Innendekoration: mein Heim, mein Stolz ; die gesamte Wohnungskunst in Bild und Wort — 24.1913

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INNEN-DEKORATION

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ENTW.: BLAZEK. UNTERRICHTS-ANSTALT D. K. KUNSTGEWERBE-MUSEUMS-BERLIN. FACHKL. PROF. WACKERLE. SP1EOELFÜLLUNO

VON DER NEUEN DEKORATIVEN PLASTIK

Es ist heute bereits entschieden, daß dem Schmuck-
bedürfnis, dieser primärsten Äußerung des Ge-
schmackes, während der nächsten Zeiten in weit höherem
Maße Befriedigung werden wird, als man das noch gestern
glauben mochte. Die erste Periode der schlichten Sach-
lichkeit und der nackten Logik, mit der unser Ringen um
den neuen Stil anhob, ist abgelaufen; vielleicht nicht zum
Nutzen der jungen Architektonik. Jedenfalls: das be-
rüchtigte Schimpfwort von der »Kiste« hat seinen Sinn
verloren. Man macht wieder Plastik, setzt sie an die
Wand und an das Möbel. Und man begnügt sich dabei
nicht mit einem flachen, kaum spürbaren Relief, sondern
man läßt die kräftig geknetete Masse stark aus der Fläche
quellen und nähert sich so einem barocken Ausdruck.
Für solche Art ist der Ruf, den Bruno Paul an Joseph
Wackerle ergehen ließ, außerordentlich charakteristisch.
Wer hätte sich 1906 auf der ersten klassischen Ausstel-
lung des modernen Kunstgewerbes einen schärferen
Gegensatz denken können als: die kühlen, schlanken, mit
Nachdruck kubischen Möbel des Bruno Paul und die
weichwogenden, gutgenährten und starkhüftigen Puppen,
die Wackerle in die statieuse Allee des Gartens gestellt
hatte. Dort: das Zeitalter des Maschinellen; hier: eine
Nachlust des behäbig-galanten Pathos von Nymphenburg.
Und nun sind sie zueinander gekommen: der Zweck-

mäßige und der Schwelgende, der Konstruktive und der
Sinnliche. Nicht dadurch trafen sie sich, daß der Pla-
stiker sich zähmte, vielmehr dadurch: daß der Architekt
nach dem Zauber der Dekoration sehnsüchtig wurde.
Wackerle kam nicht nur zu Paul; er kam über ihn, wie
eine Leidenschaft zu kommen pflegt. Die Plastik siegte.—
Man muß wissen, daß Wackerle gewohnt war, mit kera-
mischem Material zu wirtschaften, mit einem höchst
bildsamen, fast widerstandslosen, weich schmiegsamen
Stoff. Nun sollte er Holz bearbeiten. Da vermochte er
seine Herkunft nicht zu verleugnen. Das Holz mußte.
Es hatte sich zu biegen und zu wellen, zu rollen und zu
bäumen. So entstanden kecke, technisch fast mirakulöse
Dinge. Die stutzig machten, aber eines koketten Reizes
und einer fleischlichen Gesundheit nicht entbehrten.
Girlanden wurden an die Gesimse gehangen und strot-
zende Buketts in die Füllungen gesenkt. Die Schränke
blühten wie Wiesen zur Sommerszeit. Auch sonst kamen
üppige und viel bewegliche Motive zur Anwendung,
bizarre Akte, wippende Papageien, schaukelnde Affen,
tanzende Figurinen. Mit Notwendigkeit kamen Anklänge
an die Stuckgelage des Rokokos. Es währte nicht lange,
und auch der Stuck, der verpönte, begann wieder zu
wuchern; freilich auf eine ästhetisch disziplinierte und
musikalisch abgestimmte Weise. Das lange und hart ein-
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