Innendekoration: mein Heim, mein Stolz ; die gesamte Wohnungskunst in Bild und Wort — 26.1915

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XXVI. JAHRGANG.

DARMSTADT

SEPTEMBER 1915.

ARBEITEN VON ARCHITEKT OTTO INGOLD-BERN

VON JAKOB BÜHRER —BERN

Es ist keine Kunst, in einem reichen Volk ein
Künstler zu sein«, scherzte einmal einer
unserer eifrigsten Kunstschaffer und erörterte die
Nachteile der wirtschaftlichen Verhältnisse unseres
Landes in Bezug auf die Kunst. Und dabei war
er Maler, der seine Erzeugnisse mit Leichtigkeit
ins Ausland absetzte und dem, nachdem ihn
das Ausland anerkannt hatte, auch einheimische
Kunstspekulanten »Marktpreise« bezahlten. Wie
ungleich viel schlimmer ist der an den Grund
und Boden gebundene Baukünstler daran! —

Nun ist es ja freilich richtig, wir sind kein
»Volk von Hirten« mehr. Unsere »historische
Armut« ist, bei Lichte besehen, ein beneidens-
werter Durchschnittswohlstand, und die Spar-
kassenstatistik stellt uns an einen recht achtens-
werten Platz. Freilich, die Sparkassenstatistik!
Bei jener unseligen Umwertung des Begriffes Be-
sitz, den der Industrialismus vollzogen hat, hat
auch der Schweizer lebhaft mitgemacht und die
maßlose Überschätzung des Barwertes grassiert
auch bei uns, wie in allen Industriestaaten. Selbst-
verständlich auf Kosten der wirklich genießbaren
Sinnenwerte. Mit andern Worten, das Bestreben
geht dahin, möglichst viele, möglichst unpersön-

1915 IX. 1.

liehe, jederzeit verlustlos austauschbare, zins-
bringende Güter zu sammeln, und nicht dahin,
das Leben seiner nächsten Umgebung möglichst
inhaltsreich, gehalt- und formenfroh zu gestalten.
Dieser »Zug der Zeit« ist aber für ein kleines
Land, wie die Schweiz, um so verhängnisvoller,
als eben die Erwerbsmöglichkeiten, der Konkur-
renzkampf eines sehr arbeitswilligen und arbeits-
tüchtigen Volkes die Ansammlungen einzelner
großer Vermögen fast ausschließen; der beschei-
dene Wohlstand aber erhält sich seine Vorliebe
für den Barwert, und die Folge ist, daß bei uns,
mehr als anderswo, der Grundsatz herrscht:
schlecht und billig. Der Mangel an Großkapital,
das es sich leisten kann, die Tauschfähigkeit eines
Gutes gering einzuschätzen, bringt uns aber auch
um das anspornende Beispiel, das den wohl-
habenden Bürger anreizen könnte, sich mit »Prunk«
hervor zu tun. Diese wirtschaftlichen Verhält-
nisse bringen es mit sich, daß der Begriff »Luxus«
bei uns recht eng begrenzt ist, und wenn unsere
kleinbürgerliche Wohlhabenheit hier und da noch
Geld überflüssig hat für allerlei Geschmacklosig-
keiten, so schreckt sie doch vor den angemessenen
Preisen redlicher Kunstarbeit immer noch zurück.
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