Innendekoration: mein Heim, mein Stolz ; die gesamte Wohnungskunst in Bild und Wort — 26.1915

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INNEN-DEKORATION

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Balkendecke. Ein Podest, auf dem die Schränke
stehen, erfüllt mehr als eine architektonische und
praktische Aufgabe. Er isoliert das Zimmer etwas
von den Festräumen, lädt zur Ruhe, zur Lektüre.
Neben der Bibliothek ein Herrenzimmer. Hier
sind einige ältere Möbel Niemeyerscher Erfin-
dung. Auch hier, wie in der Halle, ist der Kamin
echt, keine Attrappe. Niemeyer haßt Schein-
kamine und scheinbare Wachskerzen. Er scheut
sich aber nicht, alte Beleuchtungs- und Heizungs-
mittel dort zu verwenden, wo sie ihm geboten
und künstlerisch-gemütlich unersetzlich erscheinen.

Der Musikraum, durch eine breite, vierflüge-
lige Schiebetür mit der Halle mehr verbunden
als von ihr getrennt, wird für alle Zeiten eine
künstlerische Auszeichnung Essens und der Kultur
seiner vornehmsten Bürger bleiben. Das von Linien,
Flächen, Formen abhängige Architektonische ist
den Abbildungen nachzufühlen; zur farbigen Durch-
bildung nur einige erläuternde Angaben: Der
graue Nußbaum-Parkettboden wird abgeschlossen
durch einen wunderbar grauen Marmorsockel, der
ringsum läuft. Ebenso die Marmorfassung der
gemessen profilierten Türen. Silberne feine Stäbe
lindern die dunklen Aufteilungen der gelblichen

Wände aus Stucco lustro. Die altsilbernen Arm-
wandleuchter von prächtiger Erfindung und Arbeit,
die gleichartigen Beschläge der ruhigen Türen
und Schränke, das tiefbraune Holz der Möbel,
deren grau-grüner Seidendamast, auf dem grüne
oder gelbe Kissen ruhen, machen allein schon
den in mildes, weißes Licht gehüllten Raum zu
einem vollen musikalischen Genuß. Die Farben-
akkorde des Raumes werden in den meisterhaften
Supraporten Fritz Erlers aufgenommen und
umgestaltet. Sie sind farbig eins mit dem Ganzen.
In Erler fand Niemeyer den rechten Künstler.
Der Architekt hat des Malers Schöpfung, dieser
hat die des Künstlers geistreich unterstützt.

Das große übersichtliche Speisezimmer liegt
neben Halle und Musikraum. Hochpoliertes gold-
gelbes Kirschholz der Decke und Möbel über
einem Teppich mit allerlei Blau gibt die farbige
Note. Die Gestaltung der Wandvertäfelung, bald
Bild, bald Schrank, ist hervorragendes Beispiel,
wie alles, was Niemeyer bildet, Anmut und Würde,
Reiz und Schlichtheit verbindet. Die schönen
Niemeyerschen oval gefaßten Stilleben sind far-
bige und räumliche Helfer, wie die Glasschränke
mit dem farbigen Porzellan gleichzeitig belebende

PROF. A. NIEMEYER-MÜNCHEN. HOLZFEUER-KAMIN IM HERRENZIMMER DES HAUSES KRAWEHL. AUSF.: DEUTSCHE WERKSTATTEN
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