Robert, Carl
Hallisches Winckelmannsprogramm (Band 15): Scenen der Ilias und Aithiopis auf einer Vase der Sammlung des Grafen Michael Tyskiewicz: Festschrift zur Eröffnung des Archäologischen Museums der Friedrichs-Universität Halle-Wittenberg am 9. December 1891 — Halle, 1891

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sondern auch in Bewegung und Gesichtsausdruck einander vollkommen gleich; selbst die durch den Helm
des Aineias verdeckte rechte Hand der Aphrodite kann kaum in anderer Stellung gedacht werden wie die der
Kos. Mögen andere darum dem Künstler Mangel an Erfindungskraft und an Fähigkeit, seine Figuren der
Situation entsprechend zu charakterisieren, vorwerfen. Ich für meine Person zweifle nicht daran, dass diese
vollkommene Gleichförmigkeit beabsichtigt ist, ebenso beabsichtigt wie die völlige Gleichheit der Amphitrite
auf der Vorderseite und der Mundschenkin auf der Rückseite des berühmten Theseuskraters in Louvre
(Mon. d. Inst. I 52. 53), und ich glaube, dass Duris mit Bewusstsein hier ein künstlerisches Princip verfolgte,
ein ähnliches, wie am Ende des Jahrhunderts Polyklet, wenn er seine Statuen ad unum exemplum bildete.
Dieses Princip veranlasste ihn auch bei der Memnonscene von dem altüberkommenen Typus, in dem die
Mütter der Kämpfenden die Cöl&position absehliessen, abzuweichen und an Stelle der Thetis die Athene zu
setzen, weil er sie auf der Rückseite an gleicher Stelle hinter 1 Moniertes zu stellen durch die Dias genötigt
war. Aus einem anderen aber doch verwandten 0 runde haben auch die Maler der Memnonvasen im
Britischen Museum (Gerhard Trinkseh. u. Gef. D) und Bologna (Zannoni Gli seavi della Certosa XI 4
und LIII 11) die Thetis durch Nike ersetzt, um eine strengere Symmetrie mit der von ihnen geflügelt gebildeten
Kos am rechten Ende der Scene zu erzielen. Die vornehme, beinahe monumentale Form des Kraters verlangte
auch eine gewisse Feierlichkeit der künstlerischen Behandlung und eine strenge Responsion der beiden Seiten,
die aufs neue an die Giebel von Aegina erinnert. Im richtigen Gefühl für diese Forderung hat der Künstler
sowohl auf eine Mannigfaltigkeit der Motive als auf eine dramatische Ausmalung, wie sie der Maler der
Schale von Kamiros mit Geschick versucht hat, verziehtet. So lange noch das Gefühl für AVinokelmanns
„edele Einfalt und stille Grösse'- in unserer Wissenschaft lebendig bleibt, wird man ihn darum nicht tadeln,
sondern rühmen.


Fig. 16.
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