Heidelberger Volksblatt — 1.1868

Page: 71
DOI issue: DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/hdvb1868/0075
License: Public Domain Mark Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
ten gedrängt bin." - "Sein Sie nicht muthlos, lie-
ber Freund," ſagte Madame Müller, "geben Sie Jhre
Hoffnung nicht auf."
(Fortſetzung folgt.)

Dr. Gemithlich

An deitſche Vat-
terlandsredde hott's
uff dem Wiener
Schitzefeſcht gewiß nit
g'fehlt! Un vum dem
bekannte deitſche
Schitzewein is aach
gehörig Qwandum
vertilgt worre.
Wann ma ſunſchtnix
for deß deitſche Vat-
terland zudhunhätte,
wie zu eſſeun zutrinke
un zu redde,nootwäre
mer gedeckt, Män-
ner! Hernoocht dirft
d'r Herr Franzoos
kumme,wann'r wollt!

"Dieſer Fremde beſitzt die Gabe, ſich in die Her-
en den Weg zu bahnen; er hatte durch die That,
welche ein für ihn glücklicher Zufall herbeiführte, den
Anfang gefunden und er wußte geſchickt ſeinen Vortheil
zu benutzen. Nach dem erſten Beſuch ließ er ſich er-
warten; in Cäcilien hatte er einen mächtigen Eindruck
zurück gelaſſen; unbefangen und natürlich, wie ſie iſt,
verhehlte ſie es nicht; ſie bat den Vater, an den Vi-
comte eine förmliche Einladung ergehen zu laſſen. Er
gewährte es ihr. Der Beſuch, den hierauf der Fremde
abſtattete, war abermals nur flüchtig. Er zeigte ſich
jedoch in der kurzen Zeit ſo liebenswürdig, daß das
Bedauern, ihn bald wieder ſcheiden zu ſehen, in die
ſchmeichelhafteſten Ausdrücke gekleidet, ihn zu dem Ver-
ſprechen veranlaßte, vor ſeiner Abreiſe beſtimmt wie-
der zu kommen, und einige Tage die Gaſtfreundſchaft
des Onkels anzunehmen. Diesmal blieb die Erfüllung
feines Verſprechens nicht lange aus. Schon am andern
Tage war er da, um fich bei uns förmlich zu inſtalli-
ren; die offenen Arme des Onkels empfingen ihn.
Jetzt erſt zeigte er ſich in dem vollſten Glanze eines
geiſtreichen und gebildeten Mannes. Eine reiche Er-
fahrung, auf großen Reiſen geſammelt, belebte ſeine
Unterhaltung. man ſah es dem Onkel an, wie wohl-
thuend ſie auf ihn wirkte, wie rege ſie ſeinen Geiſt
beſchäftigte, der eines ſolchen Genuſſes ſchon lange ent-
behrt hatte. Die Mittheilung aus dem Munde eines
begäbten Menſchen wirkt doch mächtiger als das Vor-
leſen aus einem geiſtreichen Buche, ſo äußerte ſich der
Onkel ſelbſt. Cäcilie hing an den Lippen des Frem-
dem, wenn er erzählte, allein ihre beſondere Gunſt
wußte er ſich erſt durch artige Aufmerkſamkeiten zu ge-
winnen. Bald waren es franzöſiſche Romanzen, die
er mitgebracht hatte, und die er herrlich vorzutragen
wußte, bald ein prächtiges Album, welches ſelbſtaufge-
nommene Zeichnungen von fremden Gegenden und Men-
ſchen enthielt, das er ihr zum Geſchenk machte, und zu
allem dieſem kam immer der Gedanke hinzu: dieſem
ſo liebenswürdigen, geiſtreichen, vollendeten Manne
verdankſt Du Dein Leben! - ach! Sie können nicht
denken, was er hier für Senſation macht, wie ſehr er
geſchätzt wird!
Jm Feuer ſeiner Rede hatte Georg nicht bemerkt,
daß ſeine Zuhörerin ſich mehrmals abwandte, um ihr
Tuch an die Augen zu drücken; jetzt ſah er, daß Thrä-
nen dieſem Auge entſtrömten.
"Welchen Eindruck machten meine Worte auf Sie,
verehrte Frau?" fragte er.
"Sie lieben Cäcilie," prach ſie feſt, aber leiſe,
"Sie lieben Cäcilie, und Sie allein können das herr-
liche Mädchen glücklich machen!"
"Ja, weun meine Liebe ihr genügte," ſagte Georg;
"aber meine Einfachheit, mein ſchlichtes Weſen hat
ihrem lebhaften Geiſte, ihrem gebildeten Verſtande nie-
mals imponiren können, wie die Eigenſchaften dieſes
Mannes, die ſo glänzend hervortreten und dem unbe-
fangenen Mädchen ein Räthſel zu löſen ſcheinen, eine
ungeahnte Welt neuer Gedanke und Gefühle eröffnen.
- ach! ich ſehe es nur gut, wie tief ich in den Schat-

Awer mit eener vun dene begeiſchterte Wiener Schitze-
redde werre mer ſchwerlich en Franzoos zum Land
naus jage. Un mit'eme Glas Schitzewein, wann mer's
eem bräſendiere, aach nit! Un ob die deitſche Schitze-
weiwer, wann's emool ſo weit is, ihr Männer die
"Wacht am Rhein" halte loſſe, dirft bis dato aach noch
ſehr zweiflhaft ſein. Alſo werre mer die alt krank
Germania vorderhand doch noch vum Dokter Bißmark
weiter kuriere loſſe miſſe, bis en annerer kummt, der's
beſſer verſchteht. Die erſcht Oberazion, die'r Anno 66
mit'r vorgenumme hott, is freilich uff Leewe un Dod
gange, un war ſchmerzlich. Un die groß deitſch Abo-
theekersrechnung, an der aach unſer badiſch Ländl ſein
gut Dheel bezahlt hott, war dheier! For deß hawe
mer awer aach jetzte paar g'ſalbte Heipter weniger
im liewe deitſche Vatterland! Deß is aach nit bitter!
Un die Herre Ruſſe, Engländer un Franzooſe hawe
Reſchbekt vor uns kricht! Alſo dirfe mer unſern
Dokter Bismark doch nit ganz, wie's Kind mit'm Baad
ausſchitte. Er g'fallt mer aach nit ganz. Jch bin
keener vun dene, die'n anbete wie e Kriſchtusbild.
Awer ſoviel haw ich doch aus d'r deitſche G'ſchicht
ſchudiert, daß'r Anno 66 mehr ferdig gebrocht hott,
wie mir mit de Bergerwehrkappe Anno 48 un 49.
Alſo norr ruhig Blut, Männer! Nit ſo hitzig alles
iwer Bord g'ſchmiſſe, ihr Herrn Wiener Schitzredner!
Loßt den Mann norr emool die nei deitſch G'ſchicht
fertig mache, dann wolle mer weiter mitnanner diſch-
bediere! Erſcht eenig, Männer - un dann frei!
Deßmool miſſe mer uns uff de m Weg halte. Anno
49 hawe mer's umgekehrt gemacht. Sellemool wollte
mer erſcht frei, un dann eenig werre. Un wie weit
loading ...