Hyrtl, Joseph
Onomatologia anatomica: Geschichte und Kritik der anatomischen Sprache der Gegenwart ; mit besonderer Berücksichtigung ihrer Barbarismen, Widersinnigkeiten, Tropen, und grammatikalischen Fehler — Wien, 1880

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138. Fascia, Taenia, Vitta.

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allerlei an ihnen auszustellen fanden, können wir auch die
Fasciae nicht ganz unbehelligt lassen. Nicht die Anatomie
allein, auch die lateinische Grammatik, hat bei der Wahl der
Termini technici unserer Wissenschaft, eine Stimme abzugeben.
Die Anatomie sagt: Fascien sind in longum et latum aus-
gebreitete, oder scheidenförmige, ganze Körpertheile um-
schliessende fibröse Häute. . Die lateinische Sprachkunde da-
gegen sagt: Fascia war nie etwas anderes als ein Band, ein
langer und schmaler Streifen irgend eines Stoffes, und in
Uebertragung auch eine schmale Binde um den Kopf, um
die Arme, um die Schenkel, um die Brust, um den Unter-
leib, oder zur Befestigung der Schuhe. Diademe, als schmale
Bänder, zum Zusammenfassen der Haare, heissen im Seneca
und Suetonius: Fasciae. Ebenso die Wickelbänder der Säug-
linge im Plautus (Fatschen der Wiener), die Wolkenstreifen
im Juvenal, die Himmelszonen im Martial, und die Streifen
cannelirter Säulen im Vitruvius. Als langes und breites,
oder gar scheidenartiges Gebilde, lässt sich Fascia nirgends
sehen. Die wortreiche Sprache der Griechen, hatte für jede
Art der Fascien einen besonderen Namen: Sparganon für
Wickelband des Säuglings, Diadema für Kopfband, Apodesmos
für die Binde, durch welche das allzu üppige Wachsthum
des Busens der Mädchen eingeschränkt wurde, Periscelis für
Schenkelbinde, Podeion für Fussbinde, Telamon für Trag-
band, Parairema für Würgeband zum Erhängen (Thucy-
dides), Othonion für kleine Leinwandstreifen zum Verbinden
der Wunden (Galen), Anadesmos für Haarband (Euripides),
und Epidesmos für chirurgische Binde (Aristoteles). Was
ferner die in Verbandarten sehr erfinderische Chirurgie des
Mittelalters Fascia nannte, war immer nur ein langer und
schmaler Bandstreif; nie ein breiter, oder gar ein röhren artiger
Leinwandfleck. Für diese beiden letzteren Verbandstücke,
cursirten nur die Ausdrücke: Splenium und Manica. Die
Sprachkunde verweist die Anatomie auf ihre eigenen richtigen
Anwendungen des Wortes Fascia, als langer und schmaler

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