Heydemann, Heinrich
Hallisches Winckelmannsprogramm (Band 9): Vase caputi mit Theaterdarstellungen — Halle/​Saale, 1884

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TAFEL L

Das eine Bild des nivesischeu Kraters zeigt eine Komödienseene.

Auf einem von drei Beulen gestützten Logeion finden sieli drei inschriftlich bezeichnete
Figuren, innerhalb eines Zimmers, dessen Thür halbgeöffnet und an dessen einer Wand eine
dickbäuchige Oenoehoe aufgehängt ist; in der Mitte steht ein länglicher niedriger Speisetisch.
Auf demselben hat wahrscheinlich die grosse Schüssel mit Kuchen und Früchten gestanden, welche
Philotimides (4H/.OTi[/idtjg) und Charis (Xagic), gegenüberstehend, mit ihren linken Händen gefasst
halten, während sie mit den Rechten je einen essbaren Gegenstand von derselben ergriffen haben
und ihn sich gegenseitig zeigen sowie abmessen. Hinter der Frau steht der Sklave Xanthias
(Savfriag): derselbe hat sieh abgewandt und versteckt, indem er nach dem Paar umschaut, heimlich
in die Brustfalten seiner Exomis einen grossen Kuchen, den er von der Schüssel zweifelsohne
eben gestohlen hat.

Nach Jatta wäre der Gegenstand in der Rechten des Philotimides 'forse una vitta di
lana', was ich nicht zu billigen vermag: der Gegenstand muss essbar sein, soll die Pointe der
Scene, die abwägende Essgier des Paares, das doch durch Xanthias betrogen wird, nicht völlig
verdorben werden. Ich werde wol nicht fehlgehen, wenn ich darin vielmehr eine Feigenschnur
erkenne. Feigen wurden im Alterthum grade wie noch heute entweder einfach aufeinaudergepackt
oder auf Schnüre aufgezogen: Jenes zeigt das Grabdenkmal eines C. Ficarius in Verona, der als
' sprechendes Wappen' Feigen abwägt1; auf Dieses weisen zB. Alexis der Komödieudichter,
welcher von 'ovxcov -/.vliaxog oxMjavog spricht2, und Varro3 in seinem landwirtschaftlichen
Buch hin4. Der übrige Inhalt der Schüssel besteht aus Kuchen oder Gebäck von mannigfacher
Form und mit weissem Zuckerbeguss: der hohe spitze Gegenstand ist wol eine jrvQaftigb, das
breite grosse Gebäck sicher ein Brodt;. Die anderen Gebäcke sind von verschiedenster Form —
das eine rund oder kugelrund, ein zweites länglich oder eiförmig; der Kuchen, den Xanthias ent-

1) Abg. und besprochen Maffei Mus. Ver. 139,1 = Jahn Ber. dSGdW. 1861 Tai'. X Ii S. 308; die Inschrift
auch CILat. V 3608 (die durrige Polemik gegen Jahn's Deutung scheint mir ungerechtfertigt).

2) Athen, 67S E (eV AywviSt ij ''lnnioxw).

3) De re rust. I 41, 4: ... resticulas per ficus <|iias edimus perserunt et eas cum inaruerunt cumplicant ae
quo volunt mittunt.

4) In der Stelle des Aristophanes Bitter 755: (o ötjptof) xiyjjvtv wanzy iijmofiiC,wv ia-yada^ möchte
Th. Kock durch Acnderung des — uns ebenso wie den alten Erklärern ganz — unverständlichen t/modi£iov in
ifxßQo/ttwv ein Auffädeln der Feigen herstellen; mir scheint Droysens Uebersetzung: ' dann sperrt er das Maul so
auf, als sollten gebratne Tauben hinein ihm ziehn' den richtigen Sinn anzudeuten, ohne dass freilich ifl]toSt£a)i>
damit erklärt oder zu vereinen wäre — sollte ursprünglich etwa t,u7iixäL,a>v oder ifißißuC,wv dagestanden haben?

5) Athen. 047 c und 042 f.

6) Vgl. dazu Jahn Handw. und Handelsverk. auf Wandgem. S. 270 ff (Bd. V der Abhandl. dSGdW).
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