Innendekoration: mein Heim, mein Stolz ; die gesamte Wohnungskunst in Bild und Wort — 20.1909

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DIE PADERBORNER WERKSTÄTTEN.

Während die Kunst in ihren höheren Stufen un-
bekümmert um unmittelbare Zweckmäßigkeit und
Ökonomie nur danach trachtet, die freiwerdende Energie
der inneren Spannung in feste Form zu bringen, sind
für die angewandte Kunst, die in das praktische Leben
eingreift, Zweck und Ziel eng umgrenzt. Ihre Aufgabe
ist die ästhetische Befriedigung bestehender Bedürfnisse,
wobei der Nachdruck zum mindesten ebensosehr auf das
Wort: »Bedürfnisse« als auf »ästhetisch« zu legen ist.

Ist einmal ein Gebrauchsgegenstand geschaffen,
der seine praktische Bestimmung restlos erfüllend die
Eigenschaften des verwendeten Materiales voll zur
Geltung kommen läßt und dadurch auch ästhetisch
angenehm wirkt, so wird notwendig der (legenstand
für jene Zeit, deren Wünschen er entspricht, eine gewisse
Allgemeingeltung bekommen. Man wird ein derartiges
Stück wie z. B. den amerikanischen Schreibtisch dann als
»Normal«-Möbel bezeichnen können. Plötzlich schaffen
!äßt sich jedoch kein derartig allgemeingiltiger Typus;
er entsteht in organischem Entwicklungsprozeß als ein
Produkt der Erfahrung und Auslese. Der Weg zu ihm
führt durch vielfach differenzierte Arbeit, die durch-
gerührte Gestaltung der verschiedensten individuellen
Ansprüche ist seine notwendige Voraussetzung. Das ernste
Zusammenarbeiten von Künstlern und Handwerkein, ihr
geistiger Kraftaufwand, in den Wünschen des Bestellers
mimer neue Probleme zu sehen, die geformt werden

müssen, ist der fruchtbare Nährboden des Zeitstiles.
Aus der Gesamt-Summe des Geschaffenen, als arithme-
thisches Mittel, ergeben sich die Formen, welche die
Erfüllung der Zeitforderungen repräsentieren und darum
nicht als flüchtige Modeprodukte untergehen, sondern
als typische Erscheinungen von angemessener Dauer sind.
Al'enthalben lassen sich heute in den guten Arbeiten
der Werkstätten und Firmen für Wohnungs-Ausstattung
Ansätze und Keime zu solchen Formen finden. Auch
Bernhard Stadler in Paderborn in Verbindung mit
Max Heidrich, einem Architekten von kluger und
gesunder Art, hat sich von Anfang an mit seinem
Schaffen in der rechten Bahn bewegt. In den abgebildeten
Räumen sind trotz der Herstellung für den bestimmten
Einzelzweck so rechte »Normal«-Möbel für Mietwohnungen
enthalten. Neben den für Max Heidrich charakteristischen
abgerundeten, glatten Flächen und Profilen finden wir
hier in mannigfaltiger Variation alterprobte Formen
neu verarbeitet; alle Möbel sind jedoch so schlicht
und unaufdringlich gehalten, daß ihre Verwendung in der
verschiedenartigsten Umgebung denkbar ist. Als spezielles
Gebiet hat sich Stadler die Junggesellen- und Studenten-
bude ausersehtn und erstrebt hier ebenfalls nicht die
Herstellung eines Massen-Schemas, sondern die der per-
sönlichen Eigenart angepaßte Lösung der jeweiligen Auf-
gabe. Seine ernste und erfolgreiche Arbeit darf wohl
der Sympathie weiter Kreise gewiß sein. i.ang-danoli.

entwurf: architekt max heidrich. ausführung: bernhard stadler—paderborn.

bibliotheks-zimmer .

1909. iii. 3a.
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