VI
Vorrede
den 'Bibelstudien’ (1895; 3. engl. Aufl. 1923) eine Fluchbleitafel aus Hadrumet
zugrunde und behandelte in seinem weitverbreiteten 'Liebt vom Osten’ (1908,
4. Aufl. 1923) die Zaubertexte der Papyri unbedenklich gleichwertig mit allen
andern von ihm besprochenen spätantiken Dokumenten. Es fehlt nicht an an-
dern Gelehrten von Rang und Namen, die sich neben Dieterich, Wünsch,
Deissmann um die richtige Wertung der Zauberliteratur bemühten als einer
unmittelbaren Quelle für unsere Erkenntnis des Glaubens und Aberglaubens,
der Sprache und Kultur, der 'Folklore’ im Ägypten der ersten nachchristlichen
Jahrhunderte — sie haben fast alle geistigen Zusammenhang mit jenen Vor-
kämpfern oder sind aus ihrer Schule hervorgegangen. Nur wenige stehen für
sich da, wie Otto Crusiijs, der, von Erwin Rohde beeinflußt, bei seinen
religionsgeschichtlichen und volkskundlichen Studien den Zauberpapyri größte
Teilnahme zubrachte, ohne aber Wesentliches über sie zu veröffentlichen, und
Auguste Audollent, der 1904 seine verdienstvolle Sammlung der griechi-
schen und lateinischen Defixionsbleitafeln publizierte. Daß und wie sehr
A. Dieterich und seine Mitstreiter auf dem rechten Weg waren, wenn sie die
Zauberliteratur ohne Unterschied ihren philologischen Studien einreihten und
für sie eintraten, hat schon die nächste Zukunft gelehrt: die Zahl der Forscher,
die Zauberpapyri und Fluchtafeln für ihre Arbeiten auswerteten, ist in den
letzten zwei Jahrzehnten erstaunlich gewachsen; den Nachweis kann mein
Überblick über die Benutzer der Papyrustexte erbringen (Arch. f. Papyrusforsch.
VIII 1926, 132—465), der schon jetzt wieder reichliche Nachträge erfordert.
Auch dieses Corpus der griechischen Zauberpapyri geht auf Ein-
fluß und Anregung Albrecht Dieterichs zurück. Oft betonte er in jenen
Heidelberger Seminarübungen des Sommers 1905 und im persönlichen Ge-
spräch als Hauptgrund ihrer verächtlichen Behandlung durch die philologischen
und theologischen Forscher das Fehlen einer leicht zugänglichen, allgemein
lesbaren und verständlichen Ausgabe der verstreut publizierten und teilweise
höchst mangelhaft bearbeiteten Texte. Von der ersten Bearbeitung dieser Do-
kumente, die Charles Wycliffe Goodwin für die Cambridge Antiquarian
Society geliefert (1852), bis zur letzten, die Sam. Eitrem der Norske Viden-
skaps-Akademi Oslo 1925 vorgelegt hat, sind dreiundsiebzig Jahre verstrichen.
Die Methoden der Editionstechnik haben in diesem Zeitraum gewechselt, die
Anschauungen und Auffassungen zu fast allen Problemen der Zauberpapyri
haben sich dauernd verschoben. So bieten die Erstausgaben, nebeneinander
gehalten, ein recht buntes Bild. Ch. W. Goodwin edierte Pap. XLVI des Bri-
tish Museum; dem griechischen Text ließ er englische Übersetzung und nötigste
Erklärung folgen. Ähnlich verfuhr Gustav Parthey, als er 1865 die beiden
Berliner Exemplare publizierte; auch er versah den Urtext mit einer deutschen
Übertragung, während ihm der Holländer C. Leemans eine lateinische gegen-
über stellte; seine 1885 gedruckte Ausgabe der zwei Leidener Zauberpapyri
geht mit der Grundlage ihrer Textbearbeitung in die Zeit vor 1830 zurück und
Vorrede
den 'Bibelstudien’ (1895; 3. engl. Aufl. 1923) eine Fluchbleitafel aus Hadrumet
zugrunde und behandelte in seinem weitverbreiteten 'Liebt vom Osten’ (1908,
4. Aufl. 1923) die Zaubertexte der Papyri unbedenklich gleichwertig mit allen
andern von ihm besprochenen spätantiken Dokumenten. Es fehlt nicht an an-
dern Gelehrten von Rang und Namen, die sich neben Dieterich, Wünsch,
Deissmann um die richtige Wertung der Zauberliteratur bemühten als einer
unmittelbaren Quelle für unsere Erkenntnis des Glaubens und Aberglaubens,
der Sprache und Kultur, der 'Folklore’ im Ägypten der ersten nachchristlichen
Jahrhunderte — sie haben fast alle geistigen Zusammenhang mit jenen Vor-
kämpfern oder sind aus ihrer Schule hervorgegangen. Nur wenige stehen für
sich da, wie Otto Crusiijs, der, von Erwin Rohde beeinflußt, bei seinen
religionsgeschichtlichen und volkskundlichen Studien den Zauberpapyri größte
Teilnahme zubrachte, ohne aber Wesentliches über sie zu veröffentlichen, und
Auguste Audollent, der 1904 seine verdienstvolle Sammlung der griechi-
schen und lateinischen Defixionsbleitafeln publizierte. Daß und wie sehr
A. Dieterich und seine Mitstreiter auf dem rechten Weg waren, wenn sie die
Zauberliteratur ohne Unterschied ihren philologischen Studien einreihten und
für sie eintraten, hat schon die nächste Zukunft gelehrt: die Zahl der Forscher,
die Zauberpapyri und Fluchtafeln für ihre Arbeiten auswerteten, ist in den
letzten zwei Jahrzehnten erstaunlich gewachsen; den Nachweis kann mein
Überblick über die Benutzer der Papyrustexte erbringen (Arch. f. Papyrusforsch.
VIII 1926, 132—465), der schon jetzt wieder reichliche Nachträge erfordert.
Auch dieses Corpus der griechischen Zauberpapyri geht auf Ein-
fluß und Anregung Albrecht Dieterichs zurück. Oft betonte er in jenen
Heidelberger Seminarübungen des Sommers 1905 und im persönlichen Ge-
spräch als Hauptgrund ihrer verächtlichen Behandlung durch die philologischen
und theologischen Forscher das Fehlen einer leicht zugänglichen, allgemein
lesbaren und verständlichen Ausgabe der verstreut publizierten und teilweise
höchst mangelhaft bearbeiteten Texte. Von der ersten Bearbeitung dieser Do-
kumente, die Charles Wycliffe Goodwin für die Cambridge Antiquarian
Society geliefert (1852), bis zur letzten, die Sam. Eitrem der Norske Viden-
skaps-Akademi Oslo 1925 vorgelegt hat, sind dreiundsiebzig Jahre verstrichen.
Die Methoden der Editionstechnik haben in diesem Zeitraum gewechselt, die
Anschauungen und Auffassungen zu fast allen Problemen der Zauberpapyri
haben sich dauernd verschoben. So bieten die Erstausgaben, nebeneinander
gehalten, ein recht buntes Bild. Ch. W. Goodwin edierte Pap. XLVI des Bri-
tish Museum; dem griechischen Text ließ er englische Übersetzung und nötigste
Erklärung folgen. Ähnlich verfuhr Gustav Parthey, als er 1865 die beiden
Berliner Exemplare publizierte; auch er versah den Urtext mit einer deutschen
Übertragung, während ihm der Holländer C. Leemans eine lateinische gegen-
über stellte; seine 1885 gedruckte Ausgabe der zwei Leidener Zauberpapyri
geht mit der Grundlage ihrer Textbearbeitung in die Zeit vor 1830 zurück und


