Einleitung. Die letzten Ausgrabungen und die Gründung des Museums
gekehrt war; so konnte ich der Versuchung nicht widerstehen, auch einige Wochen der mir noch
unbekannten großartigen Landschaft zu widmen. Vqlo, Larissa, Tempethal, die Meteoraklöster •
Inschriftstudien und Naturgenuß, menschlich erfreuliche und abstoßende Eindrücke im Verkehr
mit Griechen und Vlachen, Erinnerungen an den noch frisch haftenden Krieg von 1897 und
der stete Meinungsaustausch mit dem Reisegefährten machten diese Fahrt zu einer überaus
abwechslungsreichen und lohnenden. Nach der Rückkehr mußten in Athen die langen, faulen
Mai Osterfeiertage überwunden werden; dann, am Abend des 2. Mai, reiste ich mit Otto Rubensohn
nach Paros. Mein Gefährte wollte seine Ausgrabungen vom vorigen Jahre fortsetzen und vor
allem das altberühmte Demeterheiligtum finden; mir lag die Aufnahme der Inschriften am
Herzen. Kaum hatte die neue Arbeit begonnen, so wurde sie schon in einer freilich recht
angenehmen Weise unterbrochen: am 8. früh kam die Inselreisegesellschaft des deutschen
archäologischen Instituts unter Dörpfelds Führung nach Paros, unter ihr S. Hoheit der
Prinz Friedrich Karl von Hessen, der deutsche Gesandte Graf Plessen, der österreichische
Baron von Burian und viele wohlbekannte Gesichter. Wer hätte da der Einladung, ein
Stück mitzufahren, widerstehen können? So besuchteich am selben Tage den „Apollon" d.h.
Dionysoskoloß im nördlichsten Teile von Naxos, ankerte abends im Hafen von Amorgos und
genoß am 9. vor Sonnenaufgang die Annäherung an das nördliche Thor des theräischen Golfes,
und später die Fahrt an den Kaymenen und der Spitze Akrotiri vorbei, um den alten Hafen
Eleusis und um das Messavuno herum nach Kamari. Alte, längst bekannte Orte erschienen
da in neuer Beleuchtung, und nun hinauf zur Sellada und zum Evangelismos, und durch die
alte Stadt zurück bis auf den Gipfel des Elias und über Pyrgos nach Phira. Dörpfeld überließ
mir einen Teil der Führung. Aber mir selbst bot sich ein neuer unerwarteter Eindruck. Die
Felsinschriften vom Apollon Karneios sahen ganz anders aus als vor drei Jahren; Sonne, Regen
und Wind hatten allen Staub entfernt, und wo ich früher nichts gesehen, blinkten mir weiße Buch-
staben auf dem bläulichen Kalkstein entgegen. Hier winkte mir noch viel und notwendige
Arbeit! Und eine, die ich nicht wohl einem anderen überlassen durfte. Dazu kam die
herzliche Aufnahme durch alle meine guten Freunde, die Mönche vom Eliaskloster, die
Bewohner von Pyrgos und Phira, zuletzt der Anblick des Sonnenunterganges vom Dache des
deutschen Vizekonsulats. Das waren starke, bleibende Eindrücke. Nun erfolgte die Trennung;
die Reisegesellschaft steuerte nach Kreta, ich war am nächsten Mittag schon wieder in unserem
Hause am Hafen von Paros. Hier wurde das Museum studiert, Ritte nach der Ostseite
der Insel unternommen, die Häuser des Hauptortes und seine nächste Umgebung abgesucht.
Am 22. Mai begann Rubensohn am Asklepieion weiterzugraben; ich wollte daneben nicht
müßig sein und nahm ein unbebautes Grundstück der Frau Kampanis vor, mitten im Ort,
dicht unter der kleinen Akropolis, an dem hohen, aus alten Werkstücken gebauten venezianischen
Turm. Man hoffte dort in bester Lage der alten Stadt auf wichtige Gebäude zu stoßen —
und ehe man es sich versah, war man in der ältesten Schicht der Inselkultur. Das war eine
Enttäuschung. Und immer wieder wurde mein Blick nach Thera hingelenkt. In der griechischen
Kammer wurde die Frage verhandelt, ob man die Kykladenprovinz nicht besser in zwei
teilen sollte. Die Hauptstadt der nördlichen wäre Syros geblieben; für die südliche Provinz
stritten Naxos und Thera um den Vorrang. Und ganz wie Athen und Megara im sechsten
Jahrhundert, Samos und Priene im zweiten, stritt man nicht nur mit realen Argumenten, sondern
führte auch Sagen und Geschichte und archäologische Denkmäler ins Treffen. Eines Tages
schrieb mir der Redakteur der „Santorini" ergrimmt, daß der naxische Abgeordnete die Insel
Thera als Aufenthaltsort aller bösen Geister, die anderswoher ausgetrieben wären {egögiovot
ßQwJlaxeg), bezeichnet hätte. Worauf ich ihm sofort antwortete, daß weder ich noch Wilski,
der fünf Monate lang an allen Abgründen, Höhlen und entlegenen Orten herum geklettert sei,
gekehrt war; so konnte ich der Versuchung nicht widerstehen, auch einige Wochen der mir noch
unbekannten großartigen Landschaft zu widmen. Vqlo, Larissa, Tempethal, die Meteoraklöster •
Inschriftstudien und Naturgenuß, menschlich erfreuliche und abstoßende Eindrücke im Verkehr
mit Griechen und Vlachen, Erinnerungen an den noch frisch haftenden Krieg von 1897 und
der stete Meinungsaustausch mit dem Reisegefährten machten diese Fahrt zu einer überaus
abwechslungsreichen und lohnenden. Nach der Rückkehr mußten in Athen die langen, faulen
Mai Osterfeiertage überwunden werden; dann, am Abend des 2. Mai, reiste ich mit Otto Rubensohn
nach Paros. Mein Gefährte wollte seine Ausgrabungen vom vorigen Jahre fortsetzen und vor
allem das altberühmte Demeterheiligtum finden; mir lag die Aufnahme der Inschriften am
Herzen. Kaum hatte die neue Arbeit begonnen, so wurde sie schon in einer freilich recht
angenehmen Weise unterbrochen: am 8. früh kam die Inselreisegesellschaft des deutschen
archäologischen Instituts unter Dörpfelds Führung nach Paros, unter ihr S. Hoheit der
Prinz Friedrich Karl von Hessen, der deutsche Gesandte Graf Plessen, der österreichische
Baron von Burian und viele wohlbekannte Gesichter. Wer hätte da der Einladung, ein
Stück mitzufahren, widerstehen können? So besuchteich am selben Tage den „Apollon" d.h.
Dionysoskoloß im nördlichsten Teile von Naxos, ankerte abends im Hafen von Amorgos und
genoß am 9. vor Sonnenaufgang die Annäherung an das nördliche Thor des theräischen Golfes,
und später die Fahrt an den Kaymenen und der Spitze Akrotiri vorbei, um den alten Hafen
Eleusis und um das Messavuno herum nach Kamari. Alte, längst bekannte Orte erschienen
da in neuer Beleuchtung, und nun hinauf zur Sellada und zum Evangelismos, und durch die
alte Stadt zurück bis auf den Gipfel des Elias und über Pyrgos nach Phira. Dörpfeld überließ
mir einen Teil der Führung. Aber mir selbst bot sich ein neuer unerwarteter Eindruck. Die
Felsinschriften vom Apollon Karneios sahen ganz anders aus als vor drei Jahren; Sonne, Regen
und Wind hatten allen Staub entfernt, und wo ich früher nichts gesehen, blinkten mir weiße Buch-
staben auf dem bläulichen Kalkstein entgegen. Hier winkte mir noch viel und notwendige
Arbeit! Und eine, die ich nicht wohl einem anderen überlassen durfte. Dazu kam die
herzliche Aufnahme durch alle meine guten Freunde, die Mönche vom Eliaskloster, die
Bewohner von Pyrgos und Phira, zuletzt der Anblick des Sonnenunterganges vom Dache des
deutschen Vizekonsulats. Das waren starke, bleibende Eindrücke. Nun erfolgte die Trennung;
die Reisegesellschaft steuerte nach Kreta, ich war am nächsten Mittag schon wieder in unserem
Hause am Hafen von Paros. Hier wurde das Museum studiert, Ritte nach der Ostseite
der Insel unternommen, die Häuser des Hauptortes und seine nächste Umgebung abgesucht.
Am 22. Mai begann Rubensohn am Asklepieion weiterzugraben; ich wollte daneben nicht
müßig sein und nahm ein unbebautes Grundstück der Frau Kampanis vor, mitten im Ort,
dicht unter der kleinen Akropolis, an dem hohen, aus alten Werkstücken gebauten venezianischen
Turm. Man hoffte dort in bester Lage der alten Stadt auf wichtige Gebäude zu stoßen —
und ehe man es sich versah, war man in der ältesten Schicht der Inselkultur. Das war eine
Enttäuschung. Und immer wieder wurde mein Blick nach Thera hingelenkt. In der griechischen
Kammer wurde die Frage verhandelt, ob man die Kykladenprovinz nicht besser in zwei
teilen sollte. Die Hauptstadt der nördlichen wäre Syros geblieben; für die südliche Provinz
stritten Naxos und Thera um den Vorrang. Und ganz wie Athen und Megara im sechsten
Jahrhundert, Samos und Priene im zweiten, stritt man nicht nur mit realen Argumenten, sondern
führte auch Sagen und Geschichte und archäologische Denkmäler ins Treffen. Eines Tages
schrieb mir der Redakteur der „Santorini" ergrimmt, daß der naxische Abgeordnete die Insel
Thera als Aufenthaltsort aller bösen Geister, die anderswoher ausgetrieben wären {egögiovot
ßQwJlaxeg), bezeichnet hätte. Worauf ich ihm sofort antwortete, daß weder ich noch Wilski,
der fünf Monate lang an allen Abgründen, Höhlen und entlegenen Orten herum geklettert sei,



