Heidelberger Volksblatt — 6.1873

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Heisleibergee llablltt.

Nr. 100.

Samſtag, den 13. Dezember 1873.

6. Jahrg.

rſcheint Mittwoch und Samſtag. Preis monatlich 2 kr. Einzelne Nummer à 2 kr. Man abonntrt in der Druckeret, Schifgeſſe4
und bet den Trägern. Auswärts bei den Landboten und Poſtanſtalten.

Z u ſpät!

Novelle von Clariſſa Lohde.

(Fortſetzung.)

tete er ihn aufmerkſam, legte die Hand auf's Herz
dann wandte er ſich zu den ſtill weinenden Frauen:
"Es wird bald zu Ende ſein!" ſagte er in leiſem
Tone. "Heben Sie etwas den Kopf des Sterbenden",
wandte er ſich an Frau Agnes - "das Athmen wird
ihm dann leichter werden."
Frau Agnes that es - Käthchen unterſtützte ſie
ihr war wunderbar feierlich zu Muthe - es war das
erſte Mal, daß ſie ſah, wie eine Seele ſich dem Kör-
per entrang.
Sie wagte kaum zu athmen, betend wandte ſie ſich
zu Gott und ein Schauer der Bewunderung vor der
erhabenen Größe dieſes Moments durchzuckte ihre
Seele. - Was iſt das Leben im Augenblick des To-
des, was das Leid der Welt im Hinblick auf die Ewig-
keit? - Was ſie ſelbſt gelitten in der letzten Zeit,
verſank vor ihr wie ein quälender Traum, ihr gan-
zes Sein konzentrirte ſich in dem Sterbenden, ihre
Seele ſchien mit der ſeinen ſich von dem Körper los-
zuringen! So vergingen einige bange Minuten - -
endlich ſank nach einem langen, ſchweren Athemzug
das Haupt des Kranken zurück - er war todt. Der
Doktor reichte theilnehmend den Frauen die Hand und
entfernte ſich raſch, Frau Agnes ließ ſanft den Kopf
des Todten, den ſie ſo lange gehalten, auf die Kiſſen
niedergleiten, fie wankte zu Käthchen, Mutter und Toch-
ter ſchloſſen ſich feſt in die Arme. Kein Wort wurde
gewechſelt - ſie hatten ſich in dieſer Umarmung Alles
geſagt.
Die Nachricht von dem Tode des Schulmeiſters
verbreitete ſich raſch im Städtchen; bald ſtrömten von
allen Seiten Theilnehmende herbei, die der Wittwe
ihre Hilfe und ihren Rath anboten. Einer der Erſten
war Kantor Gruber, der tief bewegt in das ſtarre
Todten-Antlitz ſeines alten, treuen Freundes ſchaute;
er übernahm es, von dem Trauerfall ſeine abweſenden
Söhne zu benachrichtigen und ſprach die Hoffnung aus,
daß Paul ſehr bald hier ſein werde, um ſeiner Braut
und deren Mutter in dieſer ſchweren Zeit zur Seite
zu ſtehen.
Aber ein Tag nach dem andern verging und Paul
kam nicht. Robert war ſogleich am andern Tage von
der nahe gelegenen Stadt herübergekommeu und hatte
ſo lange, bis Paul da ſein würde, das Nöthige in die
Hand genommen, um den Trauernden die trüben Pflich-
ten, welche die Beerdigung des Todten den Hinterblie-
benen aufgelegt, etwas zu erleichtern. So war der
Tag des Begräbniſſes herankommen. Jm großen

Käthchen fuhr auf: "Mutter", rief ſie und um-
ſchlang den Hals von Frau Agnes, während ein hei-
ßer Thränenſtrom ihrem beängſtigten Herzeu Luft
machte. Doch nur für einen Moment überließ ſie ſich
dieſem Ausbruch des Schmerzes. Die Thränen eifrig
trocknend, griff ſie nach Hut und Mantel und verließ
eilig das Zimmer. Frau Agnes ging wieder zu dem
Kranken, der noch unverändert in derſelben Lage ruhte,
immer noch das zufriedene Lächeln auf den blaſſen
Lippen. Nur die Athemzüge des Kranken gingen tie-
fer und ſchwerer als vorher - und das Röcheln auf
der Bruſt war hörbarer geworden. Jn tiefſter See-
lenangſt ſtand Agnes neben dem Kranken und blickte
in das bleiche Antlitz deſſelben, in das langſam und
allmälich die Hand des Todes ſich einzuzeichnen be-
gann. Einzelne Thränen rieſelten über ihre Wangen
herab - Alles, was ihr der Sterbende Gutes und
Liebes erwieſen, trat jetzt lebendig vor ihre Seele, ja,
ſeine letzte Stunde war ja eine Sorge für ſie und die
Tochter geweſen. - Und jetzt ließ er ſie allein in der
Welt, ſie, die ſich ſo ſtill und zufrieden unter ſeinem
Schutz gefunden hatte, kein Sturm und Ungewitter war
ihr bis jetzt nahe getreten - ruhig und gleichmäßig
ohne heftige Erregung, wie ein ſtiller, ruhiger Som-
mertag war ihr Leben bis jetzt dahin gefloſſen. Das
Haus, in dem ſie lebte, war von Kindheit an ihre
Heimath geweſen, ſie kannte kaum etwas Anderes;
und jetzt ſollte ſie hinaus, - Andere würden in die-
ſen Räumen walten, ſie hatte keine Heimath mehr. -
Schmerzbewegt ſank ſie in die Knie, ergriff die Hand
des Kranken und bedeckte ſie mit ihren Thränen und
Küſſen. - Ach, er merkte es ja nicht mehr - er, den
das zufriedene Lächeln der Seinen, ein Zeichen ihrer
Liebe, ſonſt immer ſo glücklich und heiter gemacht hatte
- er ſah nicht mehr die Thränen des Dankes und
der Liebe, die ſeine Gattin an ſeinem Sterbelager ihm
weinte.

Ein leiſes Geräuſch an der Thür ſchreckte Frau
Agnes auf, ſie erhob ſich und öffnete. Käthchen mit
dem Arzt traten in das Sterbezimmer; der Arzt nä-
herte ſich raſch dem Kranken, einen Augenblick betrach-
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