Innendekoration: mein Heim, mein Stolz ; die gesamte Wohnungskunst in Bild und Wort — 20.1909

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XX. JAHRGANG.

DARMSTADT.

MAI 1909.

Bürgerliche Wohnungs-Ausstellung in Elberfeld.

Die moderne Bewegung hat ihre Sturm- und
Drangzeit überwunden. Das ist für die Er-
füllung ihrer allgemeinen Kulturaufgabe gerade
in ihrem gegenwärtigen Stadium von entscheidender
Bedeutung. Die Frage, ob sie aus einer künst-
lerischen »Richtung« zum Ausdruck einer großen
Kultur-Entwicklung werden soll, ist für sie jetzt
kritischer denn je geworden. Die Symptome der
Unreife, die ihren ersten Lebensäußerungen not-
wendigerweise anhaften mußten, hatten ihr auch
einen Teil des Publikums entfremdet, das an sich
für die Forderungen eines gesunden Fortschritts
nicht unempfänglich gewesen wäre. Und dann
hat die Enttäuschung über das Fiasko des »Jugend-
stils« die Reaktion zu Gunsten der historischen
Stilsucht neuerdings wieder sichtlich gestärkt. Um
so wichtiger ist es, daß die moderne Kunst selbst
inzwischen soweit gereift ist, daß sie den Kampf
mit derartigen Gegenströmungen aufnehmen kann.
Sie ist sachlich geworden und hat sich den realen
Bedingungen des Lebens in einer Weise angepaßt,
wovon in ihren ersten revolutionären Kraftäuße-
rungen nicht die Rede sein konnte. Ist damit die
Zeit vorüber, wo sie die Welt mit einer Fülle
neuer, aber auch herausfordernder und vielfach
irrender Gedanken überraschte, so hat sich für sie

die viel wichtigere Bedingung erfüllt, daß sich das
Vertrauen auf die Berechtigung ihrer Forderungen
befestigen konnte. Sie fängt allmählich an sich
einzubürgern und immer weitere Kreise der Wir-
kung auf den künstlerischen Charakter unserer
gesamten äußeren Kultur zu ziehen.

Gerade von dieser Aufgabe aus betrachtet sind
Ausstellungen, wie die Elberfelder Wohnungs-
Ausstellung, zu einem wahren Bedürfnis der Zeit
geworden. Sie tragen die neuen Ideen auf den
aufnahmefähigen und aufnahmebedürftigen Boden
unserer großen Industrie-Mittelpunkte, die in aller-
erster Linie dazu berufen sein sollten, den Über-
schuß des materiellen Wohlstands in ästhetische
Bedürfnisse umzusetzen, aus Entwicklungszentren
materieller Kultur auch zu Stätten künstlerischer
Kulturpflege zu werden. Dabei haben sie vor
den großen Ausstellungen unserer Kunststädte
den Vorzug eines mehr internen Charakters voraus.
Indem sie sich statt an ein fluktuierendes Fremden-
publikum an die ansässigen Elemente der Ein-
wohnerschaft selbst wenden, ersetzen sie das, was
ihnen an Breite der Wirkung abgeht, reichlich an
nachhaltiger Tiefe des Einflusses.

Hierin liegt also das besondere Verdienst der
Elberfelder Ausstellung. So wie sie zustande ge-

1909. V. 1.
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