Heidelberger Zeitung — 1866 (Juli bis Dezember)

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Ettlingen auf sein unterlhänigstes Ansuchen in
denRuhestand zu versetzen; die Amtsoorstands-
stelle in Eppingeu dem Amtmann Leutz in
Mannheim, unter Ernennung zum Oberamt-
mann, zu übertragen; den Amtmann Exter
in Ueberlingen in gleicher Eigenschaft zu dem
Bezirksamt Waldshut zu versetzen; unter Er-
nennung zum Amtmann als Beamte zuzuthei-
len: dem Bezirksamt Bruchsal den Amtsrichter
Erxleben in Ladenburg; dem Bezirksamt
Mannheim den Amtsrichter Siegel in Mann-
heim; demBezirksamt Ueberlingen den Referendär
Rudolf Gönner vonMöhringen; dem Bezirks-
amtFreiburg denReferendärRudolfv. Rüd t in
Freiburg; dem Bezirksamt Pforzheim den Re-
serendär Emil Bechert dahier.

Karlsruhe, 7. Nov. (Ä. öffentl. Sitzung
der 1. Kammer). Die Tagesordnung führt,
uach einigen geschäftlichen Mittheilungen und
Beeidigung des neu eingetretenen Abgeordneten
der Universität Freiburg, Staatsministcr Dr.
Stabel, zur Berathuug dcS Berichts des Geh.
Raths Bluntschli über die Hinterladungsge-
wehranschaffung. Der Antrag geht auf Zu-
stimmung zu den Beschlüssen der 2. Kammer.
Kriegspräsident Ludwig gibt ähnliche Erklär-
ungen wie in der 2. Kammer. JnSbeioudere
bemerkt er, daß die Errichtung des Baracken-
lagers noch nicht aufgegebeu sei. Die großh.
Regiening dürfe in dcn Bcschlüsscn der Kam-
mern die Ermächtiguug finden. ersorderlichen
Falles mit Beistellung auch der neuen Gewehre
vorzufahren. Er könne daher den Antrag der
2. Kammer nur empfehlen.

Oberst Keller wünscht. daß das Barackcn-
lager nicht aufgegeben werde, weil dieselben
Gründe, die für dasselbe früher sprachen, noch
jetzt vorhanden seien. Ein stäudigeS Lager sei
für die süddeutschen Staaten nolhwendig. Jn
größeren Staaten hätten immer große Vereini-
gungeil statt; in den Mittelstaaten selten. Bei
unS sollte wenigstens cine Brigade jährlich vei^
einigt werden. Die Beiichaffung von Hinter-
ladungsgewehren sei nothwendig, denn die letz-
tkn Kriegsereigniffe HLtten bewiesen. daß diese
Gewehre mit den Vorderladungsgewchren im
Verhältnisse stünden wie 15 zu 1. Die Hin-
terladungSgcwehre müßten auch auf die Reiterei
ausgedchnt werden. Deutschland laufe ohne
Oesterreich große Gefahr, denn wenn Oester-
reich außer Deutschland stehe, so sei seine Kraft
sehr erschüttert und eS stehe zu befürchten, daß
bei großen europäischen Zwisten Oesterreich
andere Allianz suche, und deßhalb müffe Deutsch-
land bis zn den Zähnen gerüstet sein. Allge-
mcine Wehrpflicht und Neugestaltung unseres
Heerwcsens auf gleicher Grundlage, wie das
preußische. Der Bericht spreche davon, daß
Baden künftig 44,000 Mann stellen müsse ein-
schließlich der Landwehr; dafür.müßten Gewehre
vorhanden sein. Redner bespricht noch das
schweizcrische Milizsystem, nach welchem BadenS
Heeresstand auf 110,000 Mann steigen würde.
Man dürfe daher mit Beischaffung von Hinter-
ladungsgewehren nicht lange zögern.

Frhr. v. Göler: Die Frage über die An-
schaffung brauchbarer Gewehre sei durch die
letzte Verhandlung dieses Hauses über die
deutsche Frage entschieden. Und wenn darnach
Baden im Kriegsfalle mit Preußen sich ver-
einigen und 44,000 Mann oder gar 110,000
Mann stellen müffe, so seien 40,000 Gewehre
weitaus nicht hinreichend. Bezüglich der bean-
tragten Erklärung zu Protokoll könne er nicht
begreisen, wie eine Kammer ein derartiges Vcr-
sprechen geben könne; die Zeiten und die Kam-
mern änderten sich und für die Regierung könne
also ein solches Versprcchen keinen Werth haben.
Er hätte daher eine andere Form dieser Er-
klärung gewünscht.

Artaria hatte daffelbe Bedenken, kam aber
zu anderer Ansicht durch den Umstand, daß der
Landtag nicht geschlossen, sondern nur vertagt
wcrde. Die gr. Regierung sci daher in der
Lage, die Kammern nöthigenfalls zusammenzu-
berufen und sich einen Credit bewilligen zu
lasftn, und vermuthlich sei dann die Weltlage
eine solche, daß diese Bewilligung ersolgen müsse.
Die Kammer gebe also nür ihr Versprechen
für die Dauer des Landtages. Redner bedauert
auch, daß nicht eine größere Anzahl Gewehre
beschafft werden könne, abcr die Gewehrfabri- j

ken seien alle über und übcr beschaftigt. Er
frage aber die gr. Regierung,"ob es nicht mög-
lich sei, durch unsere Militärwerkstatten die Um-
änderung oder Neuhcrstcllnng der Gewehre
vollziehen zu laffen. Was das Barackenlager
betreffe. so halte er solches für große Armeen
für nothwendig, nicht aber für die kleine badische.

Abg. Ministerpräsident Dr. Jolly: Der
Credit für Neuanschaffungen.sei formell nicht
bewilligt und die großh. Regierung könnc nur
in Form eineS Adminiftrativcredits verfahren,
und wenn sie dieseS thue, so sei sie nur vor
einer Ministeranklage gesichert. Aber die ma-
terielle Zustimmung sei für sie von aüergröß-^
ter Bedeutung, weil dieselbe die juristische Ver-
antwortung ihr abnimmt und dic moralische
sehr erleichtert. Er stimme daher mit dcm Com-
missionsantrag.

Kricgspräsident Ludwig: Er habe die Frage
über die Selbstfabrikation schon allcrseitS er-
wogen; allein die Anzahl der Büchsenmacher
sei in unserem Lande so gering, daß man nicht
einmal eine hinreichende Zahl für die Ausbes-
serungen erhalten könnc. Was das Barackcn-
lager betreffe, so hätten die Verhältnissc sich so
sehr geändert, daß die Frage herantreten mußte,
ob die Errichtung noch jetzt nothwcnvig sei, da
die Vereinigung süddeutscher Heerkörper nicht
mehr in Aussicht stünde und es sich frage. ob
unsere Truppen zu größeren Uebungcn künftig
nicht mit preußischen vcreinigt werden sollten.
Jnzwischen aber seien wir in einer Uebergangs-
zcit, und für diese sci und werde eine Anzahl
Baracken nothwendig; die bcreits vorhandene
Anzahl sei aus den Ucberschüssen für die Mo-
bilmachung angeschafft worden.

Es sprechen noch Oberst Keller, Frhr. v.
Göler, welcher sich dnrch die Erklärung des
Ministerialpräsidenten Dr. Jolly bcruhigt
fühlt, Staatsminister Mathy, der erklärt, daß
die Regierckng erst zu einem Administrativcredit
schreiten könne und werde, wcnn sie überzeugt
sei, daß in Preußen nicht etwa eine andere
Waffe zur Anwendung kommen werde, daß
übrigenS bis zum nächsten Landtage höchstens
ein kleiner Bruchtheil von einer Million ver-
wendet wcrden könnte, sodann Berichterstatter
Bluntschli, welcher crwartct, daß Diejenigen,
welche allgemeine Wehrpflicht, Landwehr rc.
wollen, auch Geld und Dienstleistung bicten
werden, dann sich über das schweizerische Mi-
lizsystem ausspricht und schließlich zum Schlusse
kommt, daß Baden die preußische Heeresorgani-
sation annehmcn müsse, und Kriegspräsident
Ludwig, der mit hen Aeußerungen von Blunt-
schli und Minister Mathy sich einverstanden
erklärt. DaS Gesetz und die Erklärung zu
Protokoll werdcn einstimmig angenommen.

Die TageSordnung führte noch zur Erstat-
tung und Berathung. deS Berichls des Abg.
Dennig über die Berichtigung deS Budgets der
Amortisations- und Eiscnbahnschuldcntilgungs-
kasse, welcher cinstimmig genchmigt wird, ebenso
der Bericht des Abg. Bcrtheau über das Kriegs-
kostcnausgleichungsgesetz, welcher sich der Fas-
sung dcr zweit^n Kammer anschließt. Ferner
wird der von Sr. Gr. Hoheit dem Prinzen
Carl erstattete Bericht über die Bitte der Stadt
Baden, die Verlängerung des Spielpachts betr.,
nach dem CommissionSantrag cingenommen,
welcher sich für empfehlende Ueberweisung an
Gr. Regierung, sowie Zustimmung zur Vcr-
längerung des Spielpachts über 1867 hinaus
ausspricht.

Nachdem noch cinige Eisenbahnbaubittschrif-
ten nach den Beschlüssen der 2. Kammer er-
ledigt und von Prälat Holtzmann die Schul-
frage, namentlich die Gehaltsaufbesserung der
Lehrer. zur Sprache gebracht worden, bezüglich
welcher Ministerialpräsident Jolly ähnliche Er-
klärungen wie frühcr in der 2. Kammer gibt,
welchen das HauS beitrat, verlas Slaatsmini-
ster Mathy einen Erlaß Sr. Königl. Hoheit
deS Großherzogs, worin dieVertagung bei-
der Kammern des Landtags auögesprochen ist,
und hielt hierauf folgende Ansprache:

Am Schlusse dieses letzten Abschnittes der
Landtagsperiode gereicht es mir zu großer Be-
friedigung, für Jhr gedeihlickes Wirken zum
Wöhle deS Landes Zhnen die achtungsvolle
Anerkcnnung und den Dank der großh. Regie-
rung aussprechen zu dürfen.

DaS hohe Haus hat in schweren Stunden
unbeirrt durch verwirrende äußere Einwirkun-
gen ein großeS Ziel unverrückl im Auge be-
halten; es hat die badische Heimath stets in
Verbindnng mit dem deutschen Vaterlande, nie-
mals als ein abgerissenes Glied oder als Theil
eines südlichen Bruchstücks, am wenigsten alS
außerdeutschen Schutzes bedürstig gedacht. Da-
rum haben auch die Ereigniffe, wclche daS
Werden eines deutschen Staates ermöglichcn,
dem hohen Hause nicht einen Wandel der Ges
sinnung auferlegt, vielmehr seine Politik und
seiiwn Glauben an die Zukunft DeutschlandS
wie an die Würdigkeit der Heimath, dem deut-
schen Staate anzugehören, neu gefeftigt.

Dicsem Wollen und Streben haben Ihre
Beschlüffe vom 31. October einen unzweideu-
tigen Ausdruck verliehen.

Jhre hcutigen Verhandlungen aber bildeten
zu jenem Ausdrucke die folgerichtige Ergänzung
in dem freien AuSspruche: daß dem Worte die-
That folgen muß, daß werthvolle Güter nur
durch entsprechende Leistungen zu erwerben und
zu erhalten sind.

So einfach diese Wahrheit, so unliebsam
llingt sie den Helden der Phrase, so emstg wird
sie von den Gegnern der nationalen Gestal-
tung als Köder für den landläufigcn Eigennutz
ausgemünzt.

Wohlan! Was dem Verständigen der freie
Entschluß, daS bringt dem Widerwilligen die
Gewalt der Dinge.

An der großh. Regierung ist es nun, ihre
Mittel anzuwenden, um, so weit dicselbcn rei-
chen, auf dem Wege zur dcutschen Einigung
vorwarts zu kommen.

Dieser Weg liegt nicht gebahnt und geebnet
vor uns, er zeigt zuweilen unvorhergesehene
Hinderniffe; aber tief müßten wir es beklagen,
wenn dem zur Leitung berufenen Staat der
lenkende Gcist sich versagen, wenn abstoßende
Mittclmäßigkeiten Raum gewinnen unb den
dcutschen Ausbau seiner Erfolge verzögern
würden.

Wir dürfen uns jedoch in keinem Fall durch
vorübergehende Unzuträglichkeiten beirren lassen;
denn wir wissen, was wir zu thun, waS wir
zu unterlassen haben.

Wir haben znnächst dafür zu sorgen, daß
Baden in dcr Lage, welche ihm für einige Zeit
geschaffen worden ist, durch energischc und nütz-
liche Thätigkeit der Verwaltung, durch das Ein-
leben der Bürger in die neuen Einrichtungen,
welchc sie zur Theilnahme an der Rechtspflege
und Verwaltung berufen, sich innerlich krästige.
Wir haben die weitere Ausgabe, uns politisch,
militärisch und finanziell so zu stellen, ckaß wir
den Feinden unscres Staatswesens im Lande
wie ringsumher keine Blöße geben.

Wir haben gleichzeitig und ohne Zeitverlust
Alles aufzubieten.. um mit Preußen und seinen
Bundcsgenossen die bestehenden Beziehungen zu
erhalten und zu pflegen, die wünschenswerthe,
und darunter in erster Linie die militärische
Verbindung so vollständig wie möglich zu er-
langen.

Daraus folgt, daß wir die Weiterbildung
dcr Partikulargesetzgebung einstweklen vertagen
müssen, wcil sie gleichzeitig neben jenen Arbei-
ten nicht zu bewältigen, und in der That auch
nicht so dringend -ist.

Die großh. Regierung fühlt sich in ihrer
Anffassung der Lage und der Forderungen,
welche dieselbe stellt, mil dieftm hohen Hause
im Einklang, und durch diesen Einklang qe»
starkt.

Sie hofft, Jhnen sciner Zeit den Beweis
liefern zu können, daß sie hinter ihrer Aufgabe
nicht zurückgeblieben, und daß sie Jhre so werth-
volle Untcrstützung auch ferner verdienen wird.

Dcr durchl. Präsident schloß hierauf mit
einer huldreichen Ansprache die Sitzung.

Darmstadt, 5. Nov. Prinz Alexander
von Hessen beabsichtigt sein als Obercomman-
dant geführtes Tagebuch demnächst durch den
Druck zu oeröffentlichen.

Wiesbaden, 5. Nov. Gestern begaben sich
die hiesigen Offiziere, welche nicht in den kgl.
Dienst übertreten, nach Rumpenheim, um bei
dem Herzog aufzuwarten. Es waren zwölf
Mann, geführt von dem vormaligen Chef des
naffauischen Kriegsdepartements General von
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