Heidelberger Zeitung — 1866 (Juli bis Dezember)

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legen und nöthigenfallS geltend zu machen, ra-
then sie uns zu einem Bunde aus Bestandthei-
len deren Schwäche vor wenigcn Wochen er-
probt worden und deren Kopflosigkeit in der
That die Welt in Staunen gesetzt hat. Statt
eineS Bundes, in den uns alle unsere geistigen
und matcriellen Jnteressen, unsere Jndustrie
und Handel, unsere Fabrikation und unsere
Bodenerzeugnisse mit Nothwendigkeit hindrän-
gen, wollen sie aus einigen Kleinstaaten einen
Bund zusammenflickett, der nicht leben und ster-
ben könnte, der im besten Falle nur ein ärm-
lichcS Scheinlcben führen würde, während er
in Wirklichkeit nur der Spielball wäre, der
bald von der französischen Jmperatorenpolitik
der Tuillerien, bald von den Jesuitenintriguen
der Wicner Hosburg seincn Anstoß empfinge
und willenlos hin- und hergeworfen würde.

Wir haben über alle diefe sonnenklaren Wi-
dersprüche in den von gedachten Politikern in-
spirirten Blättern bis jetzt nichts gelesen, was
jene lösen und über die unausbleiblichen Con-
fequenzen einer so verkehrten Politik bcruhigen
könnte. Wie die Lage der Dinge ist, ift eine
solche Politik eine verlorene Mühc, die höchstens
zur Folge haben kann, einige Köpfe weiter zu
verwirren. Doch sie kann und wird die Frei-
heit rctten! Ueber einen so kolossalen Jrrthum
ein andermal.

K'arlsruhe, 6. Dec. Die in Frankfurt
tagende Commission behufs AuSeinandcrsetzung
des bisherigen Bundeseigenthums hat zur Fest-
stellung des Bestandes und Werthes deS be-
weglichen Eigenthums in den bisherigen Bun-
desfcstungcn für jcde derselbcn zwei Localcom-
missionen ernannt, vou denen die erste, aus
Officieren bestehend, mit dem Genie- und Ar-
tilleriematerial, die zweite, aus Militärbeamten
und Officieren bestehend, mit den Einrichtungs-
gegenständen für Kasernen,' Hospitäler, Kanz-
leien, Wachlocale, Magazine rc. und mit den
Privatgezcnständen sich zu befasien hat. Jede
dieser Localcommissionen besteht aus drei Mit-
gliedern, sür die Festungen Mainz, Ulm, Ra-
statt und Landau wählen Oesterreich, Preuhen
und die betresicnde LandeSrcgiernng je cin Mit-
glied; für Lnxemburg wählen Oesterreich. Preu-
ßen und Baycrn die Commisfion. Für Rastatt
sind von Seiten der großh. Regierung ernannt
die HH. Hauptmann Engler von -dem FestungS-
artillerie-Bataillon und Kriegsminister Neßler.

Mosbach, 4. Dec. Jn der ersten Siz-
zung der Kreisversammlung, zu deren Vorsitzen-
den Frciherr von Rüdt-Collenberg, StaatS-
ministcr a. D-, erwählt wurdc, kam zuerst die
Errichtung einer Kreisverpflegungsanstalt zur
Berathung; Herr Stadtdirector v. Stengcl aus
Wcrtheim empfahl, hieran anschließend, die Ver-
einigung der Kreise MoSbach, Heidelberg und
Mannheim. Die Versammlung elnigte sich
übcr die Frage dahin, daß dem Ausschuß 200
Gulden zur Verfügung gestellt würden, um die
Kosten der Vorarbeiten für künftige Anträge
in dieser Beziehung zu bestreiten. Die Frage
der Errichtung einer Kreiswaisenanstalt wurde
fchwebend gelassen und dem Kreisausschusse zur
nochmaligen Begutachtung überwiesen. Jn der
heutigen Sitzung wurde die Errichtung einer

Herr B.-! Hier ist seine Einwilligung schrift-

lich. — Das ist etwaS Anderrs, dann' seien Sie
mir als Eompagnon herzlich willkommen. — Diestr
Tage tst nun Herr S. wieder angekommen, nun-
mehr Thetlhaber eines bedeutenden englischen Hand-
lungShauseS, um sich seine, auf fo feine Weist er-
worbene Braut abzuholen. Bei der Verlobungs-
feier erzählte drr moderne Jason in heiterer Wein-
laune, auf welche Art rr fich das goldene Vließ
eroberl, verficherte aber, daß nur die ^iefste Nei-
gung zu seiner nunmehrigen Braut ihn zu diesem
Schritte angetrieben habe.

Profeffor Baretta berichtet in der „Arena"
uber merkwürdige vulkanische Erschrinungen am
Monte Baldo (in der Nahe des Garda-Sees.)
Schon seit dem Monat April werdrn dort mit
kleinen Unterbrechungen starke untertrdische Drto-
nationen gehört mit den wellenförmigen Schwan-
kungen des BodenS, welche ein Erdbeben hervor-
zurufen pflegt. Dte Wtrkungen der Erschütterun.
gm erstrecken fich häufig biS iu den See hinetn,

landwirthschaftlichen Winterschulc und zwar zu
Buchen beschlosien.

Darmftadt, 5. Dec. Die „Hesi. Ldsztg."
berichtet: „Ueber dic Physiognomie der zu-
künftigen Kammer sind wi» nunmehr vollftän-
dig im Reinen; sie wird aus einer conservativ-
liberalen, sechsundzwanzig Mitglieder zählenden
Majorität, worunter mindestenS die Hälfte ächte
Vollblutreactionäre, und einer liberalen Mino-
rität von acht Stimmen bestehen. Es ist un-
möglich, daß sich dicse Kammer in dem Ver-
trauen des LandeS erhalten kann, und nur zu
bald glauben wir einem abermaligen „Tempe-
raturwechsel" entgegen sehen zu können. —
Dem Vernehmen nach soll eine Militärconven-
tion zwischen Heffen und Baden einerseits, und
Preußen andererseits vorbereitet sein, und wer-
dcn hiermit die in unferem MUitärwesen im
Gange befindlichen Aenderungen in Zusammen-
hang gebracht.

Tübingen, 4. Dec. Jm gegenwärtigen
Wintersemester beträgt die Zahl der Studiren-
den auf unserer Hochlchulc 756 (91 weniger
als im Sommersemester), darunter befinden sich
203 Ausländer.

Nürnberg, 6. Dec. Prinz Otto (Bruder
des KönigS), vom Könrg telegraphisch hieher
eingeladcn, wird heute mit dem Eilzug hier
ankommen.

Coburg, 3. Dec. Der Gesammtlandlag
berieth' hcute das Reichswahlgesetz wegen des
die Diäten betreffenden Zusatzparagraphen noch
einmal. Die Commission stellte den Antrag,
das Reichöwahlgesctz purs anzunehmen und der
Regierung zu cnrpfehlen, ein besondereS Gesetz
wegen der Diäten für die hicsigeu Parlaments-
abgeordneten einzubringen, nach welchem die
Zahlung von Diäten eventuell der hiesigen
Staatskasie zur Las( sallen und der Betrag
dersclben im Verordnungswege sestgeftellt wev-
dcn sollc. 'Der Slaatsminister v. Seebach er-
klärte die Differenz damit für bcseitigt, worauf
das RcichSwahlgesetz in uamentlicher Abstim^
mung einstimmig angenommen wurde. — Der
Landtag wurde darauf vertagt.

Leipzig, 5. Dccbr. Die „Constitutionelle
Zeitung" berichtet auö DreSden vom 4. Dec.:
„WaS wir besürchteten und voraussagten: daß
cs nämlich sehr bald auch hier zu Epceffen zwi-
schen Preußen und Sachsen kommen werde, ist
eingetreten, und der am Sonntag in der Cen-
tralhalle stattgefundene Exceß hat Dimensionen
erreicht, die desien Verschweigung nicht thunlich
erscheinen lasien. Kleine Patrouillcn richteten
nichtS aus. sie wurden zurückgeworfen, und es
soll nur wenig gefehlt haben, daß die verstärkte
Mannschaft hätte zum Feuern vorschreiten müs-
sen. Es frommt nicht, wenn wir uns weiter
über solche Ercesie, die in der Regel ein Nichts
zum Ursprung haben, verbreiten; wir benutzen
vielmehr diesen Anlaß, um wiederholt darauf
hinznweisen, wie viel Diejenigen zu verantwor-
ten haben, die noch iminer ihre Loyalität zu
beweisen glauben, wenn sie eine verbitterte
Stimmung gegen Preußen zur Schau tragen
oder befördern. Die Thatsache, daß es zur
Occupationszeit keine derartigen Exceffe gab,
spricht deutlich genug, und cbenso klar liegt vor,


Dem Schulmeister in Letzlingen ist eine
alte Geschichte pasfirt, ohne daß ihm daS Herz
dabei gebrochen wäre. Er mußte den König von
Prenßen, der zur Jagd kam, mtt einer Anrede
empfangen und machte seine Sache recht gut, als
aber der König fich däs Eoncept ausbat, fuhr er

die Schneiderrechnung im Betrage von Thlr.
15 Sgr. zum Vorschein. Der Köntg laS, lachte
und sagte: „Soll richtig bezahlt werden!"

daß die officiöse Preffe gerade jetzt — wo daS
Zusammengehen mit Preußen officielle Parole
ist — wenigcr Rücksichten als früher nimmt."
Dcr Berliner „Staatsbürger-Zeitung wird aus
Dresden geschrieben, daß wegen der sich meh-
renden Reibungen bereits an eine Verlegung
der sächsischen Truppen aus Dresdcn gedacht
werde.

Dresden, 4. Decbr. Wie die hiesigen
„Nachr." hören, wird unserc Armee den Bri-
gadeverband demnächst aufgeben, um als 12.
Armeecorps des norddeutschen Bundes organi-
sirt zu werden. Die Bataillone treten zu Re-
gimentern zusammen und erhalten auf den
Achselklappen Nummern, die in die 80er gehen.

Verksn, 6. Dec AbgeordnetenhauS. Do-
tationsgesetz. Der Berichtcrstatter Abg. Sta-
venhagen wünscht, daß der Act, den die
Kammer heute in Anerkennung des ruhmrei-
chen Heeres vollziehen wolle, dem Vaterland
zur Ehre und zum Segen gereichen möge. Der
Antrag v. Hoverbeck's: nur die Generale
Moltke, Steinmetz, Herwarth und Falkcnstein
zu dotiren, wird abgelehnt und der Commis-
sionsantrag mit 219 gegen 80 Stimmen an-
genommen.

Hannover, 4. Dec. Die sortwährenden
Belcidigungen und Belästigungen, welche die
hiesige Garnison von eincm Theile deS Publi-
kums zu erleiden hat, haben zu strengen Maß-
regeln Veranlasiung geqeben. Wie das „Tag-
blatt" hört, sind die Militärpersonen, wclche
insultirt werden, ermächtigt, unverzüglich von
ihrer Waffe Gebrauch zu machen.

Hannover, 5. Dec. Eine königl. Cabi-
netsordre, <1. ä. 27. Nov , sührt daS preu-
ßische Militärstrafgesetzbuch in Hanuover cin.
Die bisherigen hannover'schen Militärgerichts-
behörden werden aufgehoben.

Qesterreichifche Monarchie.

Prag, 2. Decbr. Die Hauptpunkte des
Adreßentwurss der Ausschußminorität (Bericht-
erstatter Abg. Dr. Herbst) sind folgende: Nir-
gends sei einc Verbesierunq der Admiuistration
im Reiche wahrnehmbar; die Justizresorm stehe
seit Jahren still; die Volksbildung sci zurück-
geblieben; dagegcn habe in finanzieller Be-
ziehunq eine verhängnißvollc Thäiigkeit bei völ-
ligem Mangel jeder Controle platzgcgriffen; der
Zustand des öfsentlichen Credits sei bedroht.
die materieüen Kväfte des Vaterlandes schwin-
den mit jedem Tage. Der Ausglejch mit Un-
garn sei keineswegs beschleunigt oder befördert
worden. Jn Folge desien habe eine allgemeine
Enlmuthigung platzqegrisfen. Auf die Weis-
heit und Gerechtigkeil des Monarchen ver-
trauend, bitten Oesterreichs Völker, der Kaiser
wolle in Anbahnung eines verantwortlichen
Regierungsjystems die alsbaldige Wiederher-
stellung des verfasiungsmäßigen Zustandes in
den Ländern diesseits der Leitha und zu diesem
Behufe dic Einberufung des Reichsrathes als
versasiungsmäßiger Vertretung anordnen.

Pefth, 4. Dec. Wiener Blättcr lasien sich
tclegraphisch über die gestrjge Sitzung der De-
putirtentafel melden: „Emerich Csengery erklärt
sich über DeakS Antrag, jedoch mit dem Zu-
satze, es möge in der Adresie ausgesprochen
werden, daß das Haus bie Verhandlung des
Elaborats der Siebenundsechziger-Commission
nicht für zweckmäßig haltc, so lange die Ver-
fasiung nicht hergestellt sei. Ludwig Tisza
stimmt sür scinen Bruder und polemisirt gegen
Horvath. Karl Szasz, Lorenz Toth, und am
Schlusie der Sitzung, die um 3 Uhr endcte,
Paul Somssich unterstützten Deak's, Graf
Ladislaus Raday und Koloman Ghiczy Tisza's
Antrag. Letzterer findet im Rescript vom 19.
November den Geist und Jnhalt des October-
DiplomS und polemisirt gegen Horvath. Dieser
will crklären, daß man ihn mißverstanden habe,
die Linke sucht ihn zu verhindern, und so wird
cine eprsodische Debatte über die Hausordnung
hervorgerusen. Nach dieser folgte Somssich's
Rede. ivclcher aussührt, daß die Beschlußpolitik,
wenn sic 1861 nicht am Orte war, jetzt viel
weniger zulässig sei. Jm Uebrigen polemistrte
er gegen Ghiczy." — Ueber die heutige siz-
zung berichtet ein Telegramm der „N. fr. Pr."
wie folgt: „Alexander Nikolics spricht sich in
einer kurzen Rede sür Tisza aus und macht
einige Bemerkungen gegen Horvath. Georg
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