutragen. Dicse Kämpfe bcreiten den Bo-
den, auf dem die Frucht gedeihen soll. Nicht
leicht wird ein Dolk, welches dic ihm gestellte
politische Aufgabe nicht zu lösen vermag, auf
dcn wirthschaftlichen Gebieten Lorbceren errin-
gen. Setzen wir jetzt den friedlichen Kampf
fort für die Gewinnnng eines Vaterlandes,
dann werdcn wir auch anf den Gebieten der
friedlichen Entwicklung mit England nnd je-
dem andern Volkc in die Schranken treten
können.

* PolLtifche Umscbnu.

HeLdelberg, 8. August.

Dieser Tage, schreibt das „Frkf. I.", erhiel-
ten wir aus Darmstadt die Nachricht, dem Mi-
nister v. Dalwigk sei in Nikolsburg die Eröff-
nung gcmacht worden, „daß die großh. Provinz
Oberhcsscn dem Kurfürsten von Heffen auf die
Dauer'seincs Lcbens zur Entschädigung für das
an Preußcn fallende Kurfürstcnthum bestimmt
sei. Nach dem Ableben deS Kurfürsten solle die
Provinz an Preußen kommen^ So abenteller-
lich dies klingen mag, fügte unser Corrcspondent
bei, so sicher ist, daß diese Eröffuung wirklich
geschah. Nun bringt aber dic „Hcff. Landesztg."
ganz die gleiche Nachricht mit dem Zusatz, das
Großherzogthum werde für die werthvoüe alt-
hessische Provinz mit einigen bayerischen, am
Main gelegenen Gebietstbeilen kaum nothdürf-
tig entscyädigt. Unter diesen Umständcn wollen
wir wenigstens — wenn auch mit 'aller Re-
serve — Notiz von dcr Nachricht nehmen.

Die Pariser Abendblätter fangen bereitö an,
die Thronrcde dcS KönigS Wilhelm zum Gc-
genstand ihrer Betrachtungcn zu machcn. Allge-
mein findct man, daß dieselbe sehr, ja allzu sehr
zurückhaltcnd gerade über d i e Punkte ist, über
welche man besonders gern Aufklärung erhalten
hätte: über die zukünftige Stellung der preu-
ßischen Negierung zu den Alliirten und Geg-
nern in diesem Krieg. Auch wird es sehr be-
merkt, daß wcder dcs Gegners Ocsterreich, noch
dcs Alliirtcn Jtalien, noch des VcrmittlerS
Frankrcich, noch des WaffenstillstandS Erwäh-
nung geschieht. Die „Presse" will erst auf die
Antwort warten, die aus die, nach ihrer An-
sicht unauSbleiblichen Bitten um Aufklärung der
beiden Häuser ertheilt werden dürfte. Die „Opin.
nation." bemerkt, daß die Thronrede sich durch
ernste Einfachheit und Prunklosigkeit auszcichne.

Vom Kriegsschauplatz.

Ueber den Zusammenstoß des 4. BataillonS deS
bayerifchen Leibregiments mtt den Truppen des ^
Großherzogs von Mecklenburg bei Bayreuth berich-
tet ein Münchener Lorresp. der Augsb. Ab.-Ztg.
auf Grur.d von Mittheilungen etneS Angehörigen
jencs Bataillons: „Als die furchtbar ermüdete
Truppe unter Major Zoner am 28. Juli zurückging,
dunkelte es bereits. Ais daö Bataillon von etner
Anhöhe niederstieg, hemerkte rS, baß ihm die
preußtschen Truppen gefolgt waren. Oben auf dem
Hügel angekommen, gaben diese Feuer auf daS
niedersteigende bayerische Batatllon. Sofort kehrte
fich die Schützencompagnie, welche die Nachhut bil-
drte, und stürmte den Hügel hinauf, wo fie gewahr
wurde, daß Lavallerie davon sprengte. Von da an
blieb Allrs ruhig. und die Nacht verfloß ohne wet-
tere Störung. Am andrrn Morgen früh 7 Uhr

dem Nacken, und kaum warrn dtese der Bayern
anfichttg, so schickten fie ihnen rine Kleingewehr-
salve zum Morgevgruß. Bald fühlte unser Ba- ^

^ taillon, daß es einem an Zahl weit überlegenen
Feinde gegenüberstehe, und zog sich, fortwährend
schießend, langsam zurück. Nun aber stand eS vor

Von unserem Batatllon derart empfangen wurde,
daß fie eS, nach dem Verluste ihreS MajorS, cineS
Rittmetsters und etwa liO Mann, vorzog, fich dem
Gefechte zu rntziehcn. Da tönte von der anderen
Seite Kanonendonner, und diesem Kreuzfeuer
suchte fich natürlich daS hartbedrängte Bataillon
eiltgst zu entziehrn. Ucber rinen tiefer liegenden
Etsenbahndraht stürzte ein Mann, der ihn nicht
gewahrt hattr, über ihn andere, über diefe wieder
anderc, in diesen Menschenknäuel feuerten dte Preu-
ßrn, und dort ficlen vtele unserer Soldaten, um
nte wiedrr aufzustehen. Major Graf Jooer erhielt
tn der Nähe dieseS Platzes ebenfalls einen Schuß
in die Srite, stieg aber trotzdem, daß thn die Sol-
daten baten, er möge fich schonen, nicht vom Pferde.
BiS tO Uhr, also volle 3 Stunden, dauerte die
Metzrlei, biS unsere Soldaten rndlich nach Lreuffen
kamen. Jn einer Mühle hatten fich mrhrere Sol-
daten, die nicht mehr fortkonnten, hinter dem

Die „France" lobt dic Thronrede wegcn ihrer
Bescheidenheit und Zurückhaltung, und findet,
daß sie sehr gcschickt abgefaßt sei. Denn wenn
es die Kühnhcit, die Encrgie, die Entschlossen-
heit sei, die den großen Absichten Erfolg ver-
schaffe, so sei es die MLßigung, die sie befestige
und dauerhaft mache. Auch die „Patrie" hebt
die Zurückhaltung der Thronrede hervor. Sie
wünscht dem König Glück dazu, bcgriffen zn
haben, daß die internationalen Fragen, dic ganz
Enropa interessiren, in seiner Hand nicht eine
parlamentarischc Waffc sein dnrften; sie wünscht
ihm ferner Glück dazu, daß er sich erinnert
habe, daß dic Verträge von NikolSburg nur die
FriedcnSprälimiuarien zwischcn zwci Kriegfüh-
renden, nicht abcr eincn definitiven internatio-
nalen Friedcnsvertrag in sich saßten. DaS
„Pays" sagt: „Die Nede des Königs v.on Preu-
ßen war eine Enttäuschung. Se. sicgreiche Maj.
hat die Kunst in's Wcrk gesetzt, zu sprechcn,
um so wenig als möglich zu sagen; — nichts
über die Zukunft der secundären Staaten; nichts
über die Entwürfe Preußens bezüglich des ge-
theilten DcutschlandS." Auch dem „Tenchs"
zufolge hät die Thronrede ein allgemeines Ge-
fühl der Enttäuschung hervorgerufen. Sie sei
viel bcdcutender durch Daöjenige, was sie durch-
blickcn läßt, als waS sie auSspricht.

Die „Opinion nationalc" erhält aus „ver-
schiedencn Quellen" die Nachricht, dcren voll-
ftändige Genauigkeit sie jedoch nicht verbürgen
könnte, daß Nußland eine grvße Truppcncon-
centrirung an den Granzen Preußens vornehme.

Die osficielle Madrider Zcitung veröffentlicht
ein Circular, durch welches die Mitglieder des
Cleruö anfgcfordert wcrden, zu dcn Bemühun-
gen dcr Negierung für Verbesserung der Lage
deS Staatsschatzcs mitznwirkcn durch freiwilli-
gen Verzicht auf cinen Thcil ihrcr Gehalte.

Die Kölner Zeitung sagt u. A.: „Man
merke wohl darauf, daß Ocstcrreich nur einen
dcutschcn BundeSstaat nördlich der Mainlinie
anerkennt und ausdrücklich festgesetzt ist, daß
von einer Verbindung von Nord- und Süd-
deutschland erst die Nede sein darf, nachdem
beide Staatengruppcn sich vorher sclbstständig
constituirt haven. Die nämliche Verpflichtung
hat Preußen gcgen Frankreich schon vor Aus-
bruch dcs Krieges auf sich genommen und für
jede preußische Feder ist eS eine Niederträchtig-
keit, die preußische Ncgierung aufzusordern,
Freund und Feind zugleich Treu und Glauben
zu brechcn Ganz abgesehen davon, daß wir
uns dadurch in einen neuen furchtbaren Krieg
stürzen würden, indcm wir bei dcr übermäßi-
gen Ungleichhcit der Kräfte trotz aller helden-

entdeckt wurtzen. Zwet andere Soldaten wurden
von der Müllerkn schleunigst in Arbeiterkleider
gestrckt, und auch sie entgingkn den Nachforschungen
der Preußen. Ueber Thumbach, Eschenbach und
Prrssat kam daS Bataillon nach Weide». Seine
Verluste sind sehr bedeutend. So hat eine Com-
pagnie, die mit 150 Mann auszog, in Weiden
nur mehr 81 Mann gezählt, und wenn wir sagen,
ein Drtttheil deS BataillonS tst'todt, verwundet
oder gefangen, übertreiben wir nicht im Geringstrn.
DaS Bataillon stand mit vier Lompagnien (zwei
Lompagnien hatten fich Samstag NachmittagS ver-
laufen und fanden fich erst wieder zurrcht, als fie
vor fich das Schießry der Preußen hörten, fie
waren den Preußen also im Rücken, dock konnten
fie mit threr gertngen Zahl keinen Angriff wagen
unv kamen am Sonntag wohlbchalten in Weiden
an) rinrm Fetnde gegenüber, drr zwei Bataillone
Infanterie, dret Kanonrn und rine Schwadron
Dragonrr zür Derfügung hatte."
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