Heidelberger Volksblatt — 5.1872

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hlllRlll eälallt.

Nr. 36.

Samſtag, den 4. Mai 1872.

5. Jahrg.

ccheint Mittwoch und Samſtag. Preis monatlich 1 kr. Einzelne Nummer à 2 kr. Man abonnirt in der Druckerei, Sch gaſſe 4
und bei den Trägern Auswärts bei den Landboten und Poſtanſtalten.

Die Eisgrube.
Ein Gemälde aus der Schreckenszeit der franzöſiſchen Revolution,
mitgetheilt von Seebalde.

"Wenn ich nur einmal im Leben noch meinen wackern
Bruder Fritz wiederſehen ſollte!" äußerte oft mein theu-
rer, nun ſchon längſt entſchlafener Vater. "Noch wollte
ich ihn malen, den ſechszehnjährigen Heldenjüngling wie
er in der Roßbacher Schlacht an der Spitze einer kleinen
Schaar Freiwilliger die franzöſiſche Batterie erſtürmte, wie
er mit dem Säbel in der Fauſt ſich den donnernden Feuer-
ſchlünden entgegenſtürzte. Leider hielt ſtrenge Ordre mein
Regiment auf einer Anhöhe feſt, wir mußten knirſchend
daſtehen, ſchon ſeit einer Viertelſtunde den feindlichen Ku-
geln ausgeſetzt und müſſig dem großen Trauerſpiel zuſe-
hend, an dem wir ſo gern Theil genommen hätten. Und
neben mir mähte der Tod, mancher brave Kamerad ſtürzte
zuſammen - ich achtete es nicht! Mein Auge war ſtarr
auf den Punkt gerichtet, wo mein Bruder kämpfte. Jedes
Geſicht erbleichte von Schreck und Todesfurcht - nur das
meine glühte - denn ſoeben hatte mein Bruder den
Sieg errungen. Da verhüllke plötzlich ein ungeheurer
Qualm dio ſtreitenden Maſſen und auch ich ſank in die-
ſem Augenblick, ſchwer verwundet, beſinnungslos darnieder.
Der glänzendſte Sieg war errungen - aber leider mein
geliebten Bruder für mich auf immer verloren. Er ſei
gefangen, ſagten die wenigen Tapfern, die aus dem hitzig-
ſten Kampfe, in welchen ſie mein Bruder führte, zurück-
kehrten, einſtimmig aus. Auf dem Schlachtfelde ward er
nicht gefunden - er lebte alſo - aber wo? - Nie hab'
ich, ſelbſt nach geſchloſſenem Frieden, Aufſchluß darüber
erhalten."
J, er lebte. - Wunderbarer Zufall! - ich, ſein
Neffe, ſollte ihn nach ſo langen, langen Jahren wiederfin-
den, und wie wiederfinden! - den Unglücklichen!

einem fremden Lande, unter fremden Menſchen nit erwar-
tet hätte. Bald ſtand ich mit dem kenntnißreichen Arzte
in den freundſchaftlichſten Verhältniſſen und obgleich er
beinahe dem Greiſenalter nahte, ſo war doch ſeine Unter-
haltung ſtets ſo lebendig, ſo witzig und dabei ſo belehrend,
daß ich ſehnſuchtsvoll den Abenden, wo er mich gewöhn-
lich auf ein paar Stunden zu beſuchen pflegte, entge-
gen ſah.
Jch fühlte mich ziemlich wieder hergeſtellt, als er mir
eines Morgens ankündigte, er müſſe auf ein paar Tage
verreiſen. Dieß war mir wirklich äußerſt unangenehm.
Es traf richtig ein, was ich gefürchtet hatte; mich quälte
die furchtbarſte Langeweile, da mein lieber Wirth nicht
zugegen ſein und mit mir plaudern konnte. Viel früher,
als gewöhnlich, warf ich mich auf's Bett und verſchlief
auch den erſten Abend glücklich. Am zweiten verſuchte ich
daſſelbe Mittel; doch gegen Mitternacht ward ich bei hel-
lem Mondſchein wieder ſo munter und aufgeregt, daß es
mir ſchlechterdings unmöglich war, auf meinem Lager aus-
zuhalten. Verdrießlich ſtand ich auf, zündete zwei Lichter
an und öffnete die Thüre weit, mehr Kühlung zu genie-
ßen. Dann nahm ich meinen lieben Oſſian hervor, um
mir die Grillen und eine fatale Hypochondrie, die mich zu
quälen anfing, zu verſcheuchen.
So ſaß ich bis gegen ein Uhr, vertieft in den alten
Schotten, als mit einem Male ein ſonderbares Geräuſch
im Vorſaale mich ſtörte. Eben ſprang ich auf, nachzu-
ſehen, was es bedeute - da ſchritt durch die offene Thür
meines Zimmers ein ſteinalter Mann von verſtörteſtem
Anſehen langſam feierlich herein. Ein Paar hohle Augen
aus geiſterbleichem, von Gram zerriſſenem Antlitz ſtarrten
mich entſetzlich an. Zwei ſilberweiße lange Locken ringel-
ten ſich von dem faſt kahlen Schädel weit herab. Um
ſeine Schultern hing ein ſchwarzes Kleid nach uraltem
Schnitt, woran mehrere Trauerflöre befeſtigt waren. Das
aufgeriſſene Hemd zeigte die entblößte Bruſt. Nachläſſig
hingen ſchwarze Strümpfe von den abgezehrten Beinen auf
die unbeſchuheten Füße herunter. Betroffen bebte ich zu-
rück. - Ein nie empfundenes, ähnliches Schrecken ſträubte
mein Haar, als dieſe wunderbare Erſcheinung ſtarr -
unbeweglich, wie ein Geſpenſt vor mir ſtand; aber wie
ward mir - als ſie plötzlich die Arme ausbreitete, laut
aufſchrie, mit den Worten: "Mein Sohn, hab' ich Dich
wieder!" auf mich zuſtürzte und mit ihren dürren Armen
feſt umklammerte. Jch war wie vom Donner gerührt,
als ich in den kalten, abgeſtorbenen Geſichtszügen, die ein
augenblickliches Jugendfener wieder zu beleben ſchien, Aehn-
lichkeit mit meinem verſtorbenen Vater erblickte.

Jm Jahre 1810 machte ich eine Reiſe durch Frankreich.
Bei meiner Ankunft in Avignon überfiel mich ein heftiges
Fieber. Der mir empfohlene Arzt, ein gefälliger, lieber
Mann, drang ſogleich darauf, daß ich das Hotel, in wel-
chem ich abgeſtiegen war, verlaſſen und ſein geräumiges
Wohnhaus beziehen mußte, wo der Kranke, wie er verſi-
cherte, die beſte Abwartung und Pflege finden würde. Dieß
beſtätigte ſich denn auch. Man behandelte mich mit einer
Aufmerkſamkeit, Sorgfalt und Liebe, die ich wahrlich in
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