Heidelberger Volksblatt — 1.1868

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über das, was ſie gethan, nagten an Helenens Geſund-
heit.

Dieſe Erzählung geſchah beim Mittagstiſch. Gu-
ſtav hatte die Erlaubniß, welche er für die ganze Fe-
rienzeit vom Vater erhalten, benutzt und war noch bei
den Verwandten geblieben. So theilnehmend nun alle
Anderen der Erzählung zugehört, ſo wenig war Mi-
chailowitſch mit ſeiner Aufmerkſamkeit an derſelben be-
theiligt, ſeine Gedanken gingen augenſcheinlich nach
einer anderen Richtung hin und ſchienen ihn mit fie-
berhafter Unruhe zu erfüllen, denn er aß noch weniger
als ſonſt und ſeine Farbe wechſelte in jeder Minute.
Als man ſich erhob, blieben nur Antonie und Michael
zurück. Dieſer eilte auf ſie zu.
"Sagen Sie mir, welche Nachricht bringen Sie?"
ſprach er mit leiſer, vor Aufregung bebender Stimme
"Bei der heiligen Mutter Gottes fleh' ich Sie an. Mar-
tern Sie mich nicht bis zum Wahnſinn!"
"Ach, Michael, hätt' ich dieſes Weib nie geſehen!"
antwortete Antonie weinend. "Jſt es möglich, daß man
ſo verführeriſchſ chön und ſo ohne alles menſchliche Ge-
fühl ſein kann!"
"Reden Sie! Jch beſchwöre Sie!" rief Michael
zitternd und leichenblaß.
"Nein, nein, laſſen Sie mich ſchweigen!" bat An-
tonie. "Vergeſſen Sie dieſes Weib, ſie iſt Jhrer nicht
werth!"

auf die Tochter zu, riß ſie an den Haaren fort von
Michailowitſch und ſchlug mit dem Strick, den er zu-
fällig in der Hand hielt, ſo gewaltſam auf ſie los,
daß ſie zuſammenſank. Dennoch verſuchte ſie, halb
ohnmächtig ſich aufzuraffen, um ſeine Knie zu umfaſſen,
er aber ſtieß ſie mit dem Fuße von ſich und ſchleuderte
ſie in das Vorderzimmer, wo ſie ohnmachtig zu Boden
ſank. Moller rief Fahrenwald und einen anderen Ge-
fangenen.
"Fort mit Dieſem da in's Lazareth!" rief er, noch
ganz athemlos vor Zorn. Die Gefangenen ſahen ein-
ander an.
"Soll ich nicht erſt dem Herrn Oberinſpektor die
Meldung machen?" fragte Fahrenwald.
"Jch werde Dich gleich eine Meldung an den Pro-
foß machen laſſen, damit er Dich gehorchen lehrt!"
ſchrie ihn der Hausvater an, und blaß, mit zuſammen-
gebiſſen Zähnen, winkte Fahrenwald dem Andern. Sie
nahmen den Kranken auf und trugen ihn hinüber in's
Lazareth Moller ging hinab in die Arbeitsſäle. Als
er nach einiger Zeit aus dem erſten derſelben heraus-
kam, trat ihm der Oberinſpektor aus der Thür, die
in's Lazareth führte, entgegen. Er ſah finſter aus
und fragte mit ruhigem, doch äußerſt ſcharfem Ton:
"Wer gab den Befehl, Michailowitſch in's Laza-
reth zu bringen?"
"Jch!" verſetzte der Hausvater trotzig kalt. Jener
aber richtete ſich zu ſeiner ganzen gigantiſchen Höhe
empor.

"So muß ich Jhnen bemerken, daß ich, wenn ich
auch als Jhr Schwiegerſohn mich Jhnen gern in jeder
billigen Sache unterordne, doch als Beamter die Rechte
eines Jhnen Vorgeſetzten in Anſpruch nehme und mir
fernerhin eine jede ſolche eigenmächtige Handlung ver-
bitte."

"Eines Zuchthausſträflings nicht werth!" rief Mi-
chailowitſch mit höhniſchem Lachen. "Doch," ſetzte er
mit eiſiger Kälte und einem Tone hinzu, der dem
Mädchen wahrhaft imponirte, "ſprechen Sie! Jch
will Alles wiſſen!"
"Nun denn! Sie empfing mich ſehr freundlich,
da ſie meine Couſine Helene vor ſich zu haben glaubte,
behandelte mich aber ſchnöde und unfreundlich, als ſie
hörte, wer ich ſei und was ich wolle. O, wie viel
Worte hab ich verſchwendet, wie viel Bitten, wie viel
Schilderungen Jhrer Leiden, Jhres grenzenloſen Elends!"
"Weiter! - Was. . ſagte . . ſie?"
"Michael, muß ich es denn ſagen? Erlaſſen Sie
es mir!"

"Danke unterthänigſt für gnädigſte Belehrung!"
erwiderte Moller voll Hohn und Wuth über eine Sprache,
wie er ſie noch nie hatte zu hören bekommen. Norr-
mann antwortete nicht, er ſchritt majeſtätiſch wie eine
wandelnde Ceder davon, um zu erfragen, was die Ver-
anlaſſung von Michael's Krankheit ſei. Jn der Wohn-
ſtube fand er niemand, er trat daher in das Vorder-
zimmer. Hier bor ſich ihm ein entſetzlicher Anblick.
Auf den Dielen lag Antonie, leiſe wimmernd, bleich
wie Schnee, mit zerrauftem Haar und überſtrömt von
Blut, das aus ihrem Munde hervordrang. Augen-
blicklich combinirte ſich Norrmann, was hier vorgefallen,
er hob die Arme empor, die bei dem Berühren, ſo
ſanft es auch, nur ſtärker wimmerte, und trug ſie auf
das Sopha.
"Du armes, armes Kind!" ſagte er milde. "Jſt
Deine Liebe nicht ſchon eine Mißhandlung des Schick-
ſals, mußt Du auch noch der Rohheit der Menſchen
verfallen? Jch bin Dir zu ſtreng, was iſt Dir aber
der eigne Vater?"
Sie ſchien ſeine Worte verſtanden zn haben, denn
ſie lehnte ihre bleiche Wange auf ſeine Hand, die bei
dieſer Bewegung wieder von dem hervorſtürzenden Blute
überſtrömt wurde.

Nein!" rief er mit ſo rauhem, hartem Tone, wie
ſie ihn nie aus ſeinem Munde gehört hatte
"Sie wollen es, ſo muß ich gehorchen," fuhr ſie
zitternd fort. "Roſaline lachte ſchadenfroh und rief:
""Dieſem Ungeheuer kann es nie ſchlecht genug gehen!""
Bei dieſen Worten erhielt Michael's Geſicht ein
leichenfahles Anſehen, die Augen ſchienen ihm aus dem
Kopfe treten zu wollen, von der Stirn perlte ihm der
Schweiß, er wankte, griff um ſich, als wolle er ſich an
irgend einen Gegenſtand halten, und fiel, ehe ihn An-
tonie unterſtützen konnte, in den furchtbarſten Krämpfen
zu Boden. Angſt und Schmerz ließen Antonie jede
Faſſung und Rückſicht vergeſſen. Sie ſtürzte ſich über
Michael, rief ihn mit den zärtlichſten Namen, preßte
ſeine Hände, ſeinen Kopf an ihre Bruſt und bedeckte
beide mit glühenden Küſſen. Jn dieſem Augenblick
erſchien der Vater. Ein Moment ſtand er ſtarr vor
Entſetzen, dann aber eilte er einem Raſenden gleich
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