Heidelberger Volksblatt — 1.1868

Page: 99
DOI issue: DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/hdvb1868/0103
License: Public Domain Mark Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
99

mit der geballien Fauſt vor die Stirn ſchlug. - "Ja,
Unglücklicher!" erwiderte der Präfekt. "Durch dieſes
kleine Stück Papier hat die Vorſehung Jhr Verbrechen
an das Licht gebracht und verhindert, daß ein unſchul-
diges Mädchen an Jhrer Stelle den Tode erleide. Ge-
ſtehen Sie, daß Sie ſich in das Schlafzimmer Jhrer
Frau geſchlichen und die Unthat verübt haben, für die
Sie gern ein anderes Weſen hätten bluten laſſen."
Er legte jedoch ein ſolches Geſtändniß nicht ab
und wurde vorläufig in das Gefängniß geführt. Jn
der folgenden Nacht entzog ſich der Verbrecher der ge-
ſetzlichen Strafe. Als der Wärter am nächſten Mor-
gen in ſeine Zelte trat, fand er ihn kalt und ſteif auf
ſeinem Strohbett liegen, und ein Fläſchchen, das er
wahrſcheinlich immer bei ſich geführt, verrieth durch
einen zurückgebliebenen Theil ſeines Jnhaltes, auf
welche Weiſe er ſeinem Leben ein Ende gemacht hatte.
Der junge Advokat Bernard gelangte bald zn
großem Rufe als Rechtsgelehrter und gewann die Hand
ſeiner ſchönen Clientin, nachdem dieſelbe durch ſeinen
Eifer befreit worden war.

gen Barone die Hand. Von dieſem Tage an war ſie
wieder glücklich. Jhr erſter Mann hatte indeß am
Rande des Abgrundes an den Ausſpruch Talleyrands
gedacht: "Man muß gegen jeden erſten Antrieb ſeines
Herzens auf der Hut ſeiu, denn er iſt faſt immer auf
das Gute gerichtet." Warum ſollte er ſich wirklich den
Tod geben, da ja der Zweck, den er durch ſein Ster-
ben erreichen wollte, auch in anderer Weiſe zu errei-
chen war? Er hatte bei dem Fortgehen aus dem Hauſe
aus Verſehen wahrſcheinlich - eine reichgefüllte
Börſe mitgenommen, legte alſo ſeinen Hut an den Ab-
grundsrand nebſt dem Taſchenbuche und kollerte ein
ſchweres Felsſtück hinunter, damit daſſelbe einige Büſche
zerknickte, ging dann nach Spanien und ſchiffte ſich in
Cadix nach Amerika ein. Nach ſieben oder acht Jah-
ren befanden ſich der Baron und ſeine Gemahlin auf
einem ihrer Güter, als eines Abends ein unerwarteter
Gaſt - "der Verſtorbene" - erſchien. Die Baronin
fiel in Ohnmacht., Der Baron blieb ruhig, ließ dem
Fremden ein Zimmer anweiſen und verſprach, bald
ſich mit ihm zu beſprechen. Er hielt auch Wort, denn
bald erſchien er bei dem Auferſtandenen, freilich mit
einem Piſtol in der Hand, und er erklärte auch, er
würde ihn niederſchießen, denn er könne dies thun,
da den Fremden Niemand vermiſſen werde und er ja
längſt ſchon für todt gelte. - "Wir können uns auch
in anderer Weiſe einigen," antwortete der "erſte"
Mann der Baronin ſehr ruhig, der erzählte, er habe
in der neueu Welt kein Glück gehabt, werde aber für
immer dahin zurückgehen, wenn ihm der Baron hun-
derttauſend Franes auszahle; ſo viel ſei ſein häns-
liches Glück doch gewiß werth. Der Baron handelte
nicht lange, gab Wechſel auf die verabredete Summe
und der Abgefundene hielt ſein Verſprechen. Er kehrte
nach Amerika zurück, konnte mit dem erlangten Gelde
große Unternehmungen beginnen und war nach einigen
Jahren Beſitzer von mehreren Millionen. Da erfuhr
er, das die Baronin ſich von ihrem Schreck nicht wie-
der erholt, ſondern von jener Zeit an gekränkelt habe
und bald geſtorben ſei, ſowie daß der Baron die Ge-
liebte nicht lange überlebt habe. Er kehrte alſo mit
ſeinen Millionen unter einem fremden Namen nach
Paris zurück, wo er nochmals eine Rolle als einer der
bemerkenswertheſten alten "Lions" ſpielte. Sein Luxus,
ſeine Eleganz, namentlich ſeine Equipagen erregten
allgemeine Bewunderung. Cr ſpielte viel, ſtand mit
an der Spitze des Jockeyelubs, war in allen großen
und kleinen Theatern bekannt, hatte ſich ſelbſt zum
Baron erhoben und trug auch einige Ordensbänder
im Knopfloche. Nach ſeinem Tode erfuhr man erſt
aus ſeinen hinterlaſſenen Papieren ſeine vorſtehend er-
zählte merkwürdige Lebensgeſchichte.

Ein ſeltſamer Lebenslauf.
Ein Mann, der in Paris ein bedeutendes Geſchäft
beſaß und aus ſehr angeſehener Famitie ſtammte, be-
gann nach einiger Zeit ſich dem Spiele, der Verſchwen-
dung und andern Laſtern zuzuwenden und machte na-
mentlich auch ſeine ſchöne junge tugendhafte Frau ſehr
unglücklich. Sie ertrug indeß ihr Schickſal in Geduld
und wich nicht vom Pfade der Tugend, wie Viele ſich
auch erboten, die ſchöne Trauernde zu tröſten. Nur
gegen einen jungen ſehr reichen Baronvermochte ſie
ihr Herz nicht ganz zu verſchließen. Einſt im Som-
mer ging der Mann mit ſeiner Frau in ein Pyrenäen-
bad und bald fand ſich auch der verliebte Baron da-
ſelbſt ein. Aber die Frau veranlaßte ihn ſofort wie-
der abzureiſen. Der Mann erfuhr dies und fühlte ſich
um erſten Male gerührt. Er ſchämte ſich deſſen, was
er ſich gegen ſeine Frau hatte zu Schulden kommen
aſſen, und ſagte ſich: "Wenn ich nicht wäre, könnte
ſie noch glücklich werden. Sie heirathete den Baron,
der ſie liebt unb der ihr gefällt, Gut! Jch will ihr
die Freiheit geben. Jch bin des elenden Lebens über-
drüſſig; das Opfer wird mir alſo nicht ſchwer werden."
Je mehr er über ſeinen Vorſatz nachdachte, um ſo mehr
beſtärkte er ſich in demſelben. Er ſchrieb alſo einen
Abſchiedsbrief an ſeine Frau, bat ſie um Verzeihung
und gelobte gut, zu machen. "Um jedes Hinderniß
deines Glückes zu beſeitigen," ſchloß er, "gebe ich mir
freiwillig den Tod." Er entfernte ſich aus der Woh-
nung, und am andern Tage fand man am Rande eines
grauſigen Abgrundes ſeinen Hut und ein Taſchenbuch,
in welches er noch einige Zeilen mit zitternder Hand
eingeſchrieben hatte. Seine That fand unter allen
Frauen die größte Lobpreiſung. Uebrigens geſchah
alles, wie er erwartet hatte. Seine Wittwe vergoß
einige Thränen, ließ ſeinen Tod gerichtlich beſtätigen
und nach Ablauf des Trauerjahres gab ſie dem jun-

- (Sonderbare Verhinderung.) Direktor
"Herr Rath Neumann iſt verhindert, in Sache Bauer
conira Hauer die Eidesabnahme vorzunehmen, Sie wer-
den daher heute um 3 Uhr für ihn fungiren."
Rath. "Um Verzeihung, Herr Direktor, das iſt
loading ...