Musikgenuß uml Phantasie
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Da sdiwebt hervor Musik mit Engelsdiwingen,
Verflidit zu Millionen Tön' um Töne,
Des Mensdten Wesen durdt und durdi zu dringen,
Zu überfüllen ihn mit ew'ger Sdtöne:
Das Auge netzt sidt, fühlt im höhern Sehnen
Den Götterwert der Töne wie der Tränen.
Und so das Herz erleichtert merkt behende,
Daß es nodi lebt und sdilägt und möcfite schlagen,
Zum reinsten Dank der überreidten Spende
Sich selbst erwidernd willig darzutragen.
Da fühlte sidi — o, daß es ewig bliebe! —
Das Doppelglück der Töne wie der Liebe.
Zur Erklärung dieser Stanzen möge vorgebradit werden, daß
ihre Entstehung in die Zeit von Goethes unglüddidher Leidensdvaft
für Ulrike von Levetzow fällt, und zwar in jene Tage <16. bis
18. August), da der Dichter sidi genötigt sah, die Trennung von
der Geliebten und damit den Verzidit auf bewußt gehegte, aber, wie
sich jetzt herausstellte, unerfüllbare Phantasien 1 ertragen zu lernen.
Durdi Ulrikens Entfernung hat die Wirklichkeit für Goethe an Wert
verloren, der Dichter ist dem nun einsetzenden Konflikt zwischen
Wunsch und Verdrängung nidit gewachsen und, um sich für die
Versagung zu entsdiädigen, flüchtet er in den Introversionszustand
und strebt die Wiederbelebung der verdrängten Erinnerungen und
Phantasien auf regredientem Wege an 2. Bei diesen seelisdhen Vor-
gängen greift die Musik helfend ein, denn dadurch, daß die kritische
Tätigkeit der psychisdten Zensur aufgehoben wird, ist der unbe-
wußten Erregung ein Vordringen in das Bewußtsein möglich. So
gewährt die Hingabe an die Musik das »Doppelglüdc der Töne wie
der Liebe«, die Phantasiebefriedigung der zurückgewiesenen Wunsch-
regungen. Daß hier, wo eine Wunscherfüllung aus dem Unbewußten
zustande kommt, eine bedeutende, von Tränen begleitete Affekt-
entbindung eintritt, wird uns im Hinblick auf Freuds Lehre vom
Angsttraum leicht erklärlich sein 3.
1 Goethe hatte »die kindhafte Neigung des geliehten Mädchens in seiner
Vorstellung erhöht und dem Gedanken Raum gegeben ,ihr zu gehören' und sie
sich zuzueignen« <vgl. die Ausführungen Bernhard Suphans im XV. Bande der
Schriften der Goethe-Gesellschaft, S. 12 ff.>.
3 Daß es hier auf halluzinatorische Belebung der Phantasien und Erinnerungen
abgesehen ist, geht aus der Vorliebe, mit der sich Goethe das »Bild« der Geliebten
und die einzelnen Episoden des Marienbader Aufenthaltes plastisch vor Augen
führt, hervor. Zahlreiche Beispiele dafür liefert die denselben Erlebnissen ihre Ent-
stehung verdankende »Marienbader Elegie«.
3 Die physische Begleiterscheinung des Affektes, die Tränensekretion, möchte
ich in Kürze darauf zurüdcführen, daß durch die gewaltsame Beseitigung der psychi-
schen Widerstände *die zur Hemmung verwendete Besetzungsenergie« der Abfuhr
unterliegt <vgl. Freuds Psydhologie des Ladiens in seiner lintersudmng über den
Witz und seine Beziehung zum ünbewußten). Es besteht daher eine innere Ver«
wandtschaft mit dem von Freud aufgededcten Mechanismus des Lachens, wie auch
die »erleiditernde«, »lösende« Wirkung der Tränen sdion wiederholt betont worden
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Da sdiwebt hervor Musik mit Engelsdiwingen,
Verflidit zu Millionen Tön' um Töne,
Des Mensdten Wesen durdt und durdi zu dringen,
Zu überfüllen ihn mit ew'ger Sdtöne:
Das Auge netzt sidt, fühlt im höhern Sehnen
Den Götterwert der Töne wie der Tränen.
Und so das Herz erleichtert merkt behende,
Daß es nodi lebt und sdilägt und möcfite schlagen,
Zum reinsten Dank der überreidten Spende
Sich selbst erwidernd willig darzutragen.
Da fühlte sidi — o, daß es ewig bliebe! —
Das Doppelglück der Töne wie der Liebe.
Zur Erklärung dieser Stanzen möge vorgebradit werden, daß
ihre Entstehung in die Zeit von Goethes unglüddidher Leidensdvaft
für Ulrike von Levetzow fällt, und zwar in jene Tage <16. bis
18. August), da der Dichter sidi genötigt sah, die Trennung von
der Geliebten und damit den Verzidit auf bewußt gehegte, aber, wie
sich jetzt herausstellte, unerfüllbare Phantasien 1 ertragen zu lernen.
Durdi Ulrikens Entfernung hat die Wirklichkeit für Goethe an Wert
verloren, der Dichter ist dem nun einsetzenden Konflikt zwischen
Wunsch und Verdrängung nidit gewachsen und, um sich für die
Versagung zu entsdiädigen, flüchtet er in den Introversionszustand
und strebt die Wiederbelebung der verdrängten Erinnerungen und
Phantasien auf regredientem Wege an 2. Bei diesen seelisdhen Vor-
gängen greift die Musik helfend ein, denn dadurch, daß die kritische
Tätigkeit der psychisdten Zensur aufgehoben wird, ist der unbe-
wußten Erregung ein Vordringen in das Bewußtsein möglich. So
gewährt die Hingabe an die Musik das »Doppelglüdc der Töne wie
der Liebe«, die Phantasiebefriedigung der zurückgewiesenen Wunsch-
regungen. Daß hier, wo eine Wunscherfüllung aus dem Unbewußten
zustande kommt, eine bedeutende, von Tränen begleitete Affekt-
entbindung eintritt, wird uns im Hinblick auf Freuds Lehre vom
Angsttraum leicht erklärlich sein 3.
1 Goethe hatte »die kindhafte Neigung des geliehten Mädchens in seiner
Vorstellung erhöht und dem Gedanken Raum gegeben ,ihr zu gehören' und sie
sich zuzueignen« <vgl. die Ausführungen Bernhard Suphans im XV. Bande der
Schriften der Goethe-Gesellschaft, S. 12 ff.>.
3 Daß es hier auf halluzinatorische Belebung der Phantasien und Erinnerungen
abgesehen ist, geht aus der Vorliebe, mit der sich Goethe das »Bild« der Geliebten
und die einzelnen Episoden des Marienbader Aufenthaltes plastisch vor Augen
führt, hervor. Zahlreiche Beispiele dafür liefert die denselben Erlebnissen ihre Ent-
stehung verdankende »Marienbader Elegie«.
3 Die physische Begleiterscheinung des Affektes, die Tränensekretion, möchte
ich in Kürze darauf zurüdcführen, daß durch die gewaltsame Beseitigung der psychi-
schen Widerstände *die zur Hemmung verwendete Besetzungsenergie« der Abfuhr
unterliegt <vgl. Freuds Psydhologie des Ladiens in seiner lintersudmng über den
Witz und seine Beziehung zum ünbewußten). Es besteht daher eine innere Ver«
wandtschaft mit dem von Freud aufgededcten Mechanismus des Lachens, wie auch
die »erleiditernde«, »lösende« Wirkung der Tränen sdion wiederholt betont worden


