Heidelberger Volksblatt — 1.1868

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Bitte, ſich ruhig zu verhalten, mißachtet hätten, nichts
zu thun. Jc diesmal fruchtete ſelbſt die Fürbitte Mi-
chaels nicht, die ſonſt Alles bei ihm erwirken konnte.
Hatte Norrmann gleich bisher alle wichtigeren Ange-
iegenheiten an Stelle des Direktors angeordnet, ſo that
er dies doch immer im Namen deſſelben und als ſei
er von ihm dazu beauftragt. Als es jetzt galt, die
Urtheile zu verkünden, wollte er den Direktor der Ge-
legenheit nicht berauben, die Herzen der Gefangenen
durch Verkündigung ſo milder Strafen ſich einiger-
maßen zu gewinnen. Aber Jerſowich, vor Wuth ſchäu-
mend, weigerte ſich entſchieden, die Sträflinge mit den
Urtheilen bekannt zu machen. Waren doch die Armen
den furchtbaren Strafen entrückt, weiche er ſich ausge-
ſonnen und durchzuſetzen gehofft hafte; der verhaßte
Michael lebte und war frei, ja nich einmal das Haupt-
buch des Oberinſpektors, dieſen chrecklichen Belaſtungs-
zeugen hatte er bei Seite bringen können, denn da
Michael geſehen, daß er daſſelbe in den Händen ge-
habt, ſo konnte er es nicht fortbringen, ohne ſogleich
verrathen zu ſein. Außerdem hatte ihn noch ein ande-
res Unglück getroffen. Seine Frau hatte am Tage
der Zurückkunft des Oberinſpektors die Vorwürfe ge-
hört, welcher dieſer dem Direktor machte, und die
Aeußerung deſſelben, daß Jerſowich die jungen gefan-
genen Weiber mißbrauche, hatte ſie beſtimmt, ihren
ſmndigen Gatten zu verlaſſen. Alle ſeine Bitten konn-
ten ſie nicht zur Rückkehr bewegen. Es erſchien ihn
daher wie eine Verhöhnung von Norrmann's Seite,
ats er ihn zum Verkündiger ſo milder Urtheile machen
wollte.

ren noch Knaben, und ſo hatte die arme Hebene in
ihrer Heimath keinen Vertrauten, keinen Troſt, keinen
Rath. Helene war eine feine, ſchlanke, ariſtokratiſche
Erſcheinung mit tiefbraunem Haar und Augen, einer
hohen, edlen Stirn, kleiner fein gebogener Naſe und
einem lieblichen mit den ſchönſten Zähnen verſehenen
Munde. Jhr Teint war blüthenweiß und Hände und
Füße von der zierlichſten Form. -
Die Moller'ſche Familie empfing ſie mit der größ-
ten Herzlichkeit, war jedoch nicht wenig erſchüttert von
ihrem kranken Ausſehen und tief gebeugten Weſen.
Der Oheim ſchloß ſie ebenfalls liebevoll in ſeine Arme,
konnte ſich aber nicht enthalten ihr in ſeiner derben
Manier zu ſagen:
"Mein armes Mädchen, wärſt Du meine Tochter
geweſen, ſo würdeſt Du heut nicht ſo unglücklich ſein,
denn ich würde Dich gelehrt haben, den Mann, den
Du Dir zu Deinem Herrn erwählt, mit mehr Achtung
zu behandeln."
"O wie ſehr würde ich es meinen Eltern danken,
wenn ſie dies gethan hätten, antwortete ſie ſeuſeend.
Nach Vollendung der "Erzählungen der Sträflinge"
hatte Steppanoff die ihm von Nordenhielm proponirte
Arbeit begonnen, welche die öffentliche Gerichtsbarkeit
in all ihren Segnungen zu zeigen beſtimmt war. Der
Aſſeſſor war gekommen, hatte den jungen Schriftſteller
kennen gelernt, ihm das nöthige Material zu der Ar-
beit gegeben, und war ganz bezaubert von Michael's
Liebenswürdigkeit abgereiſt, um bald wieder zu kommen.
Er wünſchte eine Abſchrift von dieſer Arbeit Steppa-
noff's. Norrmann veranlaßte Helene, um ihr eine
ſie zerſtreuende Arbeit zu geben, dieſe Abſchrift zu fer
tigen, ohne ihr jedoch zu ſagen, für wen dieſelbe be-
ſtimmt ſei oder ihr mitzutheilen, daß Nordenhielm ſchon
bei ihm geweſen
So ſaß nun Helene mehrere Stunden des Tages
und ſchrieb die ihren Geiſt ſo ſehr intereſſirende Arbeit
ab. Dies geſchah in einem Zimmer, welches zur Woh-
nung des Oberinſpektors gehörte, bisher aber leer ge-
ſtanden und nun erſt, da Norrmann's eheliche Verbin-
dung bevorſtand, eingerichtet worden war.
Jnzwiſchen waren auch die Urtheile über die auf-
ſtändiſchen Gefangenen eingetroffen und in der That
glimpflich genug ausgefallen. Curt ward namentlich
glücklich, die ihn ganz empörende Prügelſtrafe ausge-
ſchloſſen zu finden Da der Anführer Kendelhacher
chon durch den Verluſt des einen Armes ſchwer be-
ſtraft war, ſo wurde ihm nur eine verlängerte Frei-
heitsſtrafe von einem Jahre zudiktirt, die Uebrigen,
weiche nun ſchon ſo lange bei Waſſer und Brod in den
Cachots ſchmachteten oder verwundet danieder lagen,
erbielten nur einige Monate verlängerter Strafzeit und
durften ſogleich von ihrer bishevigen Strafe entbun-
den werden.

An einem Sonntag früh wurden jetzt die Gefan-
genen der Cachots, ſowie die geneſenen Verwundeten
aus den Lazarethen entlaſſen und nachdem ſie ihr
Frühſtuck genoſſen, abermals in den Hof citirt, wo ſie
nnn zum erſte Male den Oberinſpektor wiederſahen,
der ſie erwartend in der Mitte des Hofes ſtand. Ein
Ausruf der Freude erſcholl aus Aller Munde.
"Sti4!!Jch bin hier, Euch Eure Urtheile zu ver
künden," rief Norrmann ſtreng.
Viele erbleichten, Einige zitterten, ſelbſt die Frech-
ſten zeigten Angſt und Beſorgniß; nur Kendelbacher
lehnte mit einer Ruhe und Gleichgültigkeit an dem
Pfoſten der Hansthüre als ginge ihn der ganze Akt
nicht an. So hörte er auch der Verleſung des Regie-
rungserlaſſes zu. Nur einmal erhob er ſein Auge,
als Normann's Stinme vor Bewegung ein wenig bebte.
Nach der Verleſung ſtanden Aile einen Augendlick
ſtarr vor Erſtannen, dann aber entſtand eine allgemeine
Bewegung der Freude und Alle drängten zu Normann
hin. Dieſer jedoch winkte ihnen zurück.
"Jn die Kirche!" rief er gebietend und ſchritt
voran. Jn hergebrachter Ordnung ſolgten die Gefan-
genen. Hier in der Kirche waren auch der Jnſpektor,
der Arzt, der Hausvater, Michael, die Mutter, Johanna
und Helene. Der Prediger hielt eine herzergreifende
Rede und einige der Gefangenen weinten.
Als die Kirche zu Ende war, drängten wieder
Alle zu Norrmann hin, der eben abermals im Begriff

Wie oft hatten die Verwundeten und die Einge-
kerkerten den Oberinſpektor bitten laſſen, doch nur ein
einziges Mal zu ihnen zu kommen, er hatte es ſtets
entſchieden abgeſchlagen und ihnen ſagen laſſen: er habe
mit Meuterern, die ſein Vertranen getäuſcht und ſeine
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