Robert, Carl
Hallisches Winckelmannsprogramm (Band 15): Scenen der Ilias und Aithiopis auf einer Vase der Sammlung des Grafen Michael Tyskiewicz: Festschrift zur Eröffnung des Archäologischen Museums der Friedrichs-Universität Halle-Wittenberg am 9. December 1891 — Halle, 1891

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Der prächtige Krater, dessen Veröffentlichung an diesem zwiefachen archäologischen Festtag uns
durch die Liebenswürdigkeit seines kunstsinnigen Besitzers, des Grafen Michael Tyskiewicz, vergönnt ist1),
giebt sich auf den ersten Blick als eine Schöpfung aus der höchsten Blütezeit der attischen Vasenmalerei
zu erkennen, jener Zeit, als Euphronios auf der Höhe seines Könnens stand und eine grosse Schar nach-
strebender Genossen, wie Duris, Brygos, Sosias und Hieron, die von dem Meister gewiesene Bahn weiter
verfolgten, unmittelbar bevor die Allgewalt der Wandmalereien Polygnots auch die Gefässmaler in ihren Bann
zog und auf ein neues, ihnen fremdes Gebiet hinüberzwang.
Zwei Kampfscenen aus der troischen Heldensage hat der Vasenmaler, den wir uns somit um die
Zeit der Perserkriege thätig denken müssen, zur Ausschmückung der hohen Bildfläche, die ihm diese vornehmste
von allen attischen Gcfässformen bot, gewählt. Die Vorderseite (Taf. I) zeigt eine Scene aus der Aithiopis.
Im Nacken und in der linken Seite getroffen liegt der jugendliche Melanippos {MsXävmjioq) mit geschlossenen
Augen am Boden; im Todeskampf krümmen sich die Finger der rechten Hand und zieht sich das rechte
Bein empor, während die erstarrte Linke noch die Handhabe des Schildes umfasst. Die Art der Verwundung
lässt erraten, dess Melanippos auf der Flucht nach rechts begriffen war, als ihm sein Verfolger den tötlichen
Streich versetzte; rücklings niedersinkend hat er dann den Helm vom Haupte verloren. Auch das Felden
jeder Angriffswaffe erklärt sich wohl am leichtesten durch die Annahme, dass er seines Speeres verlustig
und in der Seite verwundet die Flucht ergriffen hat, und es liegt kein Grund vor deshalb, wozu man gegen-
wärtig nur allzu schnell bereit zu sein pflegt, gegen den Maler den Vorwurf der Gedankenlosigkeit zu er-
heben, lieber dem Gefallenen kämpfen Achilleus (k%tXevq) und Memnon (Mtlpvov), beide jugendlich kräftige,
schlanke Gestalten, beide im reichsten Waffensehmuek. Mit weitgeöffnetem Auge dringt Achill, in der
zurückgenommenen Rechten das gezückte Schwert, auf Memnon ein, der schon getroffen mit brechendem
Auge in das linke Knie sinkt und nicht mehr das Schwert zur Abwehr zu heben vermag. Zwei Güttinnen
schliessen die Darstellung an den Ecken ab, hinter Achilleus, ihn zum Kampf anfeuernd, Athene ('Aihvaia)
im Typus der Promachos, hinter Memnon seine Mutter Eos (Hswq), die mit grossen Schritten herheieilend
den Hinsinkenden auffängt, indem sie die Linke auf seine Schulter legt und die Rechte mit flehender
Geberde dem Achill entgegenstreckt.
Neu ist in dieser Darstellung die Figur des Melanippos. Dass dem Kampf des Achilleus mit
Memnon der schon der Odyssee (6 187) bekannte Tod des Antilochos unmittelbar vorherging, melden die
niythographischen Handbücher, deren Bericht man in diesem Falle, möge man sonst über ihre Glaubwürdigkeit
urteilen wie man wolle, um so unbedenklicher auf das Epos wird zurückführen dürfen, als sie durch Pindars
berühmte Schilderung von dem heldenmüthigen Opfertod des Antilochos für seinen Vater (Pyth. VI 29 ff.), die
allgemein mit Recht als Wiedergabe einer epischen Episode gilt, gestützt wird.2) So hat man denn auch bei
den nicht gerade zahlreichen Vasenbildern, die zwischen Achilleus und Memnon einen Toten zeigen, diesen
unbedenklich Antilochos benannt3), und zwei chalkidische Vasen des sechsten Jahrhunderts geben dieser
Deutung durch die Namensbeischrift die urkundliche Sanction. Wer nun von der Popularität antiker Sage
und Poesie so gering denkt, dass er den Vasenmalern nur eine dunkle und unklare Kunde der epischen
Gesänge zugesteht, der wird sich auch nicht bedenken, diesen Melanippos lediglich der Unwissenheit des
Zeichners auf Rechnung zu schreiben und in dem Toten trotz der abweichenden Namensbeischrift vielmehr
Antilochos zu erkennen. Wer aber der Ueberzeugung lebt, dass an dem köstlichen Nationalschatz der poetisch
entwickelten Heldensage der Handwerker ebenso gut teil hatte wie der Eupatride, oder wer sich auch nur

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