Heidelberger Volksblatt — 1.1868

Seite: 23
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Geſtalt hatte die Geſchmeidigkeit einer wilden Weinrebe;
alle Reize, mit welchem der Maler die Gebilde ſeiner
Phantaſie ausſchmückt, fanden ſich beider jungen Tochter
Corſica's vereint. Und Marianne hatte eben ihr neun-
zehntes Jahr erreicht, ſie ſtand in der ganzen Blüthe
jugendlicher Schönheit. Mehr als ein genueſiſcher Kauf-
mann, mehr als ein ſardiniſcher Rheder, mehr als ein
munterer Officier der Republik Frankreich pflegten,
wenn ſie ſich Abends zum Gottesdienſt begab, ihr auf-
zupaſſen, um ſie in der natürlichen Anmuth ihrer Er-
ſcheinung, in der Unſchuld ihres frommen Weſens, die
gleichſam neu aus der Hand Gottes hervorging, anzu-
ſchauen. Mehr als ein Anbeter hatte ſich gefunden,
welcher Mariannen ſeinen Reichthum um den Preis
eines Lächelns angeboten; aber ſie war unempfindlich
gegen ſolche Anträge; ihr Herz gehörte nicht mehr ihr,
ſie hatte es bereits verſchenkt.
Jeden Abend, ſobald die Sonne hinter Ajaccio
verſchwand, lenkte das junge, züchtige Mädchen ihre
Schritte ſüdwärts durch die Stadt gegen das Meer-
uſer hin. War ſie bis an einen Vorſprung des Ufers
gelangt, ſo ſetzte ſie ſich und ſuchte, mit den Augen
durch die Abenddämmerung hinſchweifend, einen dunkeln
Punkt in der Ferne; bisweilen ſang ſie eine alte Ro-
manze, um ihre Unruhe zu beſchwichtigen. Bald drang
dann das Geräuſch von Ruderſchlägen an ihr Ohr, die
Wogen, durch eine geſchickte Hand zurückgetrieben,
brachen ſich ſchäumend am ſandigen Ufer, eine Barke
näherte ſich, am Strande hinfahrend, ſichern Laufes den
Felſen; endlich hielt ſie an, ein kräftiger Fiſcher
ſprang an's Land und legte ſeine Netze zu den Füßen
des Mädchens. Dies war Colazzo, der ärmſte, aber
ſchönſte Fiſcher der Jnſel. Dann wandelten die beiden
Liebenden zuſammen in die Stadt, in heimliches
Liebesgeflüſter verſenkt, und auch wenn ſie ſich trennten,
überglücklich, ſich noch einmal die Verſicherungen ihrer
Liebe gegeben zu haben, einer Liebe, die rein bleiben
und ewig dauern ſollte.
Das Glück des Armen iſt ſo leicht geſchaffen, es
koſtet ſo wenig! Schon ſeit anderthalb Jahren lebten
Colazzo und Marianne für einander. Eines Sommer-
abends ſaß die junge Corſin wieder am Ufer, die An-
kunft des Fiſchers erwartend. Die Zeit ſeiner gewöhn-
lichen Rückkehr war ſchon verſtrichen, die Barke zeigte
ſich noch nicht. Und doch war die Luft heiter; ein
friſcher Wind wehte erqnickend über die Meereswogen
dahin, keine Gefahr ſchien für Colazzo vorhanden zu
ſein. Schon lange bedeckte nächtlicher Schatten die
Erde, als Marianne ſich entſchloß, zu ihrer alten
Mutter zurückzukehren, welche ſeit einigen Tagen das
Bett hütete. Die Kranke ſchlief, als die Tochter in
die Hütte trat. Das gleichförn ig ruhige Athemholen
ſchien einen feſten Schlummer zu verſprechen; Marianne
benutzte den Augenblick, nahm auf ihre Schultern ein
irdenes Gefäß und ging, die Thüre halb offen laſſend,
zum Brunnen, um Waſſer zu ſchöpfen. Wie eine der
keuſchen Jungſrauen des alten Teſtamentes, ſo ſtand
ſie, das Gefäß auf dem Kopfe, und ſchickte ihren ſehn-
ſüchtigen Blick nach dem Brunnenplatz, wo ſich die

Mägde verſammelten, hinüber. Sie hoffte dort dem
Fiſcher zu begegnen.
Kaum hatte ſie ihre Wohnung verlaſſen, ſo trat
ein franzöſiſcher Officier auf ſie zu, der vertraulich,
leicht und anmaßend, wie es Söhnen des Mars eigen
zu ſein pflegt, ein Geſpräch mit ihr ſuchte. Weit ent-
fernt, irgendwie Furcht blicken zu laſſen, behielt Mari-
anne im Geſicht ihre ruhige Unhefangenheit. Sie ſetzte
ihren Weg fort, ohne ſich einmal die Mühe zu nehmen,
den Kopf zu wenden. "Du ſtolze Jnſulanerin," ſagte
der Officier, "wende Dich doch nicht ab von Deinem
Opfer! Deine Augen haben Verwüſtungen in meinem
armen Gehirn angerichtet; ganz Ajaccio weiß es! Sag'
mir, was muß ichthun, um Dein Felſenherzzuerweichen?"
Marianne ſah den Sprechenden fremd an; ſie ſchien
ihn nicht gehört, ihn nicht verſtanden zu haben und
ſetzte ruhig ihren Weg fort.
Was? nicht ein Wort, nicht einen Blick?" rief
der Officier. "Soll ich aus Deinem ſtolzen Benehmen
ſchließen, daß Lieutenant Lavareille Dir nicht vornehm
genug iſt, um ihn zum Anbeter zu haben? Er kann
Dir zuſchwören, daß die Schönen Jtaliens ihn nicht
daran gewöhnt haben, ohne Erhörung zu ſeufzen!
Zu ſeiner weitern Betheuerungen hatte Marianne
leiſe die Schultern gezuckt. Sie waren inzwiſchen zum
Brunnen gelangt. Sie ſtellte ihr Waſſergefäß vor die
Röhre, ſtill wartend, bis es ſich gefüllt haben würde,
um dann eben ſo ſtill und ſtumm nach Hauſe zurückzu-
kehren Lavareille ſtand vor dem jungen Mädchen und
ſparte keinen der ſchönen Anträge, keine der kühnen
Schmeicheleien, welcher er für ſolche Gelegenheiten bei
der Hand hatte, während ſeine Kenneraugen in einer
Schönheit ſchwelgten, die in den Pariſer Salons Be-
wunderung verdient hätte. "So laß Dich doch erweichen,
ſchöne Bildſäule, ſiumme Wilde!" rief der Cavalier;
"ich bin weder dreiſt noch unverſchämt, ich werde mich
mit einem Kuß begnügen!"
Jndem er dieſe Worte ſprach, ſtreckte Lavareille
den Arm aus, als wollte er das Mädchen umfaſſen;
aber mit einer ſchnellen Bewegung griff Marianne in
ihr Mieder und zog ein elegantes, mit Perlmutter ein-
gelegtes Beſteck hervor, faßte, ohne die Miene zu ver-
ändern, den Officier feſt in's Auge und ſprach: "Noch
einen Schritt weiter, mein Herr Franzoſe, und es iſt
um Jhr Leben geſchehen!".
"Liebliche, reizende Judith, ich bin kein Hole-
fernes!" rief der Lieutenant, der eine ſolche Entſchloſſen-
heit nicht erwartet hatte; morgen wirſt Du beſſer bei
Laune ſein, hoff' ich!" - Und als Marianne unbeweg-
lich ſtehen blieb, ſeines Angrifſs gewärtigt, ſagte er
halb lachend, halb eruſt: "Wahrhaftig, wie gut ihr dieſe
militäriſche Haltung ſteht! - Aber ſtecke dieſes Spiel-
zeug, welches zum wenigſten hier am unrechten Ort iſt,
wieder ein! Bezähme Deinen kriegeriſchen Sinn, meine
Angebetete; Dir droht keine Gefahr; ich hoffe, daß Du
zu Verſtand kon men wirſt, und nehme indeß ſtatt des
Kuſſes, den Du mir heute verweigerſt, dieſe Reliquie
mit, welche Dir in der Eile entfallen iſt, als Du die
Buſennadel löſ'teſt!"
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