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Imago: Zeitschrift für Anwendung der Psychoanalyse auf die Geisteswissenschaften — 5.1917-1919(1919)

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Levy, Ludwig: Ist das Kainszeichen die Beschneidung?: ein kritischer Beitrag zur Bibelexegese
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https://doi.org/10.11588/diglit.25679#0301

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Ist das Kainszeidhen die Beschneidung?

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sdion von der Besdineidung die Rede wäre, Die Urgesdiidite er-
klärt Ersdieinungen, die die gesamte Vöfkerwelt betreffen, Es wird
der Rahmen gezeidinet, in dem Israel auftritt. Darauf zielt die
ganze Urgesdiidite ab. Mit Abraham beginnt die Geschichte Israels
und da erst ist der Platz von der Besdineidung zu reden. In der Tat
wird sie da mit feierlidien Worten im 17. Kap. V. 10 ff. eingeführt,
als Zeichen des Bundes zwisdien Gott und Israel. Außerdem ist die
Besdmeidung kein Zeichen, das jeder sieht, der einen trifft. Auf so
primitiver Bekleidungsstufe stehen nidit einmal die Wilden und das
Kainszeidien ist durdiaus nidit in so tiefstehender Umgebung entstanden.
Das zeigt sdion die grandiose Auffassung der Sünde.

Was nun die inzestuösen Wünsdie betrifft, so entfällt die eine
Stütze, daß Kain zum erstenmal einen Adcer gepfliügt, d. h. Inzest be^
gangen habe. Nicht Kain, sondern Adam hat zum erstenmal geackert,
Adams ackern ist tatsädilidi sexual=symboIisch zu verstehen, wie idh
in demselben Hefte dieserZeitschrift in der Abhandlung »Sexualsymbolik
in der biblischen Paradiesgesdiichte« gezeigt habe. Die Paradiesgesdiidite
antwortet auf die Frage: wie ham der Gesdrleditsakt in die Welt? Bei
Kain spielt der Adcer, wie wir sehen werden, eine andere RoIIe, Jene
spätere jüdisch-diristliche Tradition, die von einer Schwester Kains
spricht, ist aus einer Schwierigkeit der biblischen Erzählung entstanden.
Mit wem zeugte Kain Kinder, wenn Adam und Eva nur zwei Söhne
hatten? Da antwortet die spätere Dichtung, er hatte noch eine Schwester,
die er heiratete, und weil man sdhon beim Phantasieren war und dem
Dichter das abgelehnte Opfer als Erklärungsgrund für den Brudermord
nicht hinreichend und interessant genug war, wurde der Roman von
der Eifersudht der Briider hinzugedichtet. Die Wissensdiaft erklärt jene
Schwierigkeit ganz anders: Die Kainsgeschichte hat für sich bestanden
und ist erst später mit der Paradiesgeschichte verknüpft worden.
Damit entfällt der Roman von der Schwester. Spätere Phantasien, die
sich wie iippiges Unkraut um die Bibel ranken, diirfen nur mit
äußerster Vorsicht und nach kritischer Priifung zur Erklärung der
Genesis=Erzählungen herangezogen werden,

Wie ist nun die Kainsgeschichte zu verstehen? Was war das
Kainszeichen? Viele Mythen und Sagen der Bibel sind äthiologischer
Art, d. h, sie geben Antwort auf gewisse Fragen, sie wollen Er-
sdieinungen erklären. Mann und Weib sehnen sich nach Gesdilechts*
vereinigung, da fragt die Sage: Woher kommt dieser Zug? Und sie
antwortet: Das Weib ist aus dem Körper des Mannes erschaffen,
ursprünglich waren sie eins, darum wollen sie wieder eins werden.
Der Mythus Gen. 6 wirft die Frage auf: Warum ist das After der
Menschen jetzt viel geringer als das der Menschen der Llrzeit? Llnd
er antwortet: Weil ihre Töchter einst mit den Gottessöhnen Inzest
trieben, wurde ihr Höchstalter auf 120Jahre festgesetzt. Der Paradies*
mythus antwortet auf die Frage: Wie kam der Geschleditsakt in
die Welt? daneben aber audi auf die Frage: Warum gibt der Acker
so sdiwer seine Gaben her? Warum muß derMensch in so mühsamer,

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