Robert, Carl
Hallisches Winckelmannsprogramm (Band 15): Scenen der Ilias und Aithiopis auf einer Vase der Sammlung des Grafen Michael Tyskiewicz: Festschrift zur Eröffnung des Archäologischen Museums der Friedrichs-Universität Halle-Wittenberg am 9. December 1891 — Halle, 1891

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äginetische Künstler zum Interesse an der homerischen Dichtung anregen lassen muss, in der Hauptsache
hat Dümmler gewiss Recht. Auch erklärt sich der von ihm erkannte Einfluss ja schon zur Genüge aus
der Thatsache, dass am Ende des sechsten und Anfang des fünften Jahrhunderts äginetische Plastiker für Athen
thätig waren. Es genügt auf die Künstlcrinschrift des Onatas und die namentlich von Studniczka (E<p. dgx.
1887, 146) für diese Beziehungen zusammengestellten Beweise zu verweisen. Auch der Krater weist diese
Abhängigkeit von den Aegineten in mehr als einem Tunkte auf. Die augenfällige Uebereinstimmung des
Diomedes mit den Vorkämpfern der äginetischen Giebel wird man allerdings als Beleg dieser Abhängigkeit
vielleicht nicht gelten lassen « ollen, da diese Figur seit den ältesten Zeiten zum festen Bestand der Kampf-
typen gehört und von Duris selbst auch sonst mehrfach, z. B. auf seinen Schlaehtvasen Fig. 3—5 verwendet
ist. Um so grösseres Gewicht glaube ich auf die zweimal mit geringen Modificationen dargestellte Athene
legen zu sollen, die im Kopftypus wie in der Gewandung durchaus an die Athene des Ostgiebels und deren
nächste Verwandte von der Akropolis erinnert. Auch auf die Erfindung des rückwärts hinsinkenden Aineias
mag die Gestalt des rückwärts Hingestürzten in der Mitte desselben Giebels immerhin nicht ganz ohne
Einfluss gewesen sein.
Zu dem festen Typenbestand der Schalenmaler gehört die Gestalt des Achilleus; sie hat bei Duris
ihren Vorgänger in dem Krieger aus dem Mittelbild der oft herangezogenen Schlachtenvase Fig. 5, Euphro-
nios und Brygos haben sie in der Iliupersis 12) als Neoptolemos, der Maler der Vivenziovase als Aias ver-
wandt. Von den übrigen Figuren mag noch die auf der einen Seite als Eos, auf der andern als Aphrodite
verwendete Frauengestalt hervorgehoben werden. Zuerst ist sie, allerdings nach der andern Seite gewandt,
in der Darstellung vom Helenaraub des Thescus nachweisbar, wo sie als die dem Räuber nacheilende Ti-
mandra verwandt ist, s. Fig. 16 nach Gerhard A. V. 158: ebenso, jedoch nach links gewandt, erscheint
sie bei dem Helenaraub des Paris auf der Vase des Hieron und zweimal wiederholt als Aphrodite auf der
dieselbe Scene mit der Wiedergewinnung der Helena verbindenden Vase des Makron. Als Eos hat sie schon
Pamphaios verwandt (Gerhard A. V. 221. 222) und als Thetis beim Zweikampf zwischen Achill und Memnon
findet sie sich auf dem Fig. 11 abgebildeten Krater und auf der Mon. d. Inst. VI 5 a publicierten Trinkschale.
Wenn so Duris, wie im Grunde alle seine Zeitgenossen, die Bildhauer und Erzgiesser nicht aus-
genommen, wesentlich mit vorhandenem Material operiert, so würde man doch sehr irren, wenn man wähnte,
dass sein künstlerisches Verdienst lediglich auf die äusserliche Zusammenfügung und leichte Umgestaltung
überkommener Typen beschränkt sei. Dass ihm nicht nur eine genaue Kenntnis der Dichtung, die er
illustriert, sondern auch ein tiefes Empfinden für die darzustellende Situation innewohnt, ein tieferes sogar, wie
ich behaupten muss, als den Künstlern der äginetischen Giebel, das lehrt besser als viele Worte ein Blick
auf seine Schöpfung. Wie sich schon in der Auswahl und Gegenüberstellung der Scenen, in denen beide-
mal die göttliche Mutter ihren im Einzelkampf schwer bedrohten Sohne hier zu retten sucht, dort wirklich
rettet, ein fast epigrammatisch zugespitzter Gedanke zu erkennen giebt. so ist dieselbe Symmetrie und die-
selbe Antithese auch in der Compositum formell bis in die äussersten Consequenzen durchgeführt. Dem
Fünffigurenbild der Vorderseite, das wir durch P. .1. Meier als ein Lieblingsschema des Duris kennen gelernt
haben, steht auf der Rückseite das Schema des alten Kampftypus mit seinen üblichen vier Figuren gegenüber.
Zu dem jugendlich blühenden Kämpferpaar der Vorderseite bildet das männlich kräftige der Rückseite einen
unzweifelhaft beabsichtigten Gegensatz. Am stärksten kommt die Antithese, wie dies durchaus einem künst-
lerischen Grundgesetz entspricht, in der Mitte der Compositum zum Ausdruck. Mit gesenktem Arm macht
Achilleus, mit erhobenem Diomedes den Angriff; dieser führt das Schwert, jener die Lanze. Mit vorgehaltenem
Schild und gesenktem Schwert stürzt Memnon, mit vorgestreckten Schwert und gesenktem Schild Aineias zu
Boden, dieser den Rücken, jener die Brust dem Beschauer zukehrend, Gegenstücke vom Scheitel bis zur Sohle,
und beide von gleicher Schönheit. Bei den Eckfiguren, die einen ruhigen Abschluss geben sollen, herrscht
hingegen völlige Gleichheit. Die flehende Eos und die rettende Aphrodite sind nicht nur in Gewandung,
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