Hubach, Hanns
Matthias Grünewald, der Aschaffenburger Maria-Schnee-Altar: Geschichte, Rekonstruktion, Ikonographie ; mit einem Exkurs zur Geschichte der Maria-Schnee-Legende, ihrer Verbreitung und Illustrationen — Mainz, 1996

Seite: 199
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5 ÜBERLEGUNGEN UND UNTERSUCHUNGEN ZUR
BESTIMMUNG DES MITTELBILDES DES
ASCHAFFENBURGER MARIA-SCHNEE-RETABELS

Nachdem wir den historischen Verlauf der Aschaffenburger Maria-Schnee-Stif-
tung, die erhaltenen Teile des dazugehörigen Altares und die von der Bildtradition
des Themas her geforderten ikonographischen Bedingungen ausführlich unter-
sucht haben, können die Ergebnisse der einzelnen Bereiche jetzt zusammenge-
führt und kann die Frage nach dem Mittelbild von Grünewalds Maria-Schnee-
Altar auf verschiedenen Ebenen neu gestellt werden. Dabei wird insbesondere die
Stuppacher Madonna auf ihre Eignung als Maria-Schnee-Bild hin zu prüfen sein.
Vorher müssen jedoch die Stellung der Aschaffenburger Stiftung innerhalb der
allgemeinen Entwicklung des Themas sowie der Stiftungskontext auf mögliche
Übereinstimmungen zu vergleichbaren Unternehmungen hin untersucht werden.
Ausgehend von der Situation in Santa Maria Maggiore um 1500, aber auch die
Zentren der Maria-Schnee-Verehrung außerhalb Roms mit in den Blick nehmend,
wird vor allem nach Parallelen zur herkömmlichen Ikonographie und Bildtradi-
tion zu fragen sein sowie nach der Rolle Heinrich Reitzmanns und dessen Selbst-
verständnis als Stifter.

Da es - wie gesehen - zu H.A. Schmids Bestimmung der Stuppacher Madonna
als Mittelbild des Aschaffenburger Retabels keine überzeugende Alternative gibt,
kann dessen Rekonstruktion im folgenden als Arbeitshypothese akzeptiert wer-
den. Dies bedingt, daß wir unser weiteres Vorgehen gezielt modifizieren und di-
rekt nach der virtuellen Eignung dieses Gemäldes als Hauptbild des Maria-
Schnee-Altares fragen können. Der Nachweis einer solchen Eignung wird nur auf
der Basis einer gründlichen ikonographischen Analyse des Stuppacher Madon-
nenbildes, über die Bestimmung genereller, den inhaltlichen Grundbedingungen
des Maria-Schnee-Themas entsprechenden Bildelementen zu führen sein. Dar-
über hinaus müssen die Motive benannt werden, die Grünewalds Gemälde mit be-
kannten Darstellungen der Madonna della Neve oder mit der liturgischen Tradi-
tion des römischen festum nivis verbinden.

In einem letzten Schritt sollen diese Ergebnisse an das Umfeld der Aschaffen-
burger Stiftung rückgebunden und Anhaltspunkte gesucht werden, die für eine
frühere Aufstellung der Stuppacher Madonna in der Maria-Schnee-Kapelle spre-
chen.

5.1 Traditionelle Elemente der Aschaffenburger Maria-Schnee-Stiftung

Nach unserem Exkurs zur Geschichte und zur Verbreitung der Maria-Schnee-
Thematik sowie zu der damit einhergehenden Entwicklung einer differenzierten
Bildtradition kann die von Heinrich Reitzmann in Aschaffenburg eingeführte in-

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