Imago: Zeitschrift für Anwendung der Psychoanalyse auf die Geisteswissenschaften — 6.1920

Seite: 323
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Ober einen besonderen Traumtyp

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Uber einen besonderen Traumtyp.

Beitrag zur Analyse der Landschaftsempfindung.

Von Dr. MICHAEL JOSEF EISLER (Budapest).

Vor einigen Jahren hat Sachs in einer Arbeit (Ȇber Natur-
gefühl«, Imago, I. Jahrgang 1912, 2. Heft) den Versuch untere
nommen, »die von keinem Zweckgedanken berührte Naturlust,
also ein ästhetisches Problem, mit den Mitteln der psychologischen
Betrachtung« einer Kritik zu unterziehen. Da er seinen Ausführungen
die analytische Forschungsmethode Freuds zugrunde legte, hat er
damit ein noch unerforschtes Neuland betreten. Diesem Umstand ist
es zuzuschreiben, daß seine Arbeit, auch in Anbetracht des sehr weit-
schichtigen Stoffes, nicht als Lösung, sondern nur als wertvolle An*
regung hingenommen werden kann. In der von Sachs eingeschlagenen
Richtung ist über dieses dankbare Thema nicht weiter gesucht worden,
obgleich es sich in manchem Belang gelohnt hätte. Es liegt ja im Wesen
der Psychoanalyse, daß sie sich nicht dauernd auf den gesonderten
Kreis der klinischen Erfahrung beschränkt/ ihr steht vielmehr alles,
worin menschlicher Geist sich betätigt, nahe. Für eine derart wichtige
Frage, wie sie Sachs aufgeworfen hat, besitzt ihre Methodik, die
von Freud und seinen Schülern noch immer in unermüdlicher Weise
bereichert wird, so manche Handhabe zur Weiterförderung. Die
geeignetste und praktikabelste hat sich Sachs allerdings entgehen
lassen: die Schöpfung aus der Traumquelle. Nimmt doch in der
Bildersprache des Traumes die Natur den breitesten Raum ein,-
was sich hier als Lösung anbietet, läßt sich mutatis mutandis auf
weitere Bezirke ausdehnen. Wir wollen versuchen, diesen Weg zu
betreten, den Stoff dabei jedoch auf eine typische Erscheinungsform
begrenzen, die vielleicht geeignet ist, auch weiterreichende Folgerungen
zu gestatten. Ehe wir aber mit dem Konkreten beginnen, wollen
wir die Resultate von Sachs für den späteren Hinweis in gedrängter
Kürze anführen,

Sachs unterscheidet vor allem zwei Typ en: »das Naturgefühl
des frühen Griechentums, wie es in den homerischen Epen fest*
gehalten wurde und jenes unserer Gegenwart, das, wo nicht scharf
Umrissen, uns doch unmittelbar verständlich ist«. Als typische Bei-
spiele führt er eine Naturschilderung aus der »Odysee« und eine
Stelle aus Goethe, »Werthers Leiden«, an, »Wir sehen sogleich,
daß die zweite Stelle mit Gefühläußerungen bis zum Rande gefüllt
ist, an denen es der ersten völlig fehlt. Sie gibt nichts als eine Be*

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