Innendekoration: mein Heim, mein Stolz ; die gesamte Wohnungskunst in Bild und Wort — 21.1910

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INNEN-DEKORATION

NEUE LANDHÄUSER VON RUNGE & SCOTLAND.

VON DR. KARL SCHAEFER—BREMEN.

In den Vorstadtteilen Bremens, in denen durch günstige
Bodenpreise, durch alte, der Bevölkerung liebge-
wordene Gewohnheit und durch die Baupolizei-Bestim-
mungen das Einfamilienhaus in offener Bauweise noch
so vorherrscht, daß es fast die einzige Aufgabe für die
Architekten bildet, haben Runge & Scotland eine
eigene charakteristische Formensprache ausgebildet, die
man im Architekturbild des jungen Bremen nicht ver-
missen möchte. Es ist eine schmucklose, bürgerlich
schlichte Sprache, die von den Anregungen des besten
englischen Landhausbaues ebensoviel in sich enthält,
wie von der Behaglichkeit unserer alten Meister, die es
verstanden, so selbstverständlich und ungezwungen heraus-
zusagen, was sie wollten, und denen gerade die land-
schaftlichen Bauaufgaben so besonders am Herzen lagen.
Diese Architektur hat den Vorzug, daß sie weder an
eigensinnigen Prinzipien krankt, noch die Anmut ent-
behren mag. Sie läßt die Fenster wie die Augen eines
Gesichtes zu Ausdrucksmitteln der Fassade werden; sie
verraten, oder reizen doch zu raten, was hinter ihnen
liegt: hier ein helles, freundliches Stübchen für die
Tochter des Hauses, dort eine stattliche Halle, in die
der Garten am liebsten von draußen hereinwachsen
möchte. Und so wie die Fenster werden auch die
übrigen Bauglieder je nach Bedarf aus der trockenen
Notwendigkeit der Brauchbarkeit zu einer fast poetischen
Ausdrucksform gesteigert, ohne viel Aufwand und ohne
Ziererei. So wird die Treppe wieder einladend, die

Haustür ein freundlicher Vermittler zwischen Straße und
Wohnung. Das Gartenhaus oder der Wandbrunnen an
der Gartenmauer, ein Stück lauschig stimmungsvoller
Schönheit, die an fröhliche Kinder und drollige Märchen-
geschichten denken läßt.

Und über dieser Liebe zum malerisch-stimmungs-
vollen Einzelnen verlieren die beiden Künstler glück-
licher Weise das architektonische Wesen nicht aus dem
Auge. Der Baukörper ist knapp und ohne unmotivierte
Auswüchse klar zusammengefaßt; das zeigt schon ein
Blick auf die Grundrisse. Die Räume sind fast aka-
demisch klar und ruhig zusammengefügt. So ergibt
sich fast immer eine ganz selbstverständliche, einfache,
beherrschende Dachform als bedeutungsvoller Abschluß
der Architektur, sei es Giebel oder Walm.

Plastisches Ornament gibt es für diese Landhaus-
bauten nicht; eine Vorhalle aus geputzten dorischen
Säulen, eine Loggia u. dergl. sind ihnen bessere Schmuck-
motive. Wie der Garten sich dem Hause anschmiegt,
wie seine Rankengewächse als Schmuck der hellen Putz-
fassade die Verbindung zwischen Haus und Landschaft
betonen, wie Gartenzaun und Gartentür ausgebildet wer-
den, daran erkennt man wieder das malerische Empfinden
einer ungezwungen und immer neu erfindenden Phantasie.

Es traf sich glücklich, daß den Architekten Runge
& Scotland an der mit alten großen Bäumen be-
standenen Schwachhauser Chaussee ein Baugrund zur
Verfügung stand, auf den sie acht freistehende Wohn-
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