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Imago: Zeitschrift für Anwendung der Psychoanalyse auf die Geisteswissenschaften — 7.1921

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Müller-Braunschweig, Carl: Psychoanalytische Gesichtspunkte zur Psychogenese der Moral, insbesondere des moralischen Aktes
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https://doi.org/10.11588/diglit.28545#0244
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haben. In ihnen wird die aktuelle Spannung deutlich, um die es
uns hier vornehmliA zu tun ist, die Spannung zwisAen dem ideal
Geforderten und den entgegenstehenden Tendenzen.
Es mag auA dienliA sein, die in Frage stehende BrsAeinung
dadurA abzugrenzen, daß wir sie gegen das StrafreAtliAe und das
Religiöse abheben. Der moralisAe Akt wird entsAeidend bestimmt
niAt durA RüAsiAt auf die strafreAtliAen Folgen, die etwa die
gegenteilige Handlung haben würde, und niAt durA RüAsiAt darauf,
daß ein Gott eine solAe Handlung wünsAt. StrafreAtliA oder re-
ligiös gereAtfertigte Handlungen sind damit niAt notwendigerweise
unmoralisA, sie können es aber sein. Man kann sie vormoralisA
oder außermoralisA nennen. MoralisA sind sie nur dann, wenn
das entsAeidend Bestimmende in ihnen niAt durA die StrafreAtliAe
oder religiöse RüAsiAt, sondern durA die moralisAe Idee vertreten
ist. Dabei kann es offen gelassen werden, ob es in WirkliAkeit
solAe rein moralisAen Handlungen gibt und ob niAt vielmehr zu*
gleiA immer andere Triebfedern unterstützend in der gleiAen RiA*
tung wirksam sind, Triebfedern außermoralisAer wie antimoralisAer
Tendenz. Der Psydioanalytiker wird das ohne weiteres bejahen. AuA
naA Kant ist das MoralisAe in seiner vollen Reinheit immer nur
Idee, ideale Forderung h
Zur weiteren Bestimmung unseres Gegenstandes mögen wir
uns fragen, ob wir irgend eine inhaltliA bestimmte Mora! im Auge
haben, und darauf die Antwort geben, daß es für unsere AbsiAten
belanglos ist, daß die Inhalte der moralisAen Forderungen naA
Zeiten und Völkern, naA GesellsAaftsgruppen, ja, naA Individuen
neben GleiAem auA starke VersAiedenheiten aufweisen. Uns inter-
essiert hier vorwiegend nur die Form des MoralisAen, die unab*
hängig von jedem Inhalt in dem Phänomen besteht, daß der Kultur**
mensA siA überhaupt Grundsätzen, Maximen, Idealen unterwirft.
Sollten wir genötigt sein, inhaltliA bestimmte Beispiele heranzuziehen,
werden wir sie freiliA zweAentspreAend unserer kulturellen Sphäre
entnehmen.

i Er sagt (Grundlegung zur Metaphysik der Sitten, 2. Abschnitt, 3. Ab*
satz): »Man braucht auch eben kein Feind der Tugend, sondern nur ein kalt*
Mutiger Beobachter zu sein, der den iebhaftesten WunsA für das Gute niAt sofort
für dessen WirkliAkeit hä!t, um (vornehmliA mit zunehmenden jahren und einer
durA Erfahrung teifs gewitzigten, teiis zum BeobaAten gesAärften Urteiiskraft)
in gewissen Augenbii&en zweifeihaft zu werden, ob auA wirkliA in der Welt
irgend wahre Tugend angetroffen werde. Und hier kann uns niAts vor dem ganz*
liAen Abfall von unseren Ideen der PhiAt bewahren und gegründete Achtung
gegen das Gesetz in der Seele erhalten, als die klare Überzeugung, daß, wenn
es auch niemals Handlungen gegeben habe, die aus solchen reinen
Quellen entsprungen wären, dennoA hier auA gar niAt davon die Rede
sei, ob dies oder jenes geschehe, sondern . . . was gesAehen soll, mithin Hand*
iungen, von denen die Welt vielleiAt bisher noA gar kein Beispiel gesehen hat . . .,
dennoA unnaAläßliA geboten seien, und daß z. B. reine RedliAkeit in der Freund*
sAaft um niAts weniger von jedem MensAen gefordert werden könne, wenn es
gleiA bis jetzt gar keinen redliAen Freund gegeben haben möAte . . .«
 
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