Heidelberger Volksblatt — 1.1868

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Die Deitzin und die Kannegießern.

deſtoweniger aber bis heute mir weder anonym mei-
nen Schaden durch Geld erſetzt, noch ſo ehrlich war,
meinen Mann wenigſtens in das Wirthshaus einzula-
den, in welchem vielleicht meine verſchollene Jphigenia
geopfert, gebraten und von einer fidelen Geſellſchaft -
mit Reſpekt zu ſagen - gefreſſen wurde.
Die Verſchollene: Schnabel: gelb. Augen: braun
Kopf: intelligent. Hals: ſchlank. Fiügel: grau melirt.
Schwanz: kurz. Füße: platt. Körper: ſehr fett. Be-
ſondere Kennzeichen: kurzer Athem - beißt um ſich -
ſchnattert eine unverſtändliche Sprache - und iſt ein-
äugig!
So geſchehen zu
Heidelberg, im Advent.

Kannegießern: No, wo will Se dann ſo ſchnell
hin ſchbringe, Deitzin? Sie verliert jo ball die Schuh.
Deitzin: Jch muß ſchnell was in's "Volksblättl"
ricke loſſe. Was is mir baſſirt, Kannegießern! Un-
ſer liewer Herrgott bewahr Se vor ſo'eme Lumpeſchtreech.
Heer Se norr emool die Draueranzeig, die ich uffg'-
ſetzt hab. Jn alle Zeitunge muß ſe. Jch will'r Se
ſchnell vorleſe:

Jakobine Deitzin
So Kannegießern. Deß loß ich gleich einricke. Mein
Schuldigkeit haw ich gedhan. Kummt ſe widder, mein
Jphigenia - haw ich uff die Weihnachte en fette Brode
uff'm Diſch. Kummt ſe nit - no in Gottsname, do
kricht mein Mann aach kee fett Maul uff die Feierdäg.
Siehch Se, Kannergießern, do ſchinnt ma ſich, un
bloogt ſich, un ſchtoppt ſo'eme rapplderre Feddervieh,
deß kaum die Wegſchteier hott, wann ma's uff'm Mark
kaaft, drei Woche lang ſein dheier Welſchkorn in die
Gorgl - looßt ſich hunnert mool dabei in die Finger
beiße, un wann's aus un aus is, un ma meent ma
dhät im Fetthafe ſitze, do loßt ſich fo e dumm Oos
vum erſchte beſchte Langfingerhannes aus'm Schtall
nemme un de Hals rumdrehe. Wann ſe noch gekriſche
hätt, deß eenfältig Dhier. Bei mir war aach Room
zu rette - Room in d'r Kich. Wann ſich's um e
Kapitol g'handelt hätt, ja! Do hätt ſe 's Maul uff-
gedhan. Zu meim Kapital, deß in G'fahr war, war
ſe awer bummsſchtill. Mein gut Fett, Kannegießern!
Mein ſechs Schoppe Gansfett hätt ich im Haffe g'hatt!
Wann ich den Lump hätt, Kannegießern, der mer mein
Gans g'ſchtohle hott - einſchberre dhät ich'n loſſe,
verzeh Dag dunkl, un nix zu eſſe dirft'r mer hawe, als
drucke Brod un alle Dag en alte Gansbärzl. Uff'm
Gewiſſe ſoll'r mein Gans hawe, Dag un Nacht. Wann'r
einſchloffe will, ſoll alle Oowend ihr blutiger Geiſcht
an ſein Bett dreete un ſoll'm laut zurufe: Jch bin die
g'ſchtohle Gans! Vun kalt Waſſer ſoll'r ſein Lebdag
drinke miſſe, wie e Gansgorgl. G'ſchtoppt ſoll'r werre
mit Welſchkorn, bis'r er nit mehr ſchnaufe kann, un
ſo fett wie mein Gans werd - un e jedi Keſcht, die
der verfreſſene Freßſack in ihrm Filzl g'funne hott,
foll'm werre zu Blei, un ſoll'm ligge bleiwe im Mage
wie e Kruppiſchi Gußſchtahlekanoonekuggl!

Bekanntmochung
Freunden und Bekannten hiermit die traurige An-
zeige, daß es einer, bis heute unerforſchlichen, dunkeln
Geſtalt, männlichen oder weiblichen Geſchlechtes, vor-
geſtern gefallen hat, mir meine, nun wahrſcheinlich in
einer fremden Bratpfanne ruhende, unvergeßliche Adop-
tivtochter Jphigenia Welſchkorn, geborene Schnatterich,
auf dem hier nicht mehr ungewöhnlichen Wege eines
frechen Diebſtahls, zwiſchen Licht und Dunkel zu ent-
führen. Wer die ſeit drei Wochen von mir Geſtopfte
kannte, wird meinen Schmerz zu würdigen wiſſen und
mir eine ſtille Theilnahme nicht verſagen. Zugleich
bitte ich theilnehmende Freunde und Bekannte, ſowohl
auf den Dieb, wie auf die Entführte im Jntereſſen der
unterzeichneten An geführten zu fahnden, und Beide im
Betretungsfall, erſteren den Gerichten, letztere aber,
worum mir aber hauptſächlich zu thun, anhero in meine
Küche abzuliefern. Zu dieſem Zwecke erlaube ich mir
von Beiden ein Signalement zu entwerfen, worauf zu
achten bitte.

Sein Finger ſolle wachſe
Noch länger, als ſe ſinn!
Jm Mage ſol's'n zerre,
Als hätt'r Näggl drinn.

Un dodran ſoll'r ligge,
Drei Woche lang im Bett
Un ſoll deß Gansfett ſchwitze
Der Lump - deß ich jetzt hättk

Der Dieb iſt: - wahrſcheinlich ein Stromer oder
eine Stromerinn, alſo ein Jndividuum, welches unter
dem Vorwande des Hauſirhandels ſehr bequem Gele-
genheit hat, ſich bei Tag mit den Oertlich- und Eigen-
thümlichkeiten eines Wohnhauſes bekannt zu machen,
um bei eintretender Dunkelheit ihre langen Finger um
ſo ſicherer und erfolgreicher auszuſtrecken - oder aber
auch ein intimer Bekannter meines Mannes, in diefem
Falle aber ein Lump erſter Klaſſe, der ſeinen Dieb-
ſtahl wahrſcheinlich für einen "Witz" betrachtet, nichts-

Schtatt Gänsfleeſch ſoll'r hawe
Sein Lebdag im Geruch:
Die Wormſer Leddergerwer -
Deß is der Deitzin Fluch!

Druck und Verlag von G. Geiſendörfer.
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