Innendekoration: mein Heim, mein Stolz ; die gesamte Wohnungskunst in Bild und Wort — 26.1915

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XXVI. JAHRGANG.

DARMSTADT

MAI 1915.

KÜNSTLERISCHES MASSHALTEN IN DER ARCHITEKTUR

ZU DEN NEUEN ARBEITEN VON PROF. CARL WITZ MANN —WIEN

Als ich kürzlich mit einem Besucher aus Deutsch-
l\ land v om Kaiserlichen Schloß Schönbrunn
kommend durch den Wiener Villenvorort Hietzing
spazierte, in dem noch eine beträchtliche Anzahl
architektonisch bedeutungsvoller Hausbauten aus
der Empire- und Biedermeierzeit erhalten ist,
kamen wir auch an einigen neuerbauten Familien-
häusern vorbei, die das Interesse meines Be-
gleiters auf das lebhafteste erregten. »Wer,
fragte er, hat diese hellen Bauten aufgeführt,
die so wienerisch anmutig und dabei unwiene-
risch logisch sind? Wienerisch durch die schlanke
und blanke Vornehmheit ihrer architektonisch-
organisch wirkenden Proportionen, die schöne
Zweckmäßigkeit ihrer Terrassierungen, ihre Süd-
lichkeit — unwienerisch durch ihren Verzicht
auf jeglichen Fassadenschnickschnack, jegliche
»malerische« Wirkung und durch ihre Phrasen-
losigkeit. Themistokles hatte gegen Ende seines
Lebens seufzend geklagt, daß der Mensch hin-
fällig wird und von der Erde geht, gerade dann,
wenn er imstande ist, das recht zu machen, wo-
rum er sich zeitlebens vergeblich mühte; und
diese Klage kehrt seit damals durch alle Jahr-
hunderte wieder. Bei dem Erbauer dieser Häuser

aber scheinen wir es mit einem Manne zu tun
zu haben, dem es vom Schicksal vergönnt ist,
tatsächlich das ausführen zu können, was in
seinem Berufe recht ist. Ich sehe dahier Häuser,
deren klare Aufteilung der Mauermassen und
ihrer Durchbrüche, wie Fenster und Türen, den
Rückschluß auf eine organische Anordnung der
inneren Gliederung und übersichtliche Weit-
räumigkeit aller Gelasse erlaubt. Wer so baut,
muß ein geistig und seelisch klar geordneter und
gesunder Mensch sein und abhold allem Dünkel
und Falsch; und wer ihn so bauen läßt, bekennt
sich als Wertschätzer der echten Architektur,
beweist somit eine nicht gewöhnliche Kultur.
Sie werden mir nicht sagen können, wer die
Besitzer der Häuser sind, und es genügt mir in
der Tat zu wissen, daß es kultivierte Menschen
sind, aber Sie werden mir sagen können, wer
der Erbauer ist, von dem Kenntnis zu erhalten
mich ja auch mehr interessiert.« . . . Ich konnte
dem von einer sympathischen Erregung ergriffenen,
wißbegierigen Frager antworten, daß der Erbauer
der neuen Häuser der Architekt Carl Witz-
mann, Professor an der Kunstgewerbeschule in
Wien ist, ein Mann, den das, jedem echten Archi-

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