Heidelberger Zeitung — 47.1905 (Januar bis Juni)

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Sarrrstag, 26. Angust 1805.

Erstes Blatt.

47. Jahrgang. — Nr. 199.

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Die Vorgänge in Deutsch-Ostafrika.

Gogen den Gouverneur Graf Göhen erhebt die „Köl-
nische Zeitung" schwere Viorwürfe, indern sie behauptet,
die Unruhen seien dadurch wirksanr gefördert, wenn nicht
hervorgerufen worden, datz die nötige Fiihlung zwischen
der deutschen Verwaltung und den Eingeboreneir fehlte.
Daran sei aber der Gouverneur schuld, der seinen Be-
amten das Herumreiscn in> ihrem Bezirk nach Möglichkeit
einschränke. Anknüpfend an eine Stelle in dein Bcricht
des Kolonial-Wirtschaftlichen Koniitees, worin es heißt,
daß der in Litvale befehligende Unteroffizier aus Mangel
an Reisemitteln einen Teil seines B-ezirks noch gar nicht
habe besuchen können, obwohl er beinohe zwei 'Jahre auf
seinem Poften sei, schreibt das rheinische Blatt:

„Wir müssen zu unserm Bcdauern sagen, daß uns ähnliche
Klagen schon seit längerer Zeit von verschiedenen Seiten zuge-
gangen sind. Der Gouverneur Graf Göhen soll mit Strcnge
darauf sehen, daß überall Frieden um jeden Preis gehalten
werde. Kleincre oder größere Strafzügc, dic nach Ansicht der
mit den örtlichen Verhältnissen doch zweifellos am besten ver-
trauten Stationsleiter unbedingt erforderlich sind, hat das Gou-
vernemcnt streng verboten. Die Ansicht ist in maßgebcnden
Kreisen hier und da verbreitet, daß der Gouverneur der beste
und genehmste ist, von dem man so wcnig wie möglich in
Deutschland hört, d. h. jede Mcldung übcr Unruhen wird un-
angenehm empiunden. Frieden s tout prix schcint uus abcr
esne falsche und dabei recht kostspielige Politik zu sein. Der
persönliche Einfluß der Bezirksamtmänner und Stationsleiter
auf die Bevölkerung ist in der Kolonie der maßgebcnde. Sie
müssen dic volle Frciheit haben, diesen Einfluh ausübcn zu
können. Das können sie aber nicht von ihrem Amtszimmer im
Bezirksamte oder der Station aus. Sie müffen im Bezirk
herumreisen und zwar oft . . . Die Hauptsache scheint uns,
daß gerade diese in hervorragender Weise politischen Beamten
selbst so bcweglich wie möglich sind und auch in entferntcrcn
Landschaftcn diesc Neisen nicht lediglich ihren Unterorgancn
übcrlassen. Wenu dicse aber, wie in Liwalc, aus Mangcl au
Mitteln solche Reisen überhaupt nicht ausführcn können, so
kann man sich schließlich nicht wundern, wenn die Bevölkerung
jede Verbindung rnit der Regierung verliert und unbotmähig
wird-"

Das mag alles richtig sein. Nur will uus scheiiren,
öatz ma>n wieder emmal den Grafen Götzen für eine Po-
litik verantwortlich inachen will — wie früher den
Obersten Leutwein in Südweftafrika —, für die andere
Leute im Grunde die Berantwortung tragen. Die k o -
loniale Knauserpolitik unseres Reichs-
tags kostet uns in Südwestafrika jetzt Hunderte von
Millionen. Auf ihr Konto sind letzten Enües auch die
jetzt für Oftasrika notwendig werdenden Ansgaben
zu sehen. _

Deutfches Reich.

— Jn Friedrichsroda ist am' 23. August der Wirkliche
Weheime Rat Karl Goerin g, chemals Chsf der
Reichskanzlei, gestorben, der zu den Zeiten des Reichs-
kanzlers Grafen Caprivi eine höchst einflutzreiche Stel-
lung eingenomnwn hat, mit Caprivis Fall aber gleichzei-
tig von der Palitifchen Mihne abtreten mnßte. Gvsring,
der in der Mittc der 70er Jahre stand, war 1852 als
Auskultator in den Justizdienft getreten. 1891 kam er,
als Dr. v. Rottenburg zum Unterstaatssekretür im Reichs-

amt des Jnnern ernannt wurde, als dessen Nachfolger in
die Reichskanzlei, und erwarb fich hier als Mitarbeiter
beinr Abschluß der Caprivischen Handelsver-
träge besondere Verdienfte, wodurch er sich freilich die
Gegnerschaft einer großen nnd mächtigen Partei zuzog.
Als Caprivi im Oktober 1894 gestürzt worden war, er-
hrelt Golering zunächst einen Urlanb und dann trotz an-
fänglichen Sträubens gegen seine Pensionierung wie ge-
gen die Uebernahme eines andern Reichsanrts im Ja-
nuar 1895 seinen Abschied. Mt üer Wahrnehmung sei-
ner Amts'geschäfte war bereits Ansang November 1894
der Geheimrat v. Wilmowski beauftragt worden, der
dann 'ieben Jahre an der Spitze der Reichskanzlei gestan-
den hat und sertdem Oberpräsrdent der Provinz Schles-
Wig-Holstein ist. Den Charakter als Wirklicher Geheimer
Rat mit deni Prädikat Exzellenz hatte Goering mn 28.
März 1893 crhalten.

— Die „.Hamburger Nachrichten" erhalten aus Ber-
lin anscheinend inspirierte Mittesiungen über den R ück-
tritt Leutweins. Dieser sei ans rein militärischen
Gründen erfolgt. Leutwein hätte, obgleich keine nen-
nenswerte Beeinträchtigung seiner Felddienstfähigkeit
vorläge, keine anderweitige BerlvLndung im Heere gefun-
den, iveil er bei seinem Eintreffen in Berlin aus seinem
Wunsch, nnter günstigeren Verhättnissen in den alten
Wirkungskreis wieder zurückzukehren, zu wenig ein Hehl
gemacht und sich zu nachdrücklich „zur Berfügnng" ge-
stellt habe, was nach Lage der Verhältnisse und nach dec
ihm gewordenen Behanülung für unsoldatrsch angesehen
wurde. Dah Generalmajor Leutwein sehr geneigt war,
auf seinen alten Posten zurückzukehren, hatte er gleich
bei seiner Landung anch zu dem Gewährsmann der
„Haniburger Nachrichten" geänßert. Wenn Generalleut-
nant v. Trot'ha eine gewisse Empfindlichkeit gegen-
über gelegentlichen Eingriffen des Reichskanzlers an den
Tag gelegt habe, fo wird dies von der gleich-en Jnforma-
tionsguelle damit erklärt, daß Trotha mit ber Ueber-
zeugung Trier verlassen habe, er unterstehe nur dem
Kaiser und dem Chef des Generalstabs. Die Oppo-
sition, welche sich in Berlin gegen das Syftem Trotha gel-
tend mache, habe kein-e Spitze gegen seine Perfon.

— Das amtliche Progranim für den englischen
Flottenbesuch ift wie folgt aufgestellt: Swine-
mündc (Stettin): Ankunft Montag, 28. August, Abfahrt
Dienstag, 31. Augusi. (Sapphir und Torpedobootzer-
störer, detachiert am 31. August.) Neufahrwasser (Dan-
zig): Ankunft Freitag, 1. September, Ahfahrt Montag,
4. September. Kopenhagen: Ankunft Freitag, 8. Sep-
tember, Wfahrt Dienstag, 12. September. Jnwergondon:
Ankunft Freitag, 15. September, Abfahrt Dienstag, 21.
September (Kohleneinnahme). Lerwick: Ankunft Frei-
tag, 22. September.

— Nach dem zum Parteitag erstatteten Bericht des
s o z i a l d em -o k ra t i s ch e n P a r t -e i v v r st a n d es
hatte die Parteikasse iin Berichtsjahr 1904—05
eine Einnahme von 723 069 Mark, wobei Ueberschuß
des „Vorwärts" und der Buchhandlung „Vorwärts" mit

rund 180 000 Mark figurieren. Mit dem vorhandenen
Bestand erhöht sich die Summe auf 746 697 Mark. Die
Ansgaben betrugen 499 118 Mark; weitere 224587 Mk.
hat die Partei zur K a p i t a l a n l a g e verwandt, schon
bisher 33 247 Mark an Zinfen vereinnahmt. Die Haupt-
ansgabepoften waren Agitation, dte einschließlich der
Wahlagitation rund 160 000 Mark gekostet hat, und
Darlehen — ungefähr die gleiche Summe —, dte in der
Hauptsache zur Unterftütznng der ParteiPresse dienten.

Elsaß-Lothringen.

— Jedesmal, wenn im deutschen Bezirk die Fleisch-
preise steigen und gegmüber denen in Frankreich um ein
Bedeutendes höher sind, wird auf der Grenze zwischen Weiler
und Lubine anf der Urbeiser Höhe bei der Wirtschaft „^.u
prsmisr 1frau«M8" eine Fleischbank crrichtet. Ein fran-
zöstscher Metzger bringt dahin sein Fleisch, um es den im
Grenzgebiete wohnhaften deutschen Bürgern zu verkaufen.
Es ift nämlich erlaubt, 5 Pfund frisches Flcisch — also
nicht geräuchertes Fleisch odcr Wurstwaren — nnverzollt
einzuführen. Die Preise sind trotz des Transportes von 8
Kilometer an die Grenze viel tiefer als bei uns. Schweine-
fleisch kostet 60 nnd t>4 Pfg., Rindfleisch 56 und 60 Pfg.
BesonderS das Schweinefleisch findet großen Absatz, da das-
selbc sich auf längere Zcit, eingepökllt, anfbcwahren läßt.
Man sicht daher an den Samstag Abenden ganze Scharen
mit Körben auf den Grenzkamm schreiten, um sich für die
Woche mit wohlfeilem Fleische zu versoigen.

Aus der Karlsruster .^eitnug.

— Seine Königliche Hoheit dcr Grotzherzog haben den
Betriebsinspektor Berthold Schmider von Waldshut nach
Basel und den Bahnverwalter Alfred Späth in Triberg auf
sein Ansuchen unter Verleihung des Titels Betriebsinspektor
aus 1. Januar 1806 bis zur Wiederherstellung seiner Gesund-
heit in den Rubestand versetzt.

Ausland-

Oesterreich-Ungarn.

W i e n, 23. August. Rund acht Sbunden hat gestern
ber greise Kaiser Franz. Zoseph in Jschl mit seinen Mi-
nistern Rats gepflogen. Um 10 Uhr empfing er den ge-
meinsamen Kriegsminister v. Pitreich, um 11 Uhr den
ungarischen Ministerprästüenten Frhrn. v. Fejervary, d-er
bis 1 Uhr bei ihm verweilte. Daran schloß sich unmit-
telbar ein Ministerrat unter Vorsitz des Kaisers, wora-n
die gemeinsamen Mnister Graf Goluchowski, v. Pitreich
und Frhr. v. Burian, der Reichsfinanzminister, sowie die
beiderseitigen Ministerpräsideisten Frhr. v. Gautsch und
Frhr. v. Fejervary teilnahmen. Dieser Mnisterrat
währte bis f^6 Uhr. Er war aber noch nicht der letzte
Sfaatsakt des Tages, denn auf ihn folgte eine abermalige
fast einstündige Beratung des Kafsers und Bavon Fejer-
varys. Schon aus diefen Aeußerlichkeiten -ergibt sich, daß
gestcrn ernste Ding e ii^

Leider muß man sern-e Neug D-
halt nnd das Ergebnis diese
denn der Ministerrat hat Gc ^
ßungen beschlossen und die

-Zum Stapellauf des flröhten deutschen Ozean-
dampfers.

Am 29. August findet auf der Werft des Stettiner
Vulkan der besonders feierlich geplante Stapellauf 'des
Dampfers „Kaiserin Auguste Viktoria" der Hamburg-
Amerika-Linie statt. Tas Ereignis hat deswegen unge-
wöhnliche Vorbcreitungen veranlaßt und die Aufnierk-
samkest weitesler 5treis-e auf sich gez-og-cn, weil es sich nach
länMrer Zeit wieder einmal um die Taufe eines moder-
NM „technischen Wunders" allererster Ordnung handelt,
'Änes Ozeandampfers, der in vieler Beztehung über alles
bisher Vorhandene hinausgeht nnd dazu bestimnit ist,
die im internationalen Wettbewerb so viel gerühmte Lei-
stungsfähigkeit der deutschen Qzeanfahrt abermals um ein
-gut Teil zu vervollkonnunen. Jn Würdigung dieser Dat-
ssche hat der deutsche Kaiser bekanntlich beschlossen, mit
seiner hvhen 'Gemahlin und vielen anderen hervorrageirden
Persönlichkeiten den Feierlichksiten des Stapellauses bei-
Zuwohnen. Ein-e kurze zusammensassende Schikderung des
Schisfes und seiner Anfgaben wird im gegenwärtigen
Augenb.lick willkommen sein.

Die Kaiserin Auguste Viktoria ist ein in Deutschland
veuer Schiffstyp. Am ibesten kann dieses Schiff mit den
riesigen L-Dampfern der Hamburg-Amerika-Linie in
Äergleich geftellt werden, die Ende der 90er Jahre des
bvrigen Jahrhunderts von der Ha-nchurg-Amerika-Linie
^rbaut wurden und bisher die größten kombinrerten Paf-

sagier- und Frachtdampfer Deutjchlands göblie'ben stnü.
Die. Eig-enart diefer Dampfer ist eine gewisse Universalität
ihrer Derwendungsmöglichkeit. Sie dienen dem vor-
nehmsten Kajütspassagierverkehr ebenso wie dern umfang-
reichsten Auswandererverkehr 'und Gütertransport. Das
Gleiche gilt von üem nenen Dampfertyp, dem dfs „Kai-
serin Auguste Viktoria" angehört; nur daß die einstigen
Riesen des Ozeans, die ?-Dampfer, vor den Größenver-
hältniss-en dieses Mammutschrffes rn die zweite Reihe
treten. Tie Hamburger Pretoria — einer der vi-sr Ham-
burger L-Dampfer — ist taOsttz Meter lang, die „Kai-
serin Auguste Metoria" 206; jenes Schiff hstt einen
Brutto-Rauminhalt von 13 234 R-eg.-Tons und die viel
bestaunte Tragfähigkeit von 14 130 Gewrchtstonnen, die-
ses aber mißt 25 000 Registertons und trägt alles in
allein rund 21 000 Tonnen. Nach s-einem Brutto-Raum-
inhalt ist die „Kaiserin Auguste Victoria" das grötzte
Schiff der Welt, und was 21 000 Tonnen Tragfähigkeii
bedeuten, erkennt man daraus, dah diese Last 420 000
Zentnern oder der Tragfäliigkeit von 2100 Eisenbahn-
Waggons gleich komnit.

Sinngemäß darf der neue Dampfertyp hingegen nicht
mit dem der nordatlantischeu Schnelldampfer verglrchen
werden. Dre Bauart und di-e Maschinen der „Kaiserin
Auguste Viktoria" find nicht darauf geftellt, einen neuen
Schnelligkeitsrekord zri erobern. Der 'Schnelldarnpferbau
ist speziell durch die Erfolge der deutschen Schiffsbau-
kunst zu einer Höhe gebracht worderr, die nrit den zur

Zeit verfügbaren Mtteln f D,
sert werden kann. Untcr di ^ ^
lich, datz die Hamburg-Ami
danrpfercrfolge in der ganzv^-
rhre gesamte Kraft einsetzt, j
-biete, namentlich auf dein dc D
erzielen, und das unifomehrS'
herrschende Vorliebe des
Schnelldampfer f-eit einiger S.
lassen und einer erhöhken L ^
der fchneller, aber umso gröf ^
Gaug, geringere Fahrpreis«^
Die „Kaiferin Auguste Bictor
als der Schnelldampfer „D ^.
Mster Boeite auch drei Me ^
Meter Trcfe fast drei Meter
des Schiffes z-eigt also nrehr S-
Hamburger Ozeanrenners.

17 200 Pferdekräfte, st- foll ^
schwindigkert von 17 Kn-oten ^
fahrt über den Ozean von Ei
Tage beanspruchen wird. S.

Jn seinenr Werte und
standen, tritt der Danipfer ^
als ein neuer Schiffstyp äb^
als eigentlicher Konknrreirt
Schnelldampfer. Der höhere U,
er den seiner Grötze und GS

Die heutige Nummer umfaßt drei Vlätter zusammeu 14 Seiteu.

— o
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