Heidelberger Volksblatt — 7.1874

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war ja zu ſpät! Sie war wie gebannt von ſeinem trau-
rigen Blicke, ſie glaubte ihn vorwurfsvoll.
"Fenno", ſagte ſie leiſe - flehend.
Sein Auge leuchtete auf.
"Fenno, vergieb mir!" ſchluchzte ſie.
"Elſinore!" flüſterte Fenno, matt ſtreckte er ihr die
Rechte entgegen. "Elſinore", wiederholte er, und ſein
Antlitz verklärte ſich in inniger Freude, aber ſchon ſchloſ-
ſen ſich ermattet ſeine Augenlider wieder und ſeine Hand
ſank kraftlos nieder. Elſinore hauchte einen leichten Kuß
auf dieſelbe, dann ging ſie; ſcheu - als habe ſie ein
Verbrechen begangen, ſchlich ſie über den Korridor.
Konnte es ihm ſchaden? Wenn er wieder kränker
würde! - Gewiß war es das Beſte, wenn ſie es dem
Arzt geſtand! - Aber nein, - Fenno war gleich wie-
der eingeſchlafen, vielleicht vergaß er es, wozu ſollte ſie
davon ſprechen. - Sie hatte ihn nun geſehen, ſie wußte:
er leote, würde leben, geſund werden - würde er auch
verzeihen, ganz und voll? Und wenn er es that - es
war ja doch Alles wie zuvor, nein, ſchlimmer noch, denn
ſonſt ſuchte ſie ſich hinter der Maske des Hochmuths zu
retten, ſuchte ſich felbſt zu täuſchen, ſich einzureden, daß
ſie ihn verachte - und hatte es doch nie gekonnt.

dazu. Dann kehrte ſie in ihr Zimmer zurück, wo ſie
mit ruheloſem Schritt auf- und abging. Gegen Morgen
klopfte der Vater an ihre Thür; ſie eilte zu ihm, doch
jede Frage erſtarb auf ihren Lippen, ſie hob nur die
Augen mit angſtvoll fragendem Blick zu ihm.
"Er iſt ermattet vom Blutverluſt eingeſchlafen; ob
er gerettet wird, kann der Profeſſor noch nicht beurthei-
len, es können Tage vergehen, ehe es ſich entſcheidet."
Tage voll dieſer Todesangſt und Qualen und Nächte
- die noch ſchlimmer waren, ſollte ſie durchleben, ehe
das erlöſende Wort geſprochen wurde? Das war unmög-
lich - ſi mußte vorher der Gewalt des Schmerzes er-
liegen! So dachte Elſinore, und doch vergingen dieſe
Tage, und ſie hoffte noch immer und fürchtete für
Fenno.
Graf Falkenburg war mehr bei Fenno, als in ſeiner
eigenen Wohnung, es litt ihn nicht dort, denn konnte
ſein Retter nicht die Augen zum Todesſchlummer ſchlie-
ßen, während er fern war! - Herr Walden bot ihm
ſchließlich an, ſeine Wohnung, während Fenno leidend
war, ganz neben den Zimmern des Letzteren zu nehmen,
und er ging mit Dank derauf ein.
Endlich trat die entſcheidende Stunde ein, und es war
ein erlöſendes Wort, das der Arzt ſprach.
"Gerettet!" klang es in Elſinore's Ohren, nnd mit
überſtrömenden Augen neigte ſie ſich an die Bruſt des
Vaters, ihn mit den Armen umſchlingend.
"Mein Kind, wie froh bin ich - er wird leben",
ſagte dieſer gerührt.
"Und darf ich zu ihm, darf ich ihn ſehen?"
"Nein, Elſinore, noch nicht; er muß geſchont werden
auch den Graſen hat er noch nicht geſehen."
Und wieder verfloſſen Tage.
Fenno lag in ruhigem, tiefem Schlafe, die Kranken
wärterin, die der Profeſſor Schucker zur Pflege beſtellt,
war eben auf ein Viertelſtündchen in den Garten gegan-
gen. Kaum war ſie die Treppe hinunter, ſo öffnete El-
ſinore ihre Thür und ſchlich leiſe hinüber in das Zim-
mer des Kranken. Sie wußte, er ſchlief jetzt, ſie konnte
es ſich nicht länger verſagen, einen Blick auf ihn zu wer-
fen, nur einen einzigen Blick, dann wollte ſie ja wieder
gehen. Mit zögernden Schritten näherte ſie ſich dem
Lager, ſie ſank auf die Knie an demſelben nieder und
blickte mit gefalteten Händen auf das ſchöne, edle An-
geſicht des Schlafenden.

Fenno ging am Arm des Grafen Falkenburg im Gar-
ten ſpazieren; noch war ſein Schritt nicht wieder kräftig
und elaſtiſch wie zuvor, der Arm noch in der Binde und
auch der Kopf noch von einem weißen Tuch umhüllt,
doch war er in der Geneſung ſchneller vorgeſchritten, als
man erwarten konnte. -
"Wollen wir uns nicht dort ein wenig ſetzen?" fragte
der Graf und deutete auf eine Bank, die von zwei al-
ten Linden beſchattet war.
Fenno nickte und ließ ſich dorthin führen.
"Sie ſind ſtets ſo für mich beſorgt, Herr Graf", ſagte
er, nachdem ſie Platz genommen.
"Fenno", verſetzte der Graf bewegt, "iſt es nicht jetzt
ihre Pflicht, mich nicht länger zurückzuweiſen? Wollen,
können Sie es verantworten, daß Sie mich hindern,
meine Schuld abzutragen? Sie haben mein Leben gerei-
tet, und ich darf Jhnen nicht einmal danken, ſoviel ich
kann?"

"Jch würde jedem Andern zur Hülfe geeilt ſein."
"Und vermindert das Jhr Verdienſt? Weil Jhre
That in Folge allgemeiner Menſchenliebe geſchah, iſt ſie
deshalb weniger groß? Und habe ich Jhnen darum min-
der zu danken? Nein, Fenno, es wäre unedel, Jhrer un-
würdig, wollten Sie auch jetzt noch meine Freundſchaft
zurückſtoßen. Sie müſſen ſich ſagen, daß meine Liebe
noch gewachſen iſt, Jhr Herz, ſo edel und gut, kann nicht
ſo kalt ſein, daß es nicht im Stande wäre, meine Liebe
anzunehmen, zu erwidern, Fenno, ich bitte Dich, weiſe
meine Hand nicht zurück."
(Fortſetzung folgt.)

Nur einen einzigen Blick! hatte ſie gedacht - es war
ja auch nur einer, daß er Minuten lang währte, fühlte
ſie nicht - ſie konnte ſich nicht losreißen. Mit tiefer
Jnnigkeit hielt ſie die Augen auf ihn gerichtet, jeder Zug
ſeines Antlitzes war ihr bekannt, und doch ſchien ſie mit
Begierde jeden einzelnen einzuprägen. Aber eins fehlte,
das ſchöne dunkle Auge war geſchloſſen, wenn er es doch
öffnete! Und wie ſie es noch dachte, ſchlug er es groß
und erſchrocken auf. Auch Elſinore erſchrack in tiefſter
Seele, man hatte es ihr ja ſo eft wiederholt, daß jede
Aufregung ihm ſchädlich ſei, und mußte es ihn nicht er-
regen - empören, ſie, die ihn gekränkt und beleidigt,
zu ſehen? Was ſollte ſie thun? Fliehen? - Ach, es
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