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Nachrichten und Notizen.
Die historischen Grundkarten. In den letzten Jahren ist als neuer
Zweig der Wissenschaften „die Grundkartenforschung“ hervorgetreten. Sie
erhebt hohe Ansprüche, sie will neue Gebiete wissenschaftlicher Erkenntnis
erschliessen, sie will insbesondere den historisch-geographischen Studien
die eigentlichen und unerlässlichen Grundlagen bieten. Gegen die Brauch-
barkeit der Grundkarten und gegen die neue historisch-geographische Disziplin
wandte ich mich in zwei Artikeln, die in der Beilage zur Allgemeinen
Zeitung Nr. 52 u. 53 vom 3. und 5. März (Sonderabdruck in 8° 30 S.)
erschienen sind.
Ausgegangen ist die „Grundkartenbewegung“ von der Entdeckung, dass
die Grenzen der Ortsfluren im Wandel der Jahrhunderte stabil geblieben
seien, während die politischen und kirchlichen, die Gerichts- und Verwal-
tungsbezirke stete Veränderungen zu erleiden hatten. Bis 1400 zurück un-
gefähr, so wurde angenommen, lassen sich die modernen Gemarkungen bei
Eintragungen aller Art benutzen: der Grafschaften, Gerichtsbezirke, Kirchen-
sprengel u. s. w.; durch Benutzung der Grundkarten erziele man jene Ge-
nauigkeit der Kartenbilder, die man früher vergebens erstrebt habe.
Dass indessen die Entdeckung der Stabilität der Ortsfluren auf einem
Irrtum beruhe und dass daher der ganzen „Grundkartenbewegung“ und
„Grundkartenforschung“ die Berechtigung des Daseins fehle, suchte ich in
dem erwähnten Aufsatz zu zeigen. An der Hand einer allgemeinen Be-
trachtung der ländlichen Verhältnisse während der letzten Jahrhunderte
wollte ich nachweisen, dass die Voraussetzung der „Grundkartenforschung“:
Stabilität der Gemarkungen, irrig sei. „Das Bauernlegen und das wech-
selnde Verhältnis zwischen Bauerngut und Herrschaftsland, die Bewegungen
im Domanial- und Forstbesitz, die Marken- und Gemeinheitsteilungen, die
Zusammenlegungen und die Servitutsablösungen, die Landesmelioration
und die Kolonisation — sie alle haben dahin gewirkt, die Gemarkungen in
einer gewissen steten Beweglichkeit zu erhalten.“ Der Hinweis auf den
Wechsel des Waldeigentums allein würde genügen, um die wichtigste
Voraussetzung der „Grundkartenhistoriker“ als hinfällig erkennen zu lassen.
Man bedenke: Tausende und aber tausende ha Forstlandes wurde in
unserem Jahrhundert vom Fiskus zuerst verkauft, dann gekauft. Man be-
denke ferner: die Zuweisung grosser Waldgebiete an die Einzelgemeinden
ist vorneh ml ich erst während der beiden letzten Jahrhunderte erfolgt. Und
diese schuf nicht geringe Veränderung der Ortsfluren, sie bedeutet mächtige
Grenzverschiebungen, oft einen völligen Umschwung des früher Bestehenden.
 
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