Heidelberger Volksblatt — 4.1871

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Schappler wußte eigentlich ſelbſt nicht recht, wonach,
wo und wie er forſchen ſollte, aber der Wunſch ſeines
Prinzipals und die Ausſicht, einen unvorhergeſehenen,
angenehmen ſ. g. Ausgehtag zu haben, der ihn oben-
drein nichts koſtete, beſtimmte hn, augenblicks ſich an-
zukleiden und ſeinen Rekognoszirungsmarſch anzu-
treten.

Jch mußte doch irgendwo einen Anfang mit mei-
nen Forſchungen machen, entgegnete jener etwas belei-
digt, und da hielt ich es für's Beſte, in einem frequen-
ten Gaſthauſe zu beginnen, wo man mancherlei zu er-
fahren Gelegenheit hat. Der Erfolg lehrt, daß ich gar
nicht Unrecht gethan habe.
Nun, nun? fragte Stiller haſtig.
Alſo ich nahm Plaz - ſetzte Schappler ſeinen Be-
richt fort - und ließ mir, wie geſagt, ein Glas Wein
geben; herrlicher Wein, wie Gold, ſo hell, von Feuer
und Kraft und gar nicht theuer.
Weiter, weiter! ich will von Samuel hören, nicht
von Jhrem Weine.
Es kommt, es kommt! nur alles fein nacheinander
- Alſo ich ſaß -
Und trank, fiel Stiller ungeduldig ein.
Richtig! ich ſaß und trank und lobte im Stillen den
Herrn, der ſolchen Wein hat wachſen laſſen. Mittler-
weile fragte mich der Wirth, der mich kennt, ob ich
heute einen Feiertag hätte und ob der Gaſt die Ur-
ſache ſei, der geſtern bei uns argekommen. So halb
und halb, antwortete ich, ich bin eigentlich wegen ſei-
ner ausgegangen, um mich ein wenig nach ſeinem Trei-
ben und Thun, verſteht ſich, in größter Stille zu er-
kundigen.
O Sie kluger Schappler! unterbrach ihn Stiller
zornig - da hab' ich mich an den rechten Mann ge-
wendet, als ich Sie fortſchickte.
Klug? verſetzte jener - allerdings klug, hören Sie
nur weiter. Es gilt eine Wette zwiſchen mir und ei-
nem Freunde, fuhr ich fort, ich habe behauptet, der
junge Mann ſei bei Jhnen - nämlich, verſtehen Sie?
bei Brenkendorſs, geweſen, während mein Gegner es
widerſprochen. Bei uns war er nicht, verſicherte der
Wirth, aber in die Krone hab' ich ihn gehen ſehen.
Jn die Krone? fragte Stiller heftig, - da iſt ja
der Sammelplatz aller Querköpfe.
Ganz richtig! deßwegen wollt' ich auch hin, fuhr
Schappler guthmüthig fort. Jch that, als ob es mir
leid ſei, meine Wette verloren zu haben, wunderte mich,
daß er an dem köſtlichen Weine vorübergegangen ſei,
trank mein Reſtchen aus, zahlte meine Zeche und ver-
fügte mich in die Krone. - Mit aller Schlauheit zog
ich Erkundigung über die Gäſte von geſtern Abend ein.
Es ſei große Geſellſchaft dageweſen, hörte ich und nach
aller Beſchreibung auch unſer Gaſt. Er habe lebhaf-
ten Antheil an dem Geſpräche genommen, mit Mehre-
ren angeſtoßen und ſei überhaupt bald mit den Anwe-
ſenden bekannt geworden; doch habe er endlich einen
Disput mit Einigen angefangen und ſich dann bald
und ſchnell entfernt.
Da haben wir's, rief Stiller, es iſt ſchon richtig!
die Jdee hat ſie entzweit; wahrſcheinlich die Art der
Ausführung dieſer verwünſchten Jdee! - Und hörten
Sie nicht, wovon die Rede geweſen war?
O freilich, freilich! antwortete Schappler. Jch
fragte mit aller Vorficht darum herum. Ei, ſagte der
Kronenwirth, ein durchtriebener Schelm und Spaßvo-
gel ohne Gleichen, wovon wird die Rede geweſen ſein?


Vater Stiller war in einer ſehr übeln Lage; ihm,
der gewohnt war, zu reden, wie er dachte, fiel es er-
ſtaunlich ſchwer, da freundlich zu ſcheinen, wo er zu
grollen Urſache zu haben glaubte. Es ging ihm wie
David, als dieſer, in die ungewoente, ſchwere Waffen-
rüſtung Sauls geſchnürt, mit Goliath es aufnehmen
ſollte und der Angſtchweiß rann ihm über die Stirne,.
wenn er ſich in die Rolle dachte, die er dem Gaſte ge-
genüber ſpielen ſollte.
Dieſer, der ſchon bei dem Frühſtücke mit aller Freund-
lichkeit und Theilnahme ſich nach dem nicht dabei er-
ſcheinenden Herru des Hauſes erkundigt hatte und nur
durch die Verſicherung beruhigt zu ſein ſchien, daß
Stiller durch dringende Geſchäfte abgehalten würde,
Theil daran zu nehmen, verfügte ſich endlich ſelbſt auf
das Comptoir, um dieſem einen guten Morgen. zu
wünſchen.
Vergeben Sie, ſagte Stiller, wenn ich heute durch
ein verdrießliches, aber nicht u verſchiebendes Geſchäft
abgehalten werde, Jhre werthe Geſellſchaft nicht ſo un-
geſtört und oft genießen zu können, als ich es wünſche.
Sie wiſſen ja, wie es Geſchäftsleuten zu gehen pflegt,
wenn die Nothwendigkeit gebietet. Jch hoffe, noch heute
damit zu Stande zu kommen; bis dahin haben Sie
ſchon die Güte, ſich ſo gut als möglich zu unterhalten.
Klarens bedauerte und bat, ſeinetwegen ganz ohne
Sorgen zu ſein.
Jch berufe mich auf die freundliche Uebereinkunft,
ſagte er, die Sie ſo gütig waren, mir ſelbſt anzub e-
ten. Jch weiß mit meiner Zeit nützlich umzugehen,
und meine neuen Verhältniſſe hier bieten mir die an-
genehmſte Gelegenheit, mich vor Langeweile zu bewah-
ren, die ohnehin der nie hat, der ſeine Jdeen verfolgt.
Er empfahl ſich und ging.
Aha! ſagte Stiller vor ſich hin - ſeine Jdeen
Jch verſtehe. O die unſeeligen Jdeen, die in ſolchen
jungen Köpfen ſo gerne Wurzel faſſen, wie Schling-
kraut wuchern und nicht mehr auszurotten ſind. Den
beſten Sack Kaffee wollte ich verlieren, wenn dem nicht
ſo wäre.
Er ging in den Laden, um Schapplers Abweſenheit
zu erſetzen und dieſe Abwechſelung des Geſchäfts zer-
ſtreute ihn einigermaßen.
Um die Mittagszeit ſtellte der Abgeſandte ſich ein.
Nun, Schappler! fragte dringend Stiller, ihn in
das Comptoir führend - was haben Sie ausgekund-
ſchaftet?
Vor der Hand nichts, antwortete dieſer, als daß
man bei Brenkendorfs einen vortrefflichen Wein ſchenkt,
von dem ich ein Glas zu mir nahm.
O, zum Kukuk! zürnte der Prinzipal - habe ich
Sie ausgeſendet, um Weinproben zu ſuchen?
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