Heidelberger Volksblatt — 5.1872

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des Reiches gewaltſam eingriff, dadurch geſühnt wird. Als
ihm der König im Palaſt von Belem, unmittelbar nach
der furchtbaren Kataſtrophe, rathlos, zitternd und weinend
entgegenrief: "Was iſt zu thun, um dieſem Strafgericht
des Himmels zu begegnen?" ſprach Pombal die unvergeß-
lichen Worte: "Die Todten begraben und für die
Lebenden ſorgen." Worte, die er ſofort mit raſtlo-
ſer Hingebung zur That machte. Dieſe einfachen Worte
zeichnen in einem Zuge den großen Charakter des Man-
nes. Sie enthalten aber auch für Jeden und zu aller Zeit
die rechte Lebensmaxime: Dem einbrechenden Verhängniß
ſofort die Kraft des Geiſtes und des Willens entgegenzu-
ſetzen, vorwärts zu ſehen ſtatt rückwärts, zu handeln,
ſtatt zu klagen.

Unterhaltung verrieth noch ſehr den Einfluß ſeines Ge-
burtsortes; ſie war prompt, ſcherzhaft und lebendig, er
hatte ſogar einen leichten Accent beibehalten, der ſeiner
Ausſprache einen eigenen Reiz verlieh und ſeinen geringſten
Worten einen orginellen Charakter aufdrückte. Jch rich-
tete weitläufige Fragen an ihn über meinen Onkel, den er
beſſer kannte als ich ſelbſt und über ſeine Vorgänger. So
lange von Johann Moulinet und von dem Neffen des Prä-
ſidenten die Rede war, ließ er ſich in die umſtändlichſten
Erörterungen ein, aber ſo wie es ſich von dem Präſiden-
ten ſelbſt handelte, nahm er eine gezwungene und geheim-
nißvolle Miene an und antwortete einſilbig.
Seine Zurückhaltung reizte meine Neugierde und ich
bot Alles auf, was ſeiner Eitelkeit ſchmeicheln konnte, um
ihn zur Sprache zu bringen.
"Der Herr Präſident v. Adhemar mußte ſich ſehr
glücklich ſchätzen, Herr Doctor," begann ich, "an einem ſo
entlegenen Orte einen ſo gebildeten Mann, wie Sie, ge-
troffen zu haben"
"O, mein Herr, Sie ſind ſehr gütig, aber der Herr
Präſident erfreute ſich einer vortrefflichen Geſundheit und
ſelten war meine Sorgfalt von Nöthen; indeſſen beehrte
er mich mit mit ſeiner Freundſchaft."
"Aber vielleicht hatte er eine leidende Gemahlin, die
er liebte; in dieſem Falle mußten ſie ihm koſtbar ſein.
War er verheirathet?"
"Ja, mein Herr"
Augen nieder.
"War Frau v. Adhemar hübſch?"
"Ein Meiſterwerk, ein Herr."
"War ſie auch eben ſo gut als hübſch?"
"Ach! mein Herr, ſie war ein Engel!"
"Starb ſie hier?"
"Ja, mein Herr!"
Und Hrn. Nichaud's Augenlieder netzten ſich mit zwet
Thränen, die er mir zu verbergen ſtrebte.
"Mein lieber Doctor, es ſollte mir leld thun, in Jh-
nen elne ſchmerzliche Erinnerung geweckt zu haben; ich
bitte Sie tauſend Mal um Verzeihung."
Und ich brach von der Unterredung ab.
Als der Greis ſahe, daß ich von dem Gegenſtand ab-
wich, ſchien er wieder darauf zurückkommen zu wollen: ſo
geht es mit allen überſtandenen Schmerzen, man weckt ſie
aus dem Schlummer, worein ſie die Zeit verſenkt hat und
ſie werden wieder gewaltig hervorbrechen und das Bedürf-
fühlen, ſich zu ergießen, gleichwie ein Strom, der ſeinen
Damm durchbrochen.

(Die Haare auf dem Kopfe gezählt.) Bisher
hat es als eben ſo unmöglich gegolten, die Haare auf dem
Kopfe eines Menſchen zu zählen, wie die Sterne am Him-
mel oder die Sandkörner des Meeresgrundes. Jetzt ſoll
- ſo verſichert eine Frankfurter Zeitung - ein Deutſcher
(und bei der Geduld, die dazu gehört, konnte es nur ein
Deutſcher ſein) die Arbeit vollbracht haben, und zwar an
vier weiblichen Köpfen, die verſchieden gefärbte Haare
hatten, wodurch der Zähler für ſeine Mühe auch eine Art
von wiſſenſchaftlichem Reſultat erzielt haben will. Die
vier weiblichsn Köpfe ergaben folgende Reſultate: Der
Blondkopf hatte 140,419 Haare, der Braune hatte 109,440
Haare, der Schwarzkopf hatte 102,862 Haare, der Roth-
kopf hatte 83,740 Haare. Trotz der Verſchiedenheit der
Haarzahl waren doch die vier Kopfbedeckungen in Betreff
auf ihr Gewicht faſt gleich; demnach wurde die Verſchie-
denheit der Zahl durch eine geringere oder höhere Dicke
der einzelnen Haare ausgeglichen.

. Und Herr Nichand ſchlug die

( Johann Geiler) von Kaiſersberg, der berühmte
geiſtliche Redner im 15. Jahrhundert, nannte die Ver-
nunft "die Frau im Hauſe der Seele" und ſagte von ihr:
"Sobald ſie ihrer ſelbſt vergißt, wird im Menſchen ein ſol-
ches Getümmel, daß Alles durcheinander wüthet. O wie
ſelig iſt der Mann, der immer dieſer Frau folgt, der ſie
Meiſter ſein läßt in ſeinem Reich, um das Gebände zu
ordnen und zu regieren! Ein Menſch, der nach geregel-
ter Vernunft lebt, iſt frei, denn er wird durch das Höchſte
regiert, das in ihm iſt und woran er ein Menſch genannt
wid, das iſt ſeine Vernunft!"

(Fortſetzung folgt).

(Die Naſe) ſpielt im deutſchen Sprichwort eine große
Rolle: Der Kluge hat eine feine Naſe, der Argliſtige dreht
dem Andern eine Naſe, der Hochmüthige trägt ſie hoch,
der Vorwitzige ſteckt ſie in Alles, Verdruß und Veracht ung
zeigen ſich im Rümpfen der Naſe, der Vorlaute heißt na-
ſeweis.

Loſe Blätter.

(Der Marquis de Pombal,) einer der größten
Staatsmänner des vorigen Jahrhunderts, der in Portugal
unter dem ſchwachen Könige Joſeph Emanuel der eigent-
liche Regent war, bewies ſich nach dem Erdbeben von Liſ-
ſabon (1. November 1755) ſo großherzig, ſo wahrhaft
menſchenfreundlich, daß manche ſtrenge, harte, ja grau-
ſame Maßregel, mit der er in die verwahrloſten Zuſtände

(Ein chineſiſches Sprichwort) ſagt: Eine Tu-
gend, die ſich auf Faſten und langes Beten beſchränkt, iſt
der Tugend eines Bonzen ähnlich, welche allein den Thie-
ren nützlich iſt, die er nicht tödten darf. Ein anderes
lehrt: Wenn man Verläumdern den Mund ſtopfen will,
ſo muß man ſich niemals an ihnen rächen.
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