Heidelberger Volksblatt — 1.1868

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geileiheege gllehltt.

Nr. 47

Mittwoch, den 18. November 1868.

1. Jahrg.

Erſcheint Mittwoch und Samſtag. Preis monatlich 12 kr. Einzelne Nummer à 2 kr. Man abonnirt in der Druckerei, Untereſtr. 3
und bei den Trägern Auswärts bei den Landboten und Poſtanſtalten.

geheiligten Diener der Kirche gleich wie uns haſſen und
zu verderben ſuchen. Eure ſüße Milde nur, vieltheure
Richenza, ließ Euch das Wort ſprechen, ſonſt müßte das
edle Blut, das in Euch wallt, aufbrauſen und aufſchäu-
men wie in mir und jede Sehne zu gerechter Rachethat
ſpannen. - Doch, Jhr ſeid ja eben kein Mann, ſon-
dern ein ſanftmüthiges, holdes Weib, vieltheure Ri-
chenza," fuhr der Ritter mit ſanftern Worten fort und
drückte einen Kuß auf die marmorklare Stirn der durch
Freudenthränen lächelnden Freiin; "bei euch edelgebo-
renen Frauen wallt das edle Biut, von welchem durch
die wüſten Leiber des Pöbel- und Büffelvolks kein
Tropfen fließt, in ſüßer Miide, bei uns Mäuner aber
in grimmem Zorn. Und wahrlich unſer Zorn wird das
Büffelvolk treffen und zermalmen; wir wiſſen's recht
wohl, ſchon bis hieher leckt die Flamme der Empörung,
und der Lügenprophet und Erzketzer drüben n Mühl-
hauſen ſoll uns nur kommen, keine Gnade mit dem
Lumpenpack, Alles nieder, damit die Brut von Grund
aus vertilgt werde!"
Da unterbrach mit weithallenden, milden Tönen
das Glockenſpiel zu Unſerer Lieben Frauen die zorn-
müthigen Worte des wieder in ſeinen frühern wilden
Ton zurückgefallenen Ritters, und mit begütigendem
Schmeichelwort verwies Richenza den geliebten Mann
auf die heiligen Klänge, die heute am Vitalistage zum
Dankfeſt für glücklich hergeſtellten Frieden riefen.
"Gebt nir gütig Euer Geleit zu Unſerer Lieben
Frauen," forderte die Freiin Herrn Diether auf; "auch
mein Herz drängt mich, der Mutter aller Gnaden für
hergeſteten Frieden zu danken. Haben wir Edeln dech
mit Bürger und Bauer lang genug gelitten durch die
endloſen Fehden, die jetzt glücklich zu Dingelſtadt bei-
gelegt ſind."
"Mein Geleite zur Kirche geb' ich Euch von Herzen
gern, vielliebe Frau," ſprach Herr Diether, "aber dem
Gottesdienſt wohne ich nicht bei, ſchon weil ich gleich
ſatteln laſſen und in wichtiger, die aufrühreriſchen
Banern betreffender Sache zum Oberamtmann nach dem
Ruſteberge reiten muß. Und, wenn dieſe Pflicht mich
auch nicht riefe," fuhr er mit einem Anflug von Hohn-
lächeln fort, "zu Unſerer Lieben Frauen wurde ch heute
doch nicht gehen, denn glaubt mir und verübelt's mir
nicht, edle Frau, das Friedensdankfeſt iſt nichts, als
ein eitel Poſſenſpiel, und in wenigen Wochen, vielleicht
ſchon in wenigen Tagen, wird der Tanz zwiſchen den
Edeln und dem Lumpenpack ärger wieder losgehen, wie
je vorher. Wir wiſſen's recht wohl, daß die Pfaffen-

Die Rache des Bettlers.
Erzählung aus dem Bauernkriege von Karl Seifart.
(Fortſetzung.)
"Bei meiner Ritterehre und bei meiner Liebe zu
Euch, vielſuße Frau, es iſt wahr und kein Titelchen
daran erlogen! Gott, deſſen Wege nicht unſere Wege,
hat es geduldet und die Erde nicht berſten und über
das Molchgezücht zuſammenkrachen laſſen, welches den
Herrn gleich wie einen Fahnen-flüchtigen, gemeinen
Landsknechtsbuben, durch die Spieße gejagt; ein Ein-
ſpänniger ſeiner fürſtlichen Gnaden in Mainz, der ſich
mir zugeſellte und durch das Franken und Thüringen
mit mir gen Heiligenſtadt ritt, um die Trauerbotſchaft
dem Oberamtmann auf dem Ruſteberg zu überbringen,
hat mir von dem Scheuel und Grenel ausführliche
Kunde gegeben; ja, das iſt die Art, wie dies Klöſter-
und Schlöſſer-brennende Molchgezücht gegen ſeine ihm
von Gott verordneten Herrn verfährt. Brüllte es doch,
als ob die ganze Hölle tobe: Durch die Spieße mit ihm
Durch die Spieße mit ihm! Laßt ſehen, ob ſein Blut
anders gefärbt iſt, als das unſere! als mich und mei-
nen getreuen Belz, wie ich Euch vorhin umſtändlich
erzählt, ein wüthiger Bauernhaufe bei Laufen umſtellte.
Nun, St. Jürgen ſei gelobt! unſere flinken Roſſe und
unſere guten Schwerter haben den Hunden das Spiel
verdorben. Räuber, Buſchklepper und Taſchenſchweiger
ſchimpfte uns das freche Volk, und doch machen dieſe
vermaledeiten Bauern ſelbſt die Straßen jetzt unſiche-
rer, als es eine edle Ritterſchaft je zuvor gethan. Aber
nur Geduld, wir werden's ihnen eintränken, und der
edle Herr Truchſeß von Waldburg hat's ihnen zum
Theil ſchon eingetränkt; zu Tauſenden hat dies rüſtige
Werkzeug des ſtraſenden Gottes die Böſewichter hinge-
ſchlachtet, ein Edelmannskopf gilt tauſend Bauernköpfe,
die Henker reichen nicht mehr aus um ſie hinzuſchiach-
ten, und das Holz mag theuer werden, denn der Schei-
terhaufen, die ich habe rauchen und die Unmenſchen
vertilgen ſehen, find zahlloſe."
"Aber das iſt ſchrecklich, theurer Diether," fiel die
milde Richenza ſeufzend ein; "bedarf es denn ſolch grau-
ſamer Strafgerichte und ſollten nicht die milden Worte
unſerer gottgeweihten Prieſter die Verblendeten wieder
auf den rechten Weg führen?!"
"Verzeiht's, edle Frau," entgegnete nicht ohne Er-
ſtaunen raſch der Ritter, "was denkt Jhr nur! Dieſe
Mordbuben ſind ja Ketzer, Erzketzer ſind ſie, die das
prieſterliche Wort nicht allein nicht hören, ſondern die
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