Universitätsbibliothek HeidelbergUniversitätsbibliothek Heidelberg
Metadaten

Imago: Zeitschrift für Anwendung der Psychoanalyse auf die Geisteswissenschaften — 5.1917-1919(1919)

DOI article: DOI Page / Citation link: 
https://doi.org/10.11588/diglit.25679#0254

DWork-Logo
Overview
loading ...
Facsimile
0.5
1 cm
facsimile
Scroll
OCR fulltext
244

Dr. Sigmund Pfeifer

hinter seinem manifesten auch einen verborgenen, unbewußten Inhalt
hat, der einen in der Seele Hansens tiefbegründeten Sinn verrät,
und aus weldiem der erstere durch eine Entstellung entstanden ist.
Wird die Entstellung durch die Analyse rüdcgängig gemacht, so
verrät das Spiel seinen unbewußten Inhalt: daß die Puppe im Spiele
fiir Hans, der an seinem Inzestkomplex erkrankt ist, seine Mutter
repräsentiert, und die ganze Handlung nichts anderes ist, als die
ersehnte, phantasierte und an diesem symbolisdien Ersatz vollführte
Vereinigung mit der Mutter, also der Inzest, mit der darauffolgenden
Geburt. Er wählt zum Zwecke dieser Darstellung die ihm geläufige
und mit so vielen, man kann sagen, mit den meisten Kindern
gemeinsame sadistisdie Auffassung des elterlichen Koitus, dessen
Versinnbildlidiung dieses gewaltsame Eindringen mit dem Messer
<einem bekannten Penissymbol) in den Mutterleib ist. Dadurch nimmt
Hans die Mutter in Besitz und versetzt sich an die Stelle des
Vaters. Auch der ihn soviel beschäftigenden Phantasievon derGeburt
des Kindes wird im Spiele zum Ausdrudc verholfen und seine dies-
bezügliche Neugierde befriedigt. Wenn wir annehmen, daß der
assoziative Zusammenhang in der Analyse im seelischen Geschehen
einen kausalen und affektiven vertritt — und das können wir auf
Grund der Traum=, Neurosen=, Symptomhandlungsforschungen der
Psychoanalytiker, übrigens fmdet dieser Zusammenhang auch in
der Analyse des Spieles des ldeinen Hans eine direkte Bestätigung
—• so werden wir finden, daß die Spielfreude in diesem Falle im
großen Maße aus der Inzestlibido stammt, deren andersartige
Verwendung bei Hans die neurotische Erkrankung mit all ihren
Symptomen, mit der Angst und der Phobie hervorgerufen hat 1.

Eine andere Quelle der Spielfreude ergibt der Analyse gemäß
die analerotische Lust, die sich im Spiele in der Form einer Hand-
lung äußert, die gleichzeitig Geburt und Defäkation darstellt auf
Grund der infantilen Analgeburt=Theorie oder nach Hansens eigener
Bezeichnung der »Lumpf«theorie. <Das, was aus einem Loch der
Mutterpuppe herausfällt, das ist gleichzeitig Kind und Fäzes. Selbst
die Puppe ist ein »Lumpf«symbol.> Dadurch vereinigt er mit der
Lust aus dem Elternkomplex die analerotische.

Eine dritte Lustquelie ist der schon erwähnte kindliche Sadis-
mus, der sidr in der Auffassung der Koitus= und Geburtsvorgänge
als gewaltsamer Handlungen äußert. Im Spiele zwängt Hans das
Messer in den Bauch der Puppe und läßt es dann auf die Erde fallen 2.
Er reißt die Füße der Puppe gewaltsam auseinander, was der sadi-
stischen Auffassung der Kinder von der Geburt <Aufschneiden des

1 Aflerdings war die Krankheit und die Phobie in der Zeit, wo dieses Spiel
entstanden ist, sÄon im Abklingen begriffen VieKeicbt können wir das Ausieben
der Inzestwünsdie in Spieiform gerade als ein Zeichen der beginnenden Genesung
betrachten.

2 Vgl. das Failenlassen des Pferdes in einem anderen Spiele des Hans, wo
dies audi den Tod des Vaters bedeutet.
 
Annotationen